Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten . Ein aufrichtiges Bedauern war es für Effi , die Mama , nachdem diese , wie gleich anfänglich vermutet , fast sechs Wochen lang in Kur gewesen , nach Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen , ein Bedauern , das nur dadurch einigermaßen gemildert wurde , daß sich Johanna denselben Tag noch in Berlin einstellte . Das war immerhin was , und wenn die hübsche Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahestand wie die ganz selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha , so war sie doch gleichmäßig angesehen , ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen Herrin , weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit war . Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk zurückführen , woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung , ihr schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung erklären wollte . Johanna selbst teilte die Freude , die man allerseits über ihr Eintreffen empfand , und war durchaus einverstanden damit , als Hausmädchen und Jungfer , ganz wie früher , den Dienst bei Effi zu übernehmen , während Roswitha , die der Christel in beinahe Jahresfrist ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte , dem Küchendepartement vorstehen sollte . Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu , worüber Roswitha freilich lachte . Denn sie kannte die jungen Frauen . Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus . Er war glücklicher als vordem in Kessin , weil ihm nicht entging , daß Effi sich unbefangener und heiterer gab . Und das konnte sie , weil sie sich freier fühlte . Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein , aber es ängstigte sie nicht mehr , oder doch um vieles seltener und vorübergehender , und alles , was davon noch in ihr nachzitterte , gab ihrer Haltung einen eigenen Reiz . In jeglichem , was sie tat , lag etwas Wehmütiges , wie eine Abbitte , und es hätte sie glücklich gemacht , dies alles noch deutlicher zeigen zu können . Aber das verbot sich freilich . Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war , als sie während der ersten Aprilwochen ihre Besuche machten , noch nicht vorüber , wohl aber im Erlöschen , und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr daran . In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin , und mehr noch als vorher war man glücklich , sich in der Mittagsstunde , wenn Innstetten von seinem Ministerium kam , im Tiergarten treffen oder nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten machen zu können . Effi sah sich , wenn sie die lange Front zwischen dem Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt , immer wieder die massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an , fand eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus , sammelte Tannenäpfel , die von den Trauertannen gefallen waren , und ging dann , Arm in Arm mit ihrem Manne , bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene » Belvedere « zu . » Da drin soll es auch einmal gespukt haben « , sagte sie . » Nein , bloß Geistererscheinungen . « » Das ist dasselbe . « » Ja , zuweilen « , sagte Innstetten . » Aber eigentlich ist doch ein Unterschied . Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens soll es hier in dem Belvedere so gewesen sein , wie mir Vetter Briest erst gestern noch erzählte - , Spuk aber wird nie gemacht , Spuk ist natürlich . « » Also glaubst du doch dran ? « » Gewiß glaub ich dran . Es gibt so was . Nur an das , was wir in Kessin davon hatten , glaub ich nicht recht . Hat dir denn Johanna schon ihren Chinesen gezeigt ? « » Welchen ? « » Nun , unsern . Sie hat ihn , eh sie unser altes Haus verließ , oben von der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt . Als ich mir neulich ein Markstück bei ihr wechselte , hab ich ihn gesehen . Und sie hat es mir auch verlegen bestätigt . « » Ach , Geert , das hättest du mir nicht sagen sollen . Nun ist doch wieder so was in unserm Hause . « » Sag ihr , daß sie ihn verbrennt . « » Nein , das mag ich auch nicht , und das hilft auch nichts . Aber ich will Roswitha bitten ... « » Um was ? Ah , ich verstehe schon , ich ahne , was du vorhast . Die soll ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun . Ist es so was ? « Effi nickte . » Nun , tu , was du willst . Aber sag es niemandem . « Effi meinte dann schließlich , es lieber doch lassen zu wollen , und unter allerhand kleinem Geplauder , in welchem die Reisepläne für den Sommer mehr und mehr Platz gewannen , fuhren sie bis an den Großen Stern zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite Friedrich-Wilhelms-Straße auf ihre Wohnung zu . Sie hatten vor , schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische Gebirge zu gehen , wo gerade in diesem Jahre wieder die Oberammergauer Spiele stattfanden . Es ließ sich aber nicht tun ; Geheimrat von Wüllersdorf , den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt sein Spezialkollege war , erkrankte plötzlich , und Innstetten mußte bleiben und ihn vertreten . Erst Mitte August war alles wieder beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben ; es war aber nun zu spät geworden , um noch nach Oberammergau zu gehen , und so entschied man sich für einen Aufenthalt auf Rügen . » Zunächst natürlich Stralsund , mit Schill , den du kennst , und mit Scheele , den du nicht kennst und der den Sauerstoff entdeckte was man