Gefolge seiner Offiziere die Tanzhalle . Sein gewaltiger Körperbau und sein feuriges Antlitz machten ihn noch immer zum Mächtigsten und Schönsten unter allen . Noch stand er von vielen Seiten begrüßt neben dem Bürgermeister Meyer und seiner Gemahlin in der Mitte des Saales , als zu nicht geringem Schrecken dieser Magistratsperson der Doktor Sprecher mit einer Totengräbermiene sich unfern von ihnen unter den Kronleuchter stellte und , mit einer Bewegung der Rechten Schweigen verlangend , also zu reden anhub : » Manche von euch fragen mich , werte Mitbürger , was diese Trauer meines Angesichts bedeute , die ich vergeblich um des heutigen Ehrenfestes willen unter der Maske der Heiterkeit zu verbergen trachte . Wollet es mir verzeihen , wenn ich ein großes Leid , das mir widerfahren ist , nicht länger verheimliche , weil ich überzeugt bin , daß es in vollstem Maße auch das eurige ist , und wollet es den Boten nicht entgelten lassen , der eure Freude in Trauer verwandeln muß . Unser hoher Gönner und treuester Freund , der Herzog Heinrich Rohan , hat das Zeitliche gesegnet . « Hier wanderte Sprechers Blick durch die erst lautlos schweigende und jetzt bei seinem letzten Worte bestürzte Gesellschaft . » Ein Flugblatt mit dem Berichte seines Endes ist eben in meine Hände gekommen . Wollt ihr die traurige Zeitung anhören ? « fragte er , ein bedrucktes Papier aus der Brusttasche ziehend . » Leset , leset ! « ertönte es von allen Seiten . Sprecher trocknete sich die Augen und begann : » Allen evangelischen Herren , Städten und Landschaften deutscher Nation geschieht hiermit Kunde , daß Herzog Bernhard von Weimar bei Schloß und Stadt Rheinfelden eine glänzende Viktoria über die Kaiserlichen erfochten hat . In dieser Feldschlacht , die zwei Tage dauerte , wurde der in der Tracht eines gemeinen Reiters in unsern Reihen mitfechtende Herzog Heinz Rohan von dem Feinde nach tapferer Gegenwehr und erlittener Verwundung zum Gefangenen gemacht ; am zweiten Tage aber bei erneuertem Angriffe von dem Hauptmann Rudolf Wertmüller und seinem Reiterfähnlein mit fürtrefflicher Tapferkeit herausgehauen und im Triumphe ins Lager zurückgeführt . Herzog Bernhard ließ ihn in sein Zelt bringen , allwo die Wunde untersucht und ungefährlich , der edle Herr aber sehr schwach befunden wurde . Herr Bernhard wich nicht von seiner Seiten . Am fünften Tage danach , als es mit Herzog Heinz zum Sterben gehen sollte , verlangte er nach einem geistlichen deutschen Lied , wie er solche im Heer sonderlich gern hatte singen hören . Da versammelten sich wohl hundert Mann aus dem Lager , Reiter und Fußvolk , alle wohl geübt und erfahren in dieser fröhlichen Kunst , vor dem Gezelt des Herzogs und sangen ihm ein neu geistlich Lied , das unlängst in das Lager gekommen war und bald große Gunst gefunden hatte . Nach dem Gesätzlein : Wohl Dir , Du Kind der Treue ! Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgeschreie Den Sieg und Ehrenkron ... tat sich sachte das Gezelt auf und man winkete , daß der Herr selig verschieden sei . Als die Ärzte ihn öffneten , um ihn einzubalsamieren , fanden sie das Herz von Kümmernis gänzlich zerstöret . So fuhr dahin in Ehren der edle Herzog Heinz aus Welschland . Wenn einst , wie wir alle unverrücket hoffen , das deutsche Reich erneuert wird in evangelischer Freiheit und großer Gloria , so wird man auch dieses gottesfürchtigen welschen Herzogs gedenken , dieweil er glaubenshalber aus seinem Vaterlande gewichen und , nachdem er sich seiner hohen Ehren demütiglich abgetan , im evangelischen deutschen Heere einen frommen Reiterstod gestorben ist . Amen . « Tiefe Bewegung hatte sich der ganzen Versammlung bemächtigt , es bildeten sich leise redende Gruppen . Wie damals da der Herzog am Tore von Chur Abschied nahm , stand Jenatsch eine Weile allein mit verfinstertem Antlitz . Da trat der Bürgermeister Meyer auf ihn zu und redete ihn herzlich und ehrerbietig an : » Wir Churer glauben Eurer Genehmigung gewiß zu sein , Herr Oberst , wenn wir Euch vorschlagen , das Euch gebotene Dank- und Ehrenfest auf einen spätern Tag zu verlegen . Habt Ihr doch selbst besser als jeder andere das unserm Lande wohlgewogene Gemüt des guten Herzogs gekannt und müßte es Euch doch selber schmerzen , wenn wir seinen Tod bei Fackelschein und Reigentanz mit hartem Herzen zu feiern den Anschein hätten . « Der Oberst schwieg und ließ seine dunkeln Blicke verächtlich über die undankbare Menge schweifen , die über einen Verschollenen und Toten die Gegenwart ihres Retters vergaß . An dem obern Ende des Saales wurden die Lichter schon ausgelöscht und die geschmückten Frauen ließen sich von ihren Kavalieren zur Treppe geleiten . Herr Sprecher hatte , einer der ersten , das Rathaus verlassen . Besorglich legte sich eine Hand auf den Arm des Obersten , und als er verstimmt sich umwandte , sah er in das fragende Gesicht des zürcherischen Bürgermeisters , der die in Tränen aufgelöste Amantia wegführte . » Ich muß mit dir reden ! Heute noch , Jürg ! Bleibst du hier ? « flüsterte Waser und als Jenatsch ihm leicht zunickte : » So komm ich wieder . « Jetzt reckte sich der Oberst zu seiner ganzen Höhe empor und sagte , das Haupt trotzig zurückwerfend , zu dem noch seiner Antwort harrenden Meyer , doch so , daß seine bebende Stimme durch den ganzen Saal klang : » Ich will mein Fest , Bürgermeister . Geht oder bleibt nach Eurem Belieben ! « Verwirrung füllte den Saal , unheimliche Dämmerung hatte sich zu verbreiten begonnen , in deren Schutz die meisten angesehenen Churer und fast alle Frauen sich unbemerkt entfernt hatten . Doch auf des Obersten herrisches Wort entzündeten sich die Lichter von neuem und beleuchteten den beginnenden Reigen . Aber die Gäste waren andere geworden und die Feier schien sich in eine wilde Lustbarkeit verwandeln zu wollen . Bevor Waser die Treppe erreichte , war sein Auge an einer großen Frauengestalt in