ich und habe nie einen Menschen geliebt ! “ Johannes war tief ergriffen . „ Armes Weib “ , sagte er , „ wenn Du Dich wehklagend um den Tod einer Mutter , eines Vaters oder Gatten vor mir zur Erde würfest und in Tränen Dein Antlitz badetest — es könnte mich nicht so erbarmen , als dies eine ruhige Wort : Ich habe nie geliebt ! — Sie blicken mich staunend an ! Es wird die Zeit kommen , wo Sie mich verstehen , wo Sie an Ihren Schmerzen die Freuden ermessen lernen , um die man Sie betrog ; dann aber wird Ihnen der Mann zur Seite stehen , den Sie jetzt vielleicht als Ihren Feind betrachten und an seiner Brust mögen Sie dann weinen um ein verlorenes Leben , — vielleicht auch ein neues , besseres beginnen ! “ Ernestine wendete sich in tiefster Erschütterung von Johannes ab , sie wollte ihm nicht zeigen , was in ihr vorging , sie hauchte nur leise hin : „ Leben Sie wohl “ , und wollte sich entfernen . „ Sie verlassen mich ? Sie zürnen mir ? Darf ich nicht wiederkommen ? “ fragte Johannes tief be ­ kümmert . Ernestine blieb stehen und schwieg . „ Darf ich nicht ? “ wiederholte er und in seinem Tone lag eine so schmerzlich inbrünstige Bitte , daß Ernestine im Innersten davon berührt war . Einen Augenblick des Kampfes noch und da stand sie vor ihm , reichte ihm die Hand und sagte mit einem feuchtschimmernden Blick , der Johannes das Herz über ­ strömen ließ : „ Kommen Sie wieder . “ „ Gott segne Sie für dieses Wort “ , rief er mit einem tiefen Atemzug , küßte ihr ehrerbietig die Hand und verließ das Zimmer . Sie blieb regungslos in sich versunken . Die Äolsharfe klang so süß , die Rosen dufteten so berauschend , die Vögel zwitscherten und die Sonnen ­ strahlen gossen solch mildes Licht durch die blauen Vorhänge herein . Sie beachtete es nicht , ihr Blick war nach innen gekehrt und verfolgte ein seltsames Doppelbild , das ihre Seele mit sich hinwegzog in eine ferne längst entschwundene Vergangenheit , immer weiter zurück bis in die Tage der Kindheit . — Warum war es ihr , als rausche jene Eiche über ihrem Haupte , auf die sie einst geflüchtet vor dem herr ­ lichen Jüngling ? Warum sah sie die kleine Angelika auf einmal so deutlich , wie sie die Puppe im Arme hielt , die ihr der Bruder geschickt , und so sicher hoffte , ihre Zärtlichkeit könne dieselbe zum Leben erwecken ? Und wie sie so dastand und träumte in dem hol ­ den Durcheinanderweben von Harfenklang , Duft und Licht , da glich sie selbst der Statue des Pygmalion , als sich unter dem Hauch seiner Liebe die erste Lebens ­ wärme durch die starre Marmorbrust ergoß und der erste Atemzug die steinernen Lippen öffnete ! 34 Drittes Kapitel . In der Dorfschule . Als Johannes Ernestine verließ , wandte er seine Schritte rasch dem Dorfe zu . Ein edles beglückendes Bewußtsein leuchtete von seiner Stirn — das , welches so selten einem Menschen ganz und ungetrübt zu Teil wird : für das Glück eines Anderen zu sorgen , indem man für das eigene sorgt ! So schritt er hin mit dem festen , sicheren und doch so elastischen Tritt , wie er einem hochgewachsenen Manne in der Blüte der Jahre eigen ist , und wo sein freier klarer Blick hinfiel , da streute er eine Saat von Wohlwollen um sich , die auf jedem Gesicht , das ihm begegnete , in ein freundliches Lächeln aufging . Er nahm seinen Weg zu einem kleinen , rebenbewachsenen Häuschen , in dem der Patriarch des Ortes , der Schullehrer , wohnte . Vor dem Hause stand Hilsborns Wägelchen , dessen ungeduldig scharrendes Pferd unaufhörlich von einem alten , dicken Kettenhund angekläfft wurde , welchem man auf den ersten Blick ansah , daß er mehr aus Pflicht ­ gefühl denn aus Mißgunst dies unliebsame Amt ver ­ waltete . Johannes schritt an ihm vorüber und klopfte seinen breiten struppigen Rücken , was er sich zwar der Konsequenz halber knurrend , aber doch nicht ungern , gefallen ließ . Dann trat Johannes in das Haus , dessen gastliches Dach so niedrig war , daß der große Mann sich bei dem Eintreten durch die rebenumrankte Tür bücken mußte , weil seine Stirn an die herabhängenden unreifen Trauben stieß . Von der halbdunklen Hausflur gelangte er in die Wohnstube . Dort fand er Hilsborn mit dem Schulmeister auf einer Fensterbank sitzend ; die Frau Schulmeisterin Brigitte mit Flicken beschäftigt , auf der anderen . Der Schulmeister war ein ältlicher hagerer Mann mit langen ergrauten Haaren . Er hatte seltsame , unsicher blickende Augen , in deren Grunde jener unheimliche weiße Schein lauerte , welcher der unerbittlichste Todfeind des Lichtes ist . „ Ah , der Herr Professor “ — sagte der alte Herr erfreut und ging Johannes entgegen . „ Wir dachten schon , Sie seien in dem Zauberschlosse gleichfalls be ­ zaubert worden und kämen uns nicht wieder ! “ „ Sie könnten nicht so Unrecht haben ! “ bemerkte Johannes , die dargebotene Hand des Schulmeisters schüttelnd . „ Ja , lange genug hast Du uns die Zeit werden lassen ! “ meinte Hilsborn . „ Liebe ! Willst Du wohl den Tisch besorgen ? Die Herren machen uns vielleicht die Freude , unser kleines Mittagsmahl mit uns zu teilen , für sie ist unsere Eßstunde eben die Frühstückszeit ! “ sagte der Schulmeister zu seiner Frau , die bei Johannes ’ Ein ­ tritt aufgestanden war und nur auf die Erlaubnis , sich zu entfernen , harrte . Johannes und Hilsborn lehnten Alles ab . Die Frau Schulmeisterin hatte jedoch bereits das Zimmer verlassen . So wie sich die Tür hinter ihr schloß , wurde der alte Mann sehr ernst . „ Herr Professor