den Hofrath erblickte . Sein Gespräch unterbrechend , fragte er mit offenbarer Theilnahme : „ Ist es denn wahr , Herr Hofrath , was mir Doctor Berndt berichtet ? Der junge Doctor Brunnow soll gänzlich außer Gefahr sein . Nach den früheren Nachrichten hat mich das vollständig überrascht . “ „ Ich bin nicht weniger davon überrascht worden als Excellenz , “ versicherte der Hofrath . „ Ich wollte es anfangs nicht glauben , aber es wird mir noch von anderer Seite bestätigt , hier durch Herrn Doctor Franz , der mit dem Kranken befreundet ist und soeben von ihm kommt . “ Raven wandte sich zu dem seitwärts Stehenden , den er bisher nicht beachtet hatte und auf den jetzt das volle Licht des großen Treppencandelabers fiel . Einige Secunden lang stand der Freiherr starr , wie an den Boden gewurzelt , und sein Auge bohrte sich tiefer und tiefer in das Antlitz des Fremden . Dann flog ein ein jähes Erbleichen über seine Züge , und seine Lippen preßten sich zusammen , als müßten sie den Aufruf verschließen , der sich aus ihnen emporringen wollte . Raven ’ s Fassungslosigkeit dauerte freilich kaum eine Minute ; schon in der nächsten hatte er seine ganze Selbstbeherrschung wieder , und eine Bewegung des Polizeidirectors erinnerte ihn schnell genug daran , daß er beobachtet wurde . Er ließ den Hofrath ruhig ausreden und wandte sich dann an dessen Begleiter . „ Es wäre mir lieb , auch von Ihnen die Bestätigung zu hören , “ sagte er . „ Ich hatte dem Patienten meinen Hausarzt gesandt , der Medicinalrath erkrankte aber schon am ersten Tage der Behandlung , und so mußte sein Assistent sie übernehmen . Der Bericht , den Doctor Berndt mir heute Morgen abstattete , war indeß so unklar , daß ich Sie um eine Ergänzung ersuchen möchte . Begreiflicher Weise nicht hier im Treppenflur ; ich bitte Sie auf einige Minuten bei mir einzutreten . “ Brunnow war es weniger gewohnt , seine Empfindungen zu unterdrücken , als der Freiherr , und wenn es ihm auch gelang , Gesicht und Stimme einigermaßen zu beherrschen , den Blick beherrschte er nicht . Seine Augen hafteten glühend , mit einem Gemisch von Haß und Schmerz auf dem Redenden , als er entgegnete : „ Interessiren Sie sich so sehr für den jungen Arzt , Excellenz ? “ „ Allerdings . Ich und der Herr Polizeidirector – “ Raven legte einen leisen , aber doch merklichen Nachdruck auf das Wort , während er auf den Genannten wies – „ wir sind ihm beide verpflichtet . Sie kennen vermuthlich den Anlaß seiner Verwundung ; er erlitt dieselbe bei Ausübung seiner ärztlichen Pflicht , als er den Untergebenen dieses Herrn zu Hülfe eilte . Sie begreifen daher wohl , daß mir eine ausführlichere Auskunft über seinen Zustand erwünscht ist . “ Brunnow verstand den Wink ; er sah die klugen scharfen Augen des Polizeidirectors , der scheinbar ganz absichtslos und ruhig zuhörte , aber ihn und den Freiherrn unverwandt beobachtete , und begriff die ganze Gefahr seiner Lage . Trotzdem zögerte er noch einen Moment lang und schien mit sich selber zu kämpfen . „ Ich stehe zu Diensten , “ sagte er endlich kurz . „ So bitte ich , mich zu begleiten . “ Raven wandte sich mit einigen flüchtigen Abschiedsworten an die beiden anderen Herren und stieg dann mit dem Arzte die Treppe hinauf , die zu seiner Wohnung führte . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 26 , S. 421 – 424 Fortsetzungsroman – Teil 18 [ 421 ] „ Wer ist dieser Herr eigentlich ? “ fragte der Polizeidirector , den beiden sich Entfernenden nachblickend . „ Ein sehr angenehmer Mann , “ entgegnete der Hofrath wichtig . „ Ein College des Doctor Brunnow , mit dem er wohl eng befreundet sein muß , denn er nimmt großen Antheil an ihm . “ „ So , ein Freund des Doctor Brunnow ! Ich glaubte , der junge Arzt habe seit der Abreise des Assessor Winterfeld gar keine näheren Bekanntschaften hier am Orte . Ist dieser Herr – Doctor Franz nennt er sich ja wohl ? – schon öfter bei dem Kranken gewesen ? “ „ Nein , er erschien heute zum ersten Male , will aber morgen wiederkommen . Ueberdies dankte er mir mit der größten Wärme für meine Aufopferung und deutete sehr zart und rücksichtsvoll auf die Verlegenheiten hin , die mir aus dem allerdings unfreiwilligen Aufenthalte dieses jungen Demagogen in meinem Hause erwachsen . Eine That der edelsten Selbstverleugnung nannte er mein Benehmen . Wirklich ein höchst angenehmer Mann , und jedenfalls auch ein tüchtiger Arzt . Ich sehe das gleich bei der ersten Begegnung ; ich habe einen ganz untrüglichen Scharfblick in solchen Dingen . “ „ Daran zweifle ich durchaus nicht , “ erklärte der Polizeidirector , um dessen Lippen ein halb spöttisches , halb mitleidiges Lächeln spielte . „ Dieser ‚ höchst angenehme Mann ‘ scheint bei dem Gouverneur ein ebenso plötzliches Wohlwollen erregt zu haben , wie bei Ihnen . Es ist sonst nicht die Art des Freiherrn , den ersten Besten ohne alle Ceremonie mit sich in seine Gemächer zu nehmen . Vielleicht wünschte er den Doctor Franz auch meiner Gesellschaft zu entziehen . “ „ Weshalb denn das ? “ fragte der Hofrath ahnungslos . „ Excellenz wünschen ja nur nähere Auskunft über den Doctor Brunnow . “ „ Ganz recht , und die wird ihm wohl an vollsten Maße zu Theil werden . – Guten Abend , Herr Hofrath ! Gehen Sie nicht allzu weit in der Selbstverleugnung ! Man könnte Ihnen am Ende doch allzu viel davon zumuthen . “ Mit diesem Rathe entfernte sich der Polizeidirector , und der Hofrath , der ihn durchaus nicht verstand , schüttelte würdevoll das Haupt über