Bild in sich aufzunehmen . Und dann war ihm gewesen , als schliefe er , ein kleiner Knabe noch , im Arm der Mutter und hörte ihre Stimme , die längst verklungene , leise , leise singen : Fata la nanna chè possa dormire ! Il letto gli sia fatto di viole Ce lenzuola di quel panno fine A la coltrice di penne di pavone . Bis ihn eine Empfindung , halb Wonne , halb Entsetzen , emporgerissen hatte , denn greifbar deutlich klang es ihm jetzt ins Ohr : Fata la nanna chè possa dormire ! - In einer schmalen Straße fuhren sie ; düstere Paläste faßten sie zu beiden Seiten ein ; geschlossene Fenster starrten wie tote Augen . Und plötzlich stand hinter einer sehr hohen Mauer , drohend wie die Lanze eines Riesen , eine einsame Zypresse vor dem dämmernden Abendhimmel . Die Mauer aber wuchs , der Garten dahinter sandte nur wenige blütenlose Zweige über ihre schwarze Wand in die gähnende Tiefe der Straße . Und dann , wo sie am engsten war , hatte der Wagen mit einem harten Ruck stille gestanden : Zu mächtigem Bauwerk schichteten sich gewaltige , rauh behauene Steine , ein düsterer Torweg öffnete sich dazwischen wie ein Höllenrachen , und ganz oben über dem finsteren Kondottieri-Antlitz des Hauses ragte das schwarze Dach wie ein Eisenhelm . Über einen Hof war er gekommen mit gedrungenen Säulen unter gewölbtem Kreuzgang und finsteren Schatten , die wie Klageweiber in den Winkeln hockten ; - durch Flure - hoch wie Kamine - in ein Zimmer , das vier Lampen nicht zu erhellen vermochten . » Das Zimmer der Gräfin Lavinia Savelli - , « hatte irgendeiner gesagt . Seiner Mutter Zimmer ! Weiße und rote Fliesen deckten den Boden , schwarz zogen sich an der Decke die Balken hin , unter dem gewaltigen Kamin kauerten Karyatiden . Er kannte alles - er mußte es schon einmal gesehen haben ! Auch den Blick aus den Fenstern mit der verwitterten Sandsteinfigur - ein Erzengel oder ein Kriegsgott ? - auf der Mauer drüben , die aus der Tiefe der Straße stieg , dem verwilderten Garten , den Dächern ferner Häuser dahinter und dem Hügel , dessen Umriß im dunklen Blau des Himmels verschwamm , kannte er . Aber wo waren nur die Gobelins an den Wänden mit Andromedas Geschichte , die sich durch der Mutter Mädchenträume gezogen hatte , mit dem rotblonden Befreier Perseus , der seines Vaters Züge trug ? - Er hörte noch den Widerhall der Schritte in vielen matterleuchteten leeren Räumen , durch die man ihn geführt hatte , und sah den Saal mit dem verschlissenen roten Damast an den Wänden , den Öldruckbildern über seinen Löchern und den dünnbeinigen Goldstühlchen vor den Kaminen , die das Spielzeug mit höhnisch aufgerissenen Mäulern zu verschlingen drohten . - In Marmorsäulen spiegelte sich das rote Licht von hundert gelben Kerzen , durch Weihrauchnebel blinkte in der Nische des hohen Chors das aus Tausenden bunter Steine zusammengesetzte Bild des Gottessohnes ; wie lauter Regenbogen leuchtete durch Fenster aus orientalischem Alabaster die Morgensonne auf den dunklen Sarg , um den in weißen Gewändern viele kniende Nonnen beteten . Sie hatten Psalmen gesungen mit hellen Knabenstimmen wie Hymnen Apolls . Und die Priester hatten gesprochen wie Seher in fremden Zungen , deren Tonfall nur , - ein Rauschen und Raunen aus der Tiefe - ins Ohr drang . Und in das dunkle Gewölbe der Krypta war der Sarg verschwunden zwischen den zierlichen Säulen , die einst der Demeter Tempeldach getragen hatten . In stillem Gebet waren sie alle in die Knie gesunken - alle , die der Gräfin Savelli das letzte Ehrengeleit gegeben hatten : Männer mit Gesichtern wie aus altem Elfenbein geschnitzt , Frauen , deren matte Haut die Sonne Italiens durchglutete . Über Jahrzehnte des Fernseins und des Vergessens spannten sich zwischen ihnen und der Toten die uralt heiligen Bande des Bluts . Und als der Enkel , der große , blonde , der ihre Augen hatte , allein , versteint , die Stufen zum Schiff der Kirche , aus deren geschlossenen Pforten die Nacht noch nicht gewichen war , wieder aufwärts stieg , folgten sie dem Voranschreitenden , eine Geleitschaft in das Leben . San Miniato al Montes Bronzetüren - aus dem Heiligtum Jupiters an das sonnengeweihte Heiligtum Christi versetzt - sprangen auf . Und von da an wachte Konrad Hochseß . Als wolle sie triumphierend von allem Lebendigen wieder Besitz ergreifen , strömte die Sonne in die Finsternis , und , gebadet in ihrem Licht , lachte die selige Stadt zu denen empor , die ihrem Schoße die Tochter zurückgegeben hatten . Konrad stand wie betäubt , bis eine Stimme in den Lauten der eigenen Sprache - aber mit dem weichen Akzent des Italienischen - zu ihm sagte : » Ihr Mutterland ! « Norina Camaldoli war es , die mit ihm redete . Graf Savelli , der Neffe der Begrabenen , der nach dem Tode ihres ohne männliche Nachkommen verstorbenen Gemahls den alten Palazzo in der Via del Bardi übernommen hatte , und mit seinen Kindern , dem Grafen Carlo - Leutnant im Regiment Torino - und seiner verwitweten Tochter , der Marchesa Norina Camaldoli bewohnte , stellte den deutschen Vetter den Verwandten vor . Seinem Vater waren sie , soweit sie ihn persönlich gekannt hatten , nicht freundlich gewesen . Er war ein Fremder , ein Protestant . Mehr noch , als daß Lavinia die Seine geworden war , hatte es sie gewurmt , daß ihm der Reichtum der Gräfin Savelli , den diese ihrem Gatten als Contessa Buondelmonte mit in die Ehe gebracht hatte , zufiel . Aber Konrad war ein anderer , Konrad war ihres Bluts , und seine schlanke Schönheit , seine tief gebräunte Haut , seine dunklen Augen zeugten davon , und erinnerten in nichts an den deutschen , bauernhaft derben Ritter , als der ihnen sein Vater erschienen war . Die Buondelmonti waren besonders zahlreich erschienen .