schloß ; mir klapperten die Zähne vor Aufregung , und ich blieb wie gebannt auf dem Corridor stehen . Die Sanna schlich auch herzu , und so standen wir Beide da und wagten nicht zu athmen . Zuerst war es unverständlich , was sie da drinnen sprachen , man hörte nur die weiche Stimme der gnädigen Frau und dazwischen das Schluchzen der Fränzel , aber dann vernahmen wir die Donnerworte des Herrn Barons deutlich draußen ; Mörderin nannte er die Baronin und verfluchte sie und sein Haus ; ich stand stumm und starr , und dann flog die Thür plötzlich auf , und die Baronin stürzte hinaus und floh wie ein verfolgtes Wild den Corridor entlang und die Treppe hinab ; schrecklich sah sie aus , und da unten schlang sie , wie nach einem Halt suchend , die Arme um die Säule und glitt bewußtlos zu Boden ; ich sehe sie noch vor mir , die weiße zusammengesunkene Gestalt , und wie Sanna ihr schreiend folgte und sie auf ihren Armen davontrug . Und fast in demselben Momente wurde die Fränzel hinausgestoßen und der Herr Baron stand in der Thür : ‚ Mein Pferd ! ‘ befahl er mit heiserer Stimme , und als ich hinunter eilte , lief eben die Fränzel aus der Halle , die Hände vor dem Gesichte , in die Nacht und das Sturmtoben hinaus . Ich führte dem Herrn Baron sein Pferd vor ; er schwang sich hinauf mit seinem bleichen verzerrten Gesichte – das arme Thier ; es bäumte sich hoch auf – so preßte er ihm die Sporen in die Seiten , dann sauste er davon , daß ich meinte , es müsse ein Unglück werden . Und da kam er plötzlich zurück ; ich stand noch in Wind und Wetter auf den Stufen der Freitreppe und horchte , wie das Trappeln des Pferdes näher kam . Er warf mir ein Geldstück zu . ‚ Höre , Heinrich , ‘ sagte er , ‚ geh ’ Du zu meiner alten Mutter und ich lasse ihr Adieu sagen ; mich sieht sie nimmer wieder – ‘ Das Letzte verstand ich kaum noch ; der Sturm verwehte es wohl , oder brach seine Stimme in Weinen , ich weiß es nicht ; er gab mir die Hand , und dann war er fort , Herr , und ist nie mehr wiedergekommen . – Die Fränzel aber , die sah ich noch einmal ; sie lag dort drüben auf dem Platze unter den alten Bäumen auf den Knieen , und als sie ihn fortreiten sah in die finstere unheimliche Nacht , da schrie sie so gellend auf , daß ich hinüber lief . Und da , Herr , fand ich eben ein armes unglückliches Geschöpf , das sich in Reue und Leid verzehren wollte , und da merkte ich auch , daß sie nicht so schlecht war , und ich tröstete sie in ihrem Jammer – nun , damals hat sie mir erzählt , daß der Baron Fritz und die schöne Lisett hatten getrennt werden sollen und daß sie gestorben , weil sie hat glauben müssen , er sei ihr untreu , und – das ist Alles , was ich weiß . “ „ Du meinst , Heinrich , daß meine Großmutter wirklich – “ Die Stimme des jungen Mannes klang gepreßt . „ O Herr , mir kommt es nicht zu , etwas Böses von meiner Herrschaft zu glauben ; ich habe ja keine Beweise , daß Baron Fritz ein Recht hatte zu den schrecklichen Flüchen , aber das weiß ich genau , daß die Frau Baronin mit ihm schon längere Zeit nicht gut stand , weil – nun , er hatte sich einmal in ihre Angelegenheiten gemischt ; dann war sie auch grausam stolz ; sie hätt ’ um keinen Preis des Lumpenmüllers Lisett als Schwägerin anerkannt , und darum – Herr Lieutenant – nichts für ungut ! Ich darf es ja wohl sagen ; ich habe Sie ja in der Wiege liegen und Sie heranwachsen sehen . Nehmen Sie es mir nicht übel – die Lieschen – “ „ Ist meine Braut , Heinrich – “ „ Herr , ich weiß es , und hab ’ mich gefreut , als ich Sie Beide sah , wie ich nicht geglaubt hab ’ , daß ich mich noch einmal freuen würde – ach , Herr , halten Sie Ihre Braut hoch und lassen Sie sie nicht aus den Augen ! Es kann Einem angst werden um so ein junges Menschenkind hier oben im Schlosse ; verzeihen Sie mir , Herr Baron ! Es hat mir beinah ’ das Herz abgedrückt , Ihnen dies zu sagen ; sie hat so viel Aehnlichkeit mit der Lisett , besonders ganz dieselben Augen , just so blau und tief und klar , und ganz denselben Ausdruck darin . Solche Augen , die vergißt man nicht . Gott schenk ’ ihnen nur Freudenthränen ! “ Die Stimme des Alten war bewegt , als er nun hinausschritt , und das „ Gute Nacht “ klang nur noch undeutlich in die Ohren Army ’ s ; er achtete auch nicht darauf – vor seiner Seele standen sie eben auch , diese blauen Kinderaugen , aber so schmerzlich , so bang und unsagbar traurig , wie er sie heute Abend gesehen . „ Dieselben Augen , “ wiederholte er halblaut , „ derselbe Ausdruck ! “ aber er sah zu dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde hinüber . Das Licht war tief herabgebrannt ; es flackerte nur dann und wann noch unsicher auf und die rothen üppigen Haare verschwammen undeutlich in der matten Beleuchtung , die zwei dunklen traurigen Augen indeß schauten aus dem blassen Gesichte unverwandt zu dem jungen Manne herüber , so leidversunken , so bang , als suchten sie ein verlorenes Glück . Das waren sie ja , die Augen , an welche er vorhin beim Aussteigen aus dem Wagen hatte denken müssen – die Augen der schönen Agnese