, die an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten . Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen , die Augen waren halbgeschlossen , beschattet durch die langen , roten Wimpern , die Arme hatten das Kleid gefaßt . Agathon schaute hin und ihm war , als müsse das Blut aus ihrer Brust sickern bei dem schmerzlichen und düsteren Ringen ihres Körpers . Plötzlich , der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle , reckte sie sich auf ; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie den Goignade , einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Extase . Agathon biß die Lippen zusammen , ihn schwindelte . Als sie fertig war , lächelte sie flüchtig , nickte und sagte kühl , Agathon solle in das Zimmer nebenan , wo er schlafen könne . Damit ging sie . Agathon wartete , aber sie kam nicht wieder . Er betrat das Nebenzimmer , ließ jedoch die Türe offen , damit er das Licht sehen konnte , legte sich in den Kleidern aufs Bett , faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen , bis der Morgen anbrach . Dann erhob er sich und trat zum Fenster . Er war beunruhigt , und mit dem Wachsen des Tages nahm seine Unruhe zu . Er gefiel sich nicht in den kostbar ausgestatteten Räumen ; es schien ihm , als sei seine Seele zusammengeschrumpft . Als Jeanette spät am Vormittag erschien , erstaunte er über die Veränderung an ihr . Sie war müde ; die Haut ihrer Wangen war schlaff , der Blick hart , ihre Bewegung mühsam , ihre Worte kalt . Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste , in einem circenhaften Blick . » Hast du geschlafen ? « fragte sie . » Wessen Blut steckt eigentlich in dir ? « fuhr sie unvermittelt fort . » Ich kenne keinen von den Leuten , bei denen du aufgewachsen bist , der mit dir zu vergleichen wäre . Und auch sonst - « . Sie stand auf , stellte sich hinter seinen Stuhl , legte beide Hände auf seine Schultern , so daß er den Kopf zurückbog , um sie zu sehen , und sie fragte lächelnd , indem sie ihre Augen tief in die seinen bohrte : » Hast du die Kirche in Brand gesteckt , Agathon ? « Agathon machte sich los und entgegnete , ebenfalls lächelnd : » Wolltest du , daß ich es getan hätte ? « Sie schwieg finster . » Es ist wahrscheinlich , daß es der Blitz getan hat , « sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck . Sie standen sich eine Weile stumm gegenüber , endlich meinte sie spöttisch lächelnd : » Aber du mußt andere Kleider bekommen , trotz alledem . Bist du zornig ? « fügte sie erschrocken und demütig hinzu , als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte . » Oder kränkt dich der Tag so wie mich ? Dann werde ich die Türen zusperren , meine Dienstboten fortschicken , die Rollläden schließen und Nacht sein lassen . « Alles dies sagte sie fast kühl , hinwerfend . Agathon konnte nicht klug aus ihr werden . » Daß wir beide Juden sein müssen ! « rief sie aus , als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte . » Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen , alle seine Leiden . Ich habe alle seine Fehler in mir ; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche . Ich bin grüblerisch und scheu , feig und frech , ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich , wie du siehst . Und du , was bist du eigentlich ? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn ? « Plötzlich ging sie , nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände , zog ihn mit einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen . Fast zugleich aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an , bleich , mit weiten Augen . » Diese Lippen ! « flüsterte sie bewegt . » Du hast noch nie ein Weib geküßt ? « Langsam ergriff sie seine Hand , beugte sich und küßte auch sie . Agathon dachte an Monika , die einst ein gleiches getan . Warum ? » Was bist du ? Was willst du ? « fragte sie ihn nach einem langen Schweigen . » Was ich will , das ist zu schwer für Worte . Was ich will ... Den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben , Jeanette , das ist es , was ich will . Freilich , viele haben schon die Erde , aber nur die Erde ohne den Himmel , sie wissen , daß der Himmel fehlt . Verstehst du ? Sie müssen die reine Erde haben , ohne Kreuz , ohne Abfall , ohne Verzicht , ohne Abrechnung mit einem Droben . Sie haben bloß Genüsse und Schmerzen . Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig . Er hat keine Freude , auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste , vergoldetste , mildeste Käfig von der Welt ist . So ist der Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden . Und so lange schon , daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen , sie könnten fliegen . Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist , können sie nicht fliegen . Ich will die Stäbe zerbrechen , Jeanette , oder nur einen , ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr . Und wenn auch dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird , das schadet nichts . Nur die Großen , die Unterdrücker werden dann zermalmt , Simson der Täter und die Philister werden zermalmt , aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues Geschlecht gründen . Freude wird sein . « Sein bleiches Gesicht spiegelte