den übeln Ruf eines nicht ganz nüchternen Kopfes genießt , die geeignete Person ist , solche Vorfälle zu beschreiben . Aber die strenge Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am wenigsten zu fürchten ; wenn ich sachlich bin , wird die Sache für sich selber sprechen , und meiner Hand bleibt nur die Aufgabe , die Reihenfolge der Begebnisse festzuhalten , was freilich nicht immer ganz leicht sein mag . Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit , daß er wegen eines Todesfalles verreisen müsse . Schon vorher hatte er mich wie auch Herrn Binder gebeten , die Aufsicht über Caspar zu führen so lange , als der Jüngling noch in Nürnberg bleiben müsse . Da mir dies befremdlich erschienen war , ließ Herr von Tucher durchblicken , die an höherer Stelle beliebte Umgehung seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot . Er meinte das Schreiben Eurer Exzellenz , durch welches ich , halb wider Willen , bewogen wurde , Caspar aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu beschäftigen . Dies hat Herr von Tucher sehr übel aufgenommen Ich gab mir keine Mühe , den stolzen Mann andern Sinnes zu machen , auch vermute ich zu seiner Ehre , daß dies Betragen noch eine ernstere , menschliche Regung habe , denn als ich ihn fragte , ob er Casparn schon eine Andeutung über die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel gemacht , wich er aus und entgegnete hastig , er wolle dies mir überlassen , der ich doch eines gewinnenderen Zuredens fähig sei und bei Caspar mehr Vertrauen genieße . Am Nachmittag beschloß ich , zu Caspar zu gehen . Als ich in sein Zimmer trat , las er die christliche Andacht des Tages . Er schaute heiter von dem Buch empor , blickte in mein Gesicht und , Seltsameres ist nicht zu denken , im Nu überzogen sich seine Wangen mit leichenfahler Blässe . Es war mir schwül um die Brust , ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg ängstlich . Ganz und gar vergaß ich die übernommene Rolle , ich fühlte bloß mit ihm , ich sah , daß er alles , was ich ihm zu sagen hatte und weswegen ich gekommen war , von meinen Augen abgelesen hatte , die unbewußte Furcht mußte wohl in seinem Innern geschlummert haben , anders kann ich es auf natürlichem Weg nicht erklären , ich fühlte , wie plötzlich die Wurzeln seines Herzens aufgerissen wurden . Er erhob sich , er schwankte , ich wollte ihn halten , er gewahrte mich kaum , er schien völlig betäubt . Ich folgte ihm bis zum Bett , er warf sich darauf hin , krümmte den Körper und fing in einer solchen Weise zu weinen an , daß mir das Mark in den Knochen gefror . Noch war nichts geschehen , es konnte noch alles gut werden ; so bildete ich mir ein und ließ es an tröstlichen Worten nicht fehlen , Das Weinen dauerte ungefähr eine halbe Stunde . Dann erhob er sich , schlich in den Winkel , kauerte hin und bedeckte das Gesicht mit den Händen . Ich redete unablässig in ihn hinein , ich weiß nicht mehr , was ich alles vorbrachte . Gegen sechs Uhr abends verließ ich , ihn , und obgleich er bis dahin noch nicht einmal den Mund aufgetan , dachte ich mir , er werde mit der Geschichte schon fertig werden . Ich empfahl dem Diener , sich bisweilen nach Caspar umzusehen , und im stillen nahm ich mir vor , nach ein paar Stunden wiederzukommen , aber es war unausführbar , meine Berufsarbeit nahm mich bis in die Nacht in Anspruch . Als ich von Caspar fortgegangen war , saß er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank , am andern Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer , und wer beschreibt das schmerzliche Erstaunen , das ich empfand , als ich ihn an genau derselben Stelle , in unveränderter Haltung , noch immer die Hände vors Gesicht geschlagen , so sah , wie ich ihn vierzehn Stunden früher verlassen . Das Bett war noch in demselben Zustand , etwas zerdrückt von seinem ersten Draufhinsinken , kein Gegenstand war berührt , auf dem Tisch stand der mit einer dicken Haut überzogene Milchbrei , sein Nachtessen , daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee vom Morgen , und es herrschte eine stickige , ungelüftete Atmosphäre . Der Diener kam , begegnete meiner stummen Frage mit einem Achselzucken , ich wandte mich an Caspar selbst , ich rüttle ihn an der Schulter , ich packe seine eiskalte Hand : nichts , keine Antwort , kein Laut , er schwelt vor sich hin , kaum daß sich seine Augen rühren . So verging wieder eine Viertelstunde , da wurde mirs unheimlich , ich beschloß nach dem Arzt zu schicken , vielleicht habe ich auch dergleichen vor mich hingemurmelt , jedenfalls hatte Caspar verstanden , was ich wollte , denn jetzt regte er sich , hob den Kopf wie aus einer Grube heraus und schaute mich an . Ach , diesen Blick ! Und wenn ich Abrahams Alter erreichte , nie könnte ich diesen Blick vergessen . Das war ein andrer Mensch . Leider liegt es nicht in meiner Natur , eine Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen ; anstatt zu schweigen , begann ich wieder mit Scheintröstungen , aber ich spürte gleich , daß es besser sei , das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch einmal über die verdunkelte Seele heraufzubeschwören ; was mich entschuldigt , ist , daß ich selber ja kaum mit Klarheit wußte , was im Werk war , und daß mich die zermalmende Wirkung von etwas vollständig Unausgesprochenem , deren Zeuge ich war , mehr lähmte und erschütterte als das Wissen darum . Doch will ich Eure Exzellenz nicht durch Betrachtungen verwirren und hübsch in der Ordnung bleiben . Ich hatte schon zuviel Zeit verloren , ich mußte fort .