, habe dem Vater fünfmalhunderttausend eingebracht ! Als ich ihr sagte , daß sie sich leider irre , und daß wir die Sache nur aus Verlegenheit möglich gemacht hätten , stieß sie mich mit ihrem hornigen Zeigefinger in die Brust , daß ich es wohl einen Tag lang spüren mußte , und schimpfte auf dich wie maniakalisch . Tante Ludmilla hat mich schon in einige Familien eingeführt , wo es natürlich an hübschen Töchtern nicht fehlt . Neulich ließ sie etwas fallen von ihrer Absicht , mich eventuell zu adoptieren . Dann bin ich ihr Pflegesohn , und alle unnützen Frager sind aufs Maul geschlagen . Wie denkst du darüber , liebe Mama ? Ich kann ja nicht anders hinaufkommen , es muß ja etwas für meine Zukunft getan werden ! Ich will mich doch ausleben , ich bin doch kein Asket ! Du mußt das doch begreifen , liebe Mutter , ich bin eben anders ! Dein gehorsamer Sohn Hermann . Als Josefine Hermanns Brief gelesen hatte , beschloß sie , sofort nach Basel zu fahren . Ihre heftige Entrüstung benahm ihr sogar während der Sprechstunde die gewohnte überlegene Konzentration . Sie mußte zuweilen ihre Frage an eine Patientin wiederholen , weil sie die Antwort nicht gehört hatte . Ich fahre mit dem letzten Zuge , spreche nachts mit meinem Burschen und bin mit dem frühesten Morgenzuge zurück , dachte sie . Es war November , aber laulich , und heller Mondschein . Die Fahrt muß ich zum Schlafen benutzen , dachte sie , aber wie ist es denn möglich , zu schlafen ? Dieser Bursch ist ja eine vollständige Widersinnigkeit ! Hat man ihn in die Welt gesetzt , damit er die Leute betrüge ? Sie fuhr wie eine gewitterschwarze Wolke über Rösli her , die beim summenden Gaslicht einsam mit roten Wangen am Tisch saß und in ein winziges Notizbüchlein kritzelte . » Ach , du mit deinen ewigen Verseleien , auch du machst mir Sorge ! « schrie Josefine und riß dem erschrockenen Kinde das goldgeränderte Büchlein fort . Rösi starrte mit geblähten Nasenflügeln und dunkel offenen Augen auf ihre Mutter . Sie schrie auf , wie ein verwundeter Vogel schreit . » Was schreist du ? « zürnte die Mutter wild und heftig . » Gib mir mein Buch ! mein Buch ! mein einziges - einziges Glück ! « flehte Rösi und begann zu schluchzen . » Da ist ' s ! weine nicht , du Dummes ! man reißt dir nicht den Kopf ab . « Sie warf das Büchlein auf den Tisch . » Ich fahre nach Basel - ist der Papa daheim ? « » Weiß nicht , « schmollte das Mädchen , still weinend und mit dem Kopf nickend . » Siehst du ! sie weiß nicht ! lebt taub und blind ! Ach , ich möchte eine Tochter , die lebt , die stark ist und ein Mensch ! « schrie Josefine außer sich . Rösi stand auf , zitterte an allen Gliedern , ihr Gesicht war totenblaß . » Du liebst mich nicht mehr , Mama , ich weiß es , du hast mir so kalt geschrieben nach Weggis , alles , was ich tue , ist schlecht , aber - - « Sie warf das Büchlein vom Tisch herunter , trat darauf und schrie wimmernd ... » Kind ! Rösi ! was ist das ? « Plötzlich hatte Josefine begriffen , plötzlich schmolz ihr Herz . Sie lief auf das Kind zu , umarmte es stürmisch , küßte es auf die nassen Augen , die nassen Bäcklein . Ihre Herzen klopften dicht aneinander . » Verzeih ! verzeih ! « flüsterte die Mutter , flüsterte das Kind , und sie küßten sich und weinten miteinander . Dann , fest umschlungen , setzten sie sich auf einen Stuhl . » Sieh , mein Alles , wie unglücklich ich bin über deinen Bruder ! Sein erster Schritt hinaus ist ein Schritt in den Sumpf ! Er will eine Rolle spielen , reich werden ! Alles setzt er aufs Spiel , seine Mutter , sein Vaterland , seine Wissenschaft ! Die abscheuliche alte Spinne in Basel will ihn adoptieren , und er sieht darin etwas Gutes , weil es ihm Vorteil bringt ! Und dieses Bürschlein habe ich in die Welt gesetzt , damit es die Leute betrüge ! « » Aber ich , Mama , ich tue so etwas nie ! ich bin doch deine Tochter , oder willst du lieber eine andere ? « rief die Kleine , und mit zusammengebissenen Zähnen weinte sie Tränenströme in den Hals der Mutter . Josefine küßte sie leidenschaftlich . » Ach , Kind , ich bin so abgehetzt ! Ich bin so müde von diesem Sommer ! Verzeih ! verzeih ! Was hat es alles gegeben diesen Sommer ! Und nun Hermann ! « Sie sprang auf . » Hilf mir , Kind , Rösi ! Mein Regenmantel ist noch naß , die Schuhe müssen vom Schuster geholt werden . Auch mit Papa muß ich sprechen . Um halb acht Uhr geht der Zug . « Rösi war wie Wachs ; sie zerschmolz fast in Liebe und Schmerz , als sie die Mutter sich unglücklich nennen hörte . Alles , alles wollte sie tun ! ... » Und ganz werden wie du ! wie du ! « Georges kam nach Hause , und Josefine hatte noch eine kurze , dringliche Unterredung mit ihm , bei der sie fast allein sprach . » Ich bringe unser Bürschli heim , « sagte sie endlich , nachdem sie ihm alles erzählt hatte , » und dann müssen wir weiter sehen . Cynismus ist Gift für Hermann , und diese alte Tante Ludmilla ist cynisch ! Er muß zurück auf ordentlichen Weg kommen . Es geht nicht , daß er Theologie studiert , Georges . Widersetze dich auch und rate ihm zu etwas anderem , ich bitte dich ! Er hört auf dich , er