entgegen , den Prior an der Spitze und gefolgt von den vornehmeren Leidtragenden , um den Prälaten in seinen Gemächern abzuholen . Bruno erkannte die Gefahr , die ihn hier mitten im Kreuzgange und abgeschnitten von der Welt bedrohte . Er mußte sprechen , mußte seine Anklage in die Welt schleudern , ehe ihn der Prälat erreichte , er wußte , daß ihm nur Minuten blieben , sollte seine Stimme nicht ungehört verhallen . Das Auge flammend in leidenschaftlicher Erregung , das jugendliche Haupt aufgerichtet , als gelte es den Kampf mit einer Welt , eilte er dem Zuge der Geistlichen entgegen , schritt auf den Prior zu , legte die Hand auf seine Schulter und sagte klar , fest und laut , so daß es weithin vernommen wurde : „ Entweihen Sie das Gedächtniß des Grafen Rhaneck nicht , Pater Prior ! Sie haben ihn gemordet . Ich war Zeuge davon . “ Ein Schrei des Entsetzens ließ sich ringsum hören , die furchtbare , mitten unter die Priester geschleuderte Anklage wirkte mit der Gewalt eines jäh herniederfahrenden Blitzes . Entsetzt stoben die Mönche auseinander , schreckensbleich drängten die Leidtragenden heran , und es war wohl schon zu spät , als das Thor des Kreuzganges laut krachend zufiel , von einem besonnenen Mönche rasch in ’ s Schloß geworfen . Aber mehr als selbst die Anklage sprach der Anblick des Schuldigen . Er war zusammengebrochen vor dem Schlage , der ihn mitten in der vollsten Sicherheit getroffen ; mit erdfahlem Gesichte , mit bebenden Lippen und zitternden Knieen stand er da , der Ueberfall kam zu plötzlich , als daß seine mönchische Gewandtheit und Verstellungskunst ihn noch hätte retten können ; er besaß nicht einmal mehr die Kraft zum Leugnen . Jetzt erschien auch der Prälat ; aber ein einziger Blick auf den Prior , auf die entsetzten Gruppen ringsum sagte ihm , daß er zu spät kam . Nach dieser vor Hunderten von Zeugen geschehenen Anklage ließ sich nichts mehr verbergen und verleugnen ; sie wußten es jetzt Alle , daß ein Mörder unter den Geweihten stand , – und im Ornate hatte man den Priester angegriffen ! Der ersten starren Pause folgte jetzt eine stürmische Bewegung . Die Mönche schaarten sich um ihren Abt , von ihm Rath und Hülfe verlangend , die Verwandten und Freunde der Familie drängten sich bestürzt Bruno entgegen , wie um weiteren Aufschluß zu verlangen . Der Landrichter aus E. , der ebenfalls mit im Zuge gewesen , näherte sich dem Prälaten , ehrfurchtsvoll , aber mit einer Miene , welche zeigte , daß er nicht gesonnen war , den Pflichten seines Amtes auch nur das Geringste zu vergeben . „ Hochwürdigster – ? “ Der Prälat stand allein unbewegt da wie ein Fels in der Brandung . Zu ihm floh Alles , an ihn wendete sich Alles , an seinem Antlitze hingen all diese Blicke ; es zuckte nicht und erbleichte nicht , als er that , was er thun mußte . Er erklärte , daß die furchtbare Anklage , die Pater Benedict allein zu vertreten habe , auch ihn schwer getroffen , verhieß die strengste Untersuchung und gab Befehl , den Schuldigen abzuführen . Bis zu diesem Augenblicke hatte sich der Prior noch aufrecht erhalten ; sein Auge hing immer nur an dem Prälaten , als solle und müsse ihm dieser Schutz und Rettung gewähren ; aber als auch der Abt ihn preisgab , als der sich von ihm wandte und er sich verloren sah , da flammte der giftige tödtliche Haß wieder auf in seinen Zügen ; aber diesmal richtete er sich gegen den Obern . Bruno , der bisher fest und unverrückbar an seiner Seite gestanden , sah diesen Ausdruck und ahnte das kommende Unheil ; er beugte sich herab zu ihm . „ Schonen Sie unsern Abt ! “ sagte er halblaut und lateinisch . „ Er muß den Schuldigen preisgeben . Schonen Sie seine und des Stiftes Ehre ! “ Aber er irrte , wenn er bei dem Prior eine Handlungsweise voraussetzte , wie er sie in solchem Falle geübt hätte ; bei dem Elenden siegte das Bewußtsein , verloren , aufgegeben zu sein von den Seinigen , selbst über die Gewohnheit und Erziehung des Mönches . Mit dem ganzen Haß des Gemeinen , das seine einzige Genugthuung darin findet , im Sturze noch einen Andern mit sich zu reißen , richtete er sich auf und rief höhnisch : „ Fragt den Herrn Prälaten , ob die That seinem Neffen galt oder einem Andern ! Er wußte darum , er hat mich – absolvirt ! “ Diesmal gab sich kein Laut des Entsetzens kund ; still , todtenstill war es in der ganzen Versammlung , sie wich stumm immer weiter zurück vor dem Prälaten , selbst die Priester flohen vor ihm – er stand ganz allein . Noch stand er ; aber man sah es , der Schlag hatte ihn bis in ’ s innerste Leben getroffen ; er wußte , daß der Eindruck dieser Worte nicht mehr zu verwischen war , und wenn sie zehnfach widerrufen wurden , und es war nur noch eine Form , die er mechanisch wie eine letzte Pflicht erfüllte , wenn er sich jetzt zum Landrichter wandte und erklärte , daß man den „ Unsinnigen “ in Sicherheit bringen müsse , bevor er noch zu weiteren Lügen seine Zuflucht nehme . Kein Laut ließ sich vernehmen , als er sich zurückzog ; in dem Schweigen lag sein Urtheil . Der stolze Abt , der den Ruf und die Ehre seines Klosters über Alles gesetzt , er brach mit diesen beiden zusammen ! Noch am Abend desselben Tages kehrte Günther nach Dobra zurück . Nach dem letzten Ereigniß und der schonungslos mit allen Details gegebenen Aussage des Pater Benedict hatte man keinen Anstand genommen , ihn sofort seiner Haft zu entlassen ; er befand sich jetzt auf der Fahrt nach Hause , wohin ihm die Nachricht seiner Ankunft bereits vorangegangen war