Frau so meisterhaft in Szene zu setzen wußte , indem sie durch den Raub meiner früheren Briefe ihren Mann als treulos in den Augen der Eltern hinzustellen versuchte , hatte das Mutterherz vollständig für die arme , betrogene Tochter eingenommen . Sie glaubte natürlich alles , und entschuldigte die Launen der jungen Frau durch die trüben Erfahrungen an der Seite eines Mannes , der seine Gattin hintergeht . Es war ja natürlich , daß bittere Gemütsstimmungen einkehren mußten in ein so armes , gequältes Herz . Nun noch der Schimpf , als der Mann sein Kind in die Hände derjenigen gab , die sie als Urheberin dieser ganzen traurigen Geschichte betrachtete . Sie war heute hierhergekommen , um den » Skandal « ein Ende zu machen , um das Kind der armen , gekränkten Mutter wieder zuzuführen , und nun wurde ihr gesagt , daß diese tiefgekränkte , verkannte Frau ganz ruhig und bereitwillig das Kind – ihr Kind – dem verabscheuten Gatten überließ ! Sie sah zum Erbarmen aus , diese stolze , jetzt so gedemütigte Frau . Auch Eberhardt empfand dies . Einen Augenblick leuchtete es wie Triumph aus den dunklen Augen , dann gewann schnell das gute Herz wieder die Oberhand . Er trat einen Schritt näher und sagte freundlich : » Wundert dich das so sehr , liebe Tante ? Nach dem Vorspiel kann dich der Schluß wenig befremden , sollte ich meinen . Ich glaube , daß der Kleine Ruth stets sehr wenig interessiert hat , und der beste Beweis ist die plötzliche Abreise mit dir nach – – – Ihr waret ja wohl in der Schweiz ? Sie hat nicht einmal einen Abschiedskuß auf den kleinen Mund gedrückt . – Sie dachte , verzeih , liebe Tante , auch du dachtest – das Kind ist ja während der Abwesenheit der Mutter in Wien bei dem Vater und der Wärterin wohl aufgehoben gewesen , warum nicht auch jetzt ? Leider stand diesmal die Sache anders . Das Gerücht unserer gestörten Verhältnisse verbreitete sich , und eines Tages gingen mir Kinderfrau , Stubenmädchen und Köchin davon . Wo sollte ich hin ? Zum Onkel , von dem ich aufs tiefste erzürnt geschieden war ? Das ging nicht . Ich wußte ja nicht einmal , ob er von meinem Kinde etwas wissen wollte , das die eigene Mutter vergessen zu haben schien . Sollte ich die Frau eines Kameraden bitten , sich des Kleinen anzunehmen ? Das hätte nur den Skandal vergrößert . Mit einem Worte , ich wußte niemand weiter auf der ganzen Welt als diejenige , die ich auf unerhörte Weise beleidigt und gekränkt hatte um Ruths willen . Und sie nahm das Kind mit Freuden auf . – Wenn du , liebe Tante , darüber nachdenkst , so kann dich die Handlungsweise Ruths nicht in Erstaunen fetzen . Ihr würde der kleine Schelm doch nur eine lästige Fessel sein , um so mehr , da sie , wie sie mir heute früh selbst erklärte , schon in einigen Tagen nach Wien zu gehen gedenkt . Fessellos will sie sein , und sie versteht es auch , die Ketten zu brechen , das hat sie mir bewiesen . « Er seufzte tief auf , als er die letzten Worte leise vor sich hin sprach . Frau v. Bendeleben war kraftlos auf den Stuhl gesunken und hielt sich ihr Taschentuch vor die Augen . Eine bange Pause trat ein , nur ein qualvolles Stöhnen drang unter dem weißen Tuche hervor , das die zitternden Hände hielten . » Ich kann es nicht glauben , ich will es nicht glauben ! « stieß sie endlich heraus . » Ich will sie selbst sprechen , sie ist durch die Aufregung der ganzen Angelegenheit verwirrt gewesen . Es kann nicht sein , es darf nicht sein ! « Sie erhob sich . » Komm , ich will klarsehen . « » Verwirrt ? « fragte Eberhardt mit leiser Stimme , indem er mir das Kind zurückgab . » Ach nein , Tante , ich glaube , wenn du plötzlich die ganze Reihe dieser Verwirrungen übersehen könntest – du würdest schmerzlich erstaunen ! « » Eberhardt « , unterbrach ihn Frau v. Bendeleben bittend , » laß mich das Kind mitnehmen . Glaube mir , es soll meine heiligste Pflicht sein , es zu erziehen . Ich will alles wieder gutmachen , was die Mutter an ihm gesündigt – gib mir das Kind ! « Über das Gesicht Eberhardts , zu dem ich ängstlich aufblickte , als hinge mein Leben von der Antwort ab , die nun folgen mußte , flog ein eigentümlicher , beinahe spöttischer Zug . » Ich danke dir , liebe Tante Bendeleben « , sagte er ruhig und fest , » aber es bleibt bei dem , was ich beschlossen habe . Es wäre überdies nur eine kurze Zeit , die das Kind bei dir verleben könnte . Du wirst es begreiflich finden , daß ich meinen Sohn bei mir oder wenigstens in meiner Nahe zu behalten wünsche . Da ich hoffen darf , daß man mir auf mein Gesuch die Versetzung in ein anderes Regiment gewahren wird , und ich das Kind jedenfalls dorthin mitzunehmen entschlossen bin , so würde es nur ein unnötiges Herausreißen aus seinen Gewohnheiten sein , was ja kleinen Kindern nicht guttun soll . « » Und wer soll denn dort in deiner künftigen Garnison das Kind pflegen und erziehen , da du es ja doch nicht allein kannst , wie du vorhin bemerktest ? « fragte Frau v. Bendeleben und sah ihn verletzt an . » Oh , Tante « , erwiderte er , und seine Augen leuchteten freudig auf , während ein süßer Schreck durch mein Herz fuhr . » Oh , Tante , das ist mein Geheimnis . Aber glaube mir , die beste , liebreichste Hand wird mein Kind pflegen , und das edelste Herz wird es lieben , wenn sich meine Hoffnungen verwirklichen . « Ein