Reizes ; der Liebe , sich ihrer zu erinnern . Ein jahrelang ersehnter Kuß , im Fluge geraubt und erwidert , macht ein ganzes darauffolgendes Leben voll Gewöhnlichkeit erträglich , während jener eigentliche Lebensaugenblick an sich kaum empfunden ward und nur durch die lange Erwartung vorher und die lange Erinnerung nachher ein beglückendes Ereignis wurde . So liegt in uns von Hause aus jener viel gesuchte Sieg über das Äußere . Aber auch diese nachschaffende Fähigkeit war getrübt in Valerius , er reizte sich mehr zum Genuß , als daß dieser Genuß ihn aufgesucht hätte . Der Mittelpunkt seines Lebens war verschoben , und alles übrige dadurch in Unordnung geraten . So machte er sich Vorwürfe über diese ärmliche Manier , wie er ' s nannte , nur das zu erkennen und zu ergreifen , was vorüber sei , nicht der gegenwärtige Anblick dieses spärlich erleuchteten nächtlichen Zuges wecke ein romantisches Gefühl in ihm , schalt er weiter , nein , es sei der Augenblick , als vor fünf Minuten die Mondesstrahlen glänzend durch die Baumgipfel gebrochen seien , jener Augenblick übe den Reiz auf sein Inneres , obwohl das Auge noch fortwährend dasselbe sehen könne , jener vergangene Augenblick liege bereits als geschichtliches Bild dieser Fahrt in seinem Gedächtnisse . - » Ich will keine Vergangenheit , ich will Gegenwart , « sprach er wie ein ungezogenes Kind vor sich hin - » ich will ein Mensch sein , nicht aber ein Künstler , den Träume beglücken . « So wütet der Mensch gegen sein Fleisch , und der Starke schmäht seine doppelten Kräfte , weil er in den Stunden des Unmuts einen Schwachen lächeln sieht , und diesen um seine Schwäche beneiden zu müssen glaubt . Aber wir mögen uns noch soviel Mühe geben , unserem Wesen ungetreu zu werden , unser eigentliches Wesen ist unsere Gesundheit , und die Natur strebt immer von selbst wieder dahin zurück . Ehe er sich seines Unmuts recht bewußt wurde , war Valerius mit den Gedanken in Deutschland , und ein Ort nach dem andern mußte sich ihm darstellen im Mondschein dieser Nacht . Das sind Bilder , die den Menschen am meisten befangen mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit . Eine Gruppe nach der andern breitet sich vor ihm aus , jede hat ihre tausend Beziehungen und Gewichte , die sich fortwährend im Gleise erhalten , jede führt zu einer neuen , und der Geist irrt von einem Lande zum andern , über den Ozean , wo jener Mondschein nicht zu sehen ist , und die Leute im Sonnenstrahl umherwandeln - » beim Schein des Mondes , beim Strahl der Sonne denken wohl manche von jenen Leuten an den Kampf in Polen , und so weckt und wirkt alles durcheinander in dieser Welt , und der Gedanke an den Allmächtigen füllt das Herz - Camilla , Camilla , die Welt ist zu groß , das Interesse zu mannigfaltig , Gottes Gedanke zu tief , und ich will alles suchen - dein Auge kommt mir immer seltener , ich tauge nichts für die Liebe , ich bin krank an Überfluß , und arm an Liebe für das einzelne , vergib mir ! « - Da stolperte sein Pferd über eine Wurzel , sein Schenkel ward an einem Baime gequetscht , und so erinnerte ihn die Gegenwart nur zu deutlich , daß er wiederum außer ihr gewesen sei . Der Zug hielt still , und jetzt erst bemerkte Valerius , daß fernher aus dem Walde einzelne Feuer leuchteten . Er ritt vorsichtig bis an die Spitze des Zuges - Magyac sah unentschlossen nach der Seite in den dichten Wald , als solle ihm von dort her Rat und Hilfe werden . Ein Umweg durch den Wald war nicht möglich für die Wagen , die Bäume standen zu dicht . Träumerisch sah Valerius nach den Feuern , er bemerkte es nicht , daß sein Pferd langsamen Schrittes ihnen sich näherte ; Magyac war zwischen die Bäume geritten , wahrscheinlich um zu rekognoszieren , und hatte keine Acht auf den melancholischen Deutschen ; die vordersten Ulanen mochten glauben , er wolle ebenfalls die Ortsgelegenheit näher erkunden - kurz er kam ungehindert den Feuern immer näher , und ohne nachzudenken betrachtete er das neue Schauspiel . Etwa wie man ein Wouvermannsches Schlachtgemälde ansieht , ohne einen Augenblick daran zu denken , das ausgehobene Schwert des Mannes auf dem friesischen Schimmel könne uns treffen . Auf einer Lichtung war ein Trupp Kosaken gelagert , Roß und Reiter ruhten an der Erde , gewärmt durch hohe Feuer . Die Lanzen steckten ihnen zur Seite im Boden , und der größte Teil dieser rastlosen Steppenbewohner schien zu schlafen ; hie und da erhob sich einer mechanisch mit dem halben Körper und warf ein frisches Stück Holz in die Glut , dann sank er wieder in die vorige Stellung zurück , oder suchte sich ein bequemeres Kopfkissen auf dem Bauche seines Pferdes . Die bärtigen , augenlosen Gesichter , zur Hälfte gewöhnlich im Schatten , zur Hälfte vom Feuer beleuchtet , erhöhten durch ihre Regungslosigkeit die Täuschung , ein Gemälde zu sehen . So kam der junge Träumer bis zu den letzten Bäumen , welche an seinem schmalen Wege die Lichtung begrenzten . Einige Schritte nur von ihm hielt der aufgestellte Wachtposten . Der Kosak war ebenfalls eingeschlafen und saß mit untergeschlagenen Armen wie eine Bildsäule da . Mit dem rechten Arme hatte er die Lanze eingeklemmt , die linke Hand hielt den Zügel . Ein langer schneeweißer Bart fiel auf die Brust herab , ein kleines schwarzes Kreuz drängte sich darunter hervor ; wahrscheinlich hatte er noch kurz vorher seine Andacht verrichtet , nicht ahnend , wie not es ihm sein dürfte , um seinem Glauben nach glücklicher zu sterben . Der Schlaf hatte ihn übereilt und ihm nicht gestattet , das Kreuzchen wieder auf die behaarte Brust zurückzuschieben . Es war nur noch ein Schritt zwischen beiden Reitern , das Kosakenpferd zog langsam die trägen Augenlider in die Höhe