habe wie ein Tier im Walde . So ist mir dieses Kind nun wieder genommen , und ich habe meine Strafe dahin und weiß nun , daß alles das nicht möglich wäre , wenn es nicht einen Gott im Himmel gäbe . Durch dessen Nachsicht habe ich bis jetzt gelebt , nun aber kann ich nicht mehr leben . Wenn ich aber das tote Kindchen ansehe , so ist mir , als habe es alles das gewußt , und wiewohl es nur eben anfing , die ersten Laute zu sprechen und ganz kindisch war in seinem Wesen , so hat es mich doch ganz durchschaut , und in seinem Innern hat es mich gerichtet ; das sehe ich an dem Ausdruck seines Gesichtes . « An Karl war eine Nachricht von dem Geschehnis gesendet ; er kam zu den beiden , und wie die Beerdigung war , wohnte er der mit seiner Frau bei . Für das Kind hatte er keine rechten Gefühle gehabt , da er es kaum gesehen , denn die väterliche Liebe wächst erst , wenn ein Vater in einem größer werdenden Kinde sein eignes Bild wiedererkennt , und jene besondere Liebe , die wir zu den ganz Kleinen haben , auch wenn sie uns fremd sind , in deren großen und unbestimmten Augen noch ihre himmlische Heimat träumt , die entsteht doch nur im ganz nahen Zusammenleben . Auch hatte er nicht mehr genug Zuneigung zu seiner früheren Geliebten , um mit ihr zu empfinden und zu verspüren , was für sie das alles bedeutete . So überwog bei ihm das Gefühl der Peinlichkeit seiner wunderlichen Lage , und er hatte eine Empfindung von Leerheit ; die aber machte ihn betroffen , wie er neben den beiden tiefgebeugten Menschen stand ; und seine Frau war von äußerlicher Höflichkeit und zeigte eine gewisse Neugierde . So kam es , daß sie auf die hochgespannten und empfindlichen Seelen der andern verletzend wirkten und denen ein häßliches Gefühl verursachten . Nur einen Augenblick tauchte bei Karl etwas Besonderes auf , als er sah , wie Jordan mit Zartheit seiner Frau den Arm streichelte , als könne er sie dadurch trösten ; da wurde ihm klar , wie die beiden zusammengehörten und eins waren und was in Wahrheit die Ehe bedeutet , und empfand ein tiefes Mitleiden mit sich selbst . Auf dem Heimweg sprach Johanna gleichgültige Dinge in kalter und selbstsüchtiger Weise und erregte in Karl eine tiefe Erbitterung . Jordan und seine Frau waren schweigend nach Hause gegangen ; denn der Mann wußte nicht , was er zu dem sagen sollte , was in ihr sich jetzt bewegte und Gestalt annahm , und hatte Scheu und Ehrfurcht vor ihr ; ihr aber hatte dieses Zusammenkommen mit dem früheren Geliebten einen neuen Eindruck gemacht , dessen Folgen sich erst nach Wochen zeigten . Da sprach sie zu ihrem Manne : » Ich habe ein herzliches Erbarmen mit Karl , denn er ist ein ganz unglücklicher Mensch ; und das nicht nur durch sein ganz schlechtes Weib , sondern auch durch sich selbst . Es ist mir aber sein Anblick eine Tröstung gewesen in meinem gegenwärtigen Leiden , denn durch ihn habe ich gesehen , daß ich doch nicht verworfen bin . Wir haben die christlichen Lehren ja alle gehört , aber weil sie uns nur äußerlich gelehrt wurden und nicht eine Antwort auf das Fragen unseres Herzens waren , so haben wir sie nicht verstanden und dadurch sind sie uns fast in Vergessenheit geraten . Jetzt weiß ich , was Gottes Liebe bedeutet , und weiß , daß Gott mich liebt . Deshalb habe ich keine Unruhe mehr , mache mir auch keine Vorwürfe und Sorgen , denn ich weiß , daß mir nur Gutes geschehen ist , und daß mir nie Übles geschehen wird , durch die Liebe Gottes . Diese Erkenntnis ging mir auf , wie ich Karl beobachtete , denn der gehört nicht zu den Auserwählten ; weshalb das aber so ist , weiß ich nicht , und das wird wohl ein Geheimnis sein , das Gott sich vorbehalten hat . « So sprach die Frau ; und wiewohl der Mann den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch später nicht verstanden hat , denn er war ein Mensch , der auf anderm Wege zu seinem Ziele kam , nämlich durch seine eigne Milde und Güte , so wußte er doch , daß auch solches gut ist , und ließ sie nach ihrer Art denken . Und so lebten die beiden sich immer mehr ineinander , und am Ende erreichten sie dasjenige Maß von Vollendung , das bestimmt ist für solche Leute , wie sie sind , mögen das nun gelehrte und hochmächtige oder schöne und berühmte Menschen sein , oder ein armes und unbeachtetes Arbeiterpaar , das nicht unterschieden von den andern in einer menschenerfüllten Stadt wohnt . Hans erhielt einen Brief von seiner Mutter , er solle recht schnell nach Hause kommen , denn sein Vater sei sehr krank , und weil er wußte , daß das eine gefährliche Krankheit war , denn sonst hätte sie nicht so dringend geschrieben , so machte er sich eilig und voll Sorge auf die Heimfahrt ; und fuhr denselben Weg wie damals , als er vor Jahren nach Berlin gekommen war , nur fehlte ihm jetzt der Glanz der Erwartung , und alles erschien ihm wie einem Enttäuschten , und sonderbar nüchtern war es auch in der Heimat , die Luft und die Frische , die wohlbekannte Art von Menschen mit luftgefärbten Gesichtern , und die Häuser und Wälder . Wie er den alten Weg zum Forsthause ging , da kam ihm keinerlei freudiges Gefühl , und nur auf den gemeinen Nutzen waren die Holzstöße , das dünne Waldgras und die hohen , grauen Baumstämme gestimmt , und das alte Haus erschien ihm klein und dürftig mit der niederen Haustür und den winzigen Fenstern , und es war , als hänge alles hier nur von der täglichen Notdurft ab