legte ihre Hände auf seine Schultern und sah ihn gramvoll an . » Treuer , großmütiger Mann , « sagte sie , » nun versteh ' ich Deine Beredsamkeit ; Du sprichst für ihn , nur damit ich glücklich werde . « Sie schloß die Augen . Einen Herzschlag lang setzten ihre Pulse aus , dann sprach sie , es ging nur wie ein Hauch an des Freundes Ohr vorüber : » Es ist hoffnungslos . Es ist Severina , die ihm noch alles zu geben hat - nicht - ich - ich nicht . « Unwillkürlich , als müsse er sie retten und schützen , faßte er sie in seine Arme . Sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter , und Thränen , die ersten Thränen stürzten aus ihren Augen . » Fanny , « sagte er mit zitternder Stimme , » teure Fanny , bedenke Dein ganzes Leben , all Dein nützliches Wirken und wie Deine Augen über so viele sonnenlose Existenzen Licht verbreiten . Laß uns nicht allein - lebe für uns . Wir wollen Dich alle doppelt lieben . « Sie weinte heftiger . » Ich weiß nicht , ob ich das Leben noch tragen kann . « Siebenzehntes Kapitel Der Winter war vergangen , langsam , als sei er nicht vier Monate , als sei er vier Jahre lang gewesen . Joachim hatte sich längst in seiner neuen Heimat eingelebt und rüstete sich nun , zu seiner Hochzeit nach Mittelbach zurückzukehren , nach demselben Mittelbach , das er anfangs Dezember , kaum genesen , verlassen und seitdem nicht wiedergesehen . Aber Severinas Briefe unterrichteten ihn mit der peinlichsten Genauigkeit von allen Vorgängen dort . Er wußte , daß die Pastorin von der Stunde an , daß Severina die Braut eines Edelmannes war und für ihr künftiges Leben die Aussicht auf auskömmliche Verhältnisse hatte , ihre Pflegetochter mit anderen Augen ansah , ihre demütigenden Sittenpredigten nicht mehr hielt und diese glückliche Geschickswendung als eine Belohnung ansah , die der liebe Gott ihr , der opferfreudigen Pflegemutter , geschickt . Er erfuhr auch , daß Magnus durch einige wissenschaftliche Aufsätze viel Erfolg gehabt habe , Weihnacht zu Hause gewesen sei und von Adrienne mit einer besonderen , ernsten Auszeichnung behandelt worden wäre , was Magnus durch die höchste Ehrfurcht im Benehmen erwidert habe . Lanzenau sei sehr kränklich , man spreche von Teplitz und für nächsten Winter vom Süden . Wie ihm das alles gleichgiltig war ! Seine Augen suchten in Severinas Zeilen immer nur nach einem Namen ! Und wenn dieser genannt war , ärgerte er sich über alles , was in Verknüpfung damit berichtet wurde . Er fehlte nie , dieser eine Name . Fanny habe mit verschwenderischer Hand eine Aussteuer beschafft , die für ein gräfliches Haus genügen würde , aber Fanny habe nichts selbst ausgesucht , nichts geprüft . Entgegen ihren sonstigen vernünftigen und geschickt wachsamen Gewohnheiten beim Einkaufen habe sie alles unbesehen beordert und nachher auch kaum einen gleichgiltigen Blick dafür gehabt . Fanny fahre nicht mehr aus ; wenn die Familie Taiß käme , was ungewöhnlich oft geschehe , bleibe sie freudlos und gleichgiltig . Weder lese , noch musizire , noch male man mehr im Schlosse . Die Tage gingen so öde hin , Fanny habe nur unendliche Fürsorge für Lanzenau , andere Menschen schienen für sie nicht vorhanden . Fanny sei sehr gealtert , Fanny sei sehr elend - und so immer Fanny und Fanny . Eine dämonische Verwandlung ging in der Brust des jungen Mannes vor . Mit bedrücktem Gewissen war er abgereist , lange peinigte ihn der unerfüllt gebliebene Wunsch , Fanny noch einmal zu sehen , einen vergebenden Blick von ihr zu erhalten . Dann fing ein leiser Groll über ihre Unerbittlichkeit an , sich in ihm zu regen . Weiter wurde schon ein Vorwurf daraus , daß Fanny eine solche Sache so tragisch nehme und sich das Leben damit vergifte . Beinahe fand er es geschmacklos von einer Frau mit Fannys Verstand . Dann glaubte er , daß sie sich so gebrochen zeige , sei wie ein steter Hinweis auf seinen Leichtsinn , und fand ihre Haltung nicht im Verhältnis zu dem Geschehenen . Wenn alle Frauen und alle Männer einen vorübergehenden Glücksrausch nachher mit einer solchen Lebensjeremiade bezahlen wollten oder sollten , müßte die Erde ja einem Trauerhause gleichen . Und endlich war es ihm , als ob er sie hasse ; und mit immer größerer Gier suchte er in Severinas Briefen ihren Namen und eine Bemerkung , die ihm immer wieder das Recht gab , ihr zu zürnen , sich über sie zu ärgern . Der Gedanke an sie wurde ihm ganz zuwider . Eine fürchterliche Grausamkeit gegen sie erfüllte sein ganzes Herz . Wenn er daran dachte , daß er sie bei der Hochzeit sehen werde , peinigte ihn brennende Neugier , wie sie sich dabei benehmen werde . In manchen Stunden ergriff ihn eine Art sentimentales Bedauern ; wenn Fanny mit der Welterkenntnis einer großen Dame , mit dem weiten Blick einer klugerfahrenen Frau ihren gewiß natürlichen Schmerz niedergedrückt und versucht hätte , zu verzeihen , wie gut Freund hätte man da bleiben können - gewiß , gut Freund fürs Leben . Das war so schade und lediglich Fannys Schuld , daß man nun getrennt war wie durch einen heißfließenden Lavastrom . Aber immer verstummten alle diese angewiderten oder bedauernden Empfindungen sehr schnell . Sie wurden eben nur gelegentlich der Briefe hervorgerufen ; im übrigen war Joachim guter Dinge . Alle seine Wünsche und Pläne waren nur auf das Weib gerichtet , das er im Frühling sein nennen würde . Und Fanny ? Was Severina von ihr schrieb , waren die Resultate dessen , was Fannys Umgebung an ihr beobachtet . In Fannys Herz konnte niemand sehen ; daß sie in den langen Winternächten eine alte Frau geworden war , schien ihr selbst nicht bewußt zu sein . Sie äußerte sich nie über ihr verändertes Aussehen und gab nie durch Klagen