Marktes anstaunend , machte er in der That eine jämmerliche Figur . Er glich einem Kind , das zum ersten Mal in die Schule gebracht , den Daumen verlegen im Mund , vor dem Herrn Lehrer steht . Oder einem Hülfsvikar , der , in eine fashionable Gesellschaft versetzt , mit unbehülflichen Kratzfüßen die Bäuche der rückwärts Stehenden bedroht . Oder einem Zaghaften der am Schwimmseil zappelt - kurz , er fühlte sich so wenig gemüthlich , daß Vorübereilende ihn angrinsten . Ein freundlicher feinaussehender Herr fragte ihn zwar sehr höflich und zutraulich , wohin er wolle , was ihn fehle , ob er ihm , als einem Fremden behülflich sein solle - aber Rother war doch nicht grün genug , um das deutliche » Hem , Hem ! « und Augenwinken eines zufällig in der Nähe befindlichen Herrn und das noch deutlichere » Take care , Sir ! « eines Zweiten mißzuverstehen - so machte er sich sehr brüsque von dem liebenswürdigen Fremdenführer los und steuerte aufs Gradewohl in den Strudel hinein . Euston Road mit seiner Fortsetzung Marylebone , der Hauptavenue zum Regents Park , bildet eine Zweigader von Tottenham Court Road , dieser Pulsader des Krämerverkehrs oder , derber ausgedrückt , diesem Rinnstein des hauptstädtischen Schmutzes . Die beiden durch ihre üblen Ausdünstungen berüchtigten Stationen Euston- und Gowerstreet Station verpesten von zwei Seiten her die Atmosphäre , die Tramways und drei Omnibuslinien kreuzen sich und eine schmutzige aufgeregte Menschenmasse wälzt sich von hier nach Pentonville und City Road hinauf . Rechts schleppte ein Fleischerknecht einen über und über mit Blut bespritzten Bengel am Kragen über die Straße , den er beim Diebstahl dingfest gemacht ( d.h. halb todtgeschlagen ) hatte . Links schrie ein Antiquar nach dem Policeman , weil ein Bücherfreund mit geschicktem Griff einen » Roderick Random « von den ausgelegten Büchern entwendete . Leider war der Policeman eben beschäftigt , einen aufgeregten Japanesen zu beschwichtigen , dem ein frecher » Austernjunge « anzügliche Bemerkungen über seinen Zopf nachgekichert hatte . Rother passirte Gowerstreet und sah eine Menge Neger in weißen Halsbinden nach University College hinaufeilen und auf der andern Seite mehrere Sieche nach University Hospital hinaufbefördern . Die respektable Stille der großen Boarding House-Straße beruhigte ihn etwas , bis er , von dem unerträglichen Geruch von Bloomsbury Street begrüßt , Oxford Street in seiner vollen Glorie vor sich liegen sah . Er hätte die Straße passiren müssen - aber das gegenüberliegende Labyrinth der ehemaligen Rookery St. Giles erfüllte ihn mit ahnungsvollem Schauder . So trieb er denn willenlos mit dem Strom High Holborn hinunter , aus dem Gebiet der Modeläden in das Revier der großen » Ausverkäufer « . Auf Holborn Viadukt angelangt , hatte er schon zwanzig Püffe davongetragen , weil er sich nicht daran gewöhnen konnte , im Zuge auf der rechten Seite zu marschiren . Das nachdrückliche » On the right hand , Sir ! « war einmal von einem so grimmigen » God damn your eyes ! « begleitet , daß Rother nur zu wohl bemerkte , er befinde sich keineswegs in einer altenglischen Puritanerstadt , wo Schwören als Gipfel der Sünde gilt . Schwindelnd lehnte er sich an das Brückengeländer und starrte von oben in den belebten Farrington Road hinab , der rechts unten in Blakfriars Bridge mündet . Dort die Themse mit hundert Booten und Dampfern , das Menschengewimmel auf Brücken und Straßen - und über alle Dächer hin hier oben der ungeheure nie endende Marsch nach der City ! London , bekanntlich ganz auf Hügeln gebaut , senkt sich hier plötzlich hinab , weswegen das Wunderwerk des Riesenviadukts mitten über die Straße weg gelegt wurde , so daß hier in der That zwei Städte über einander stehen . So schreitet hier Eins über das Andre fort , so wirbelt Alles durcheinander mit nie stockender Schnelligkeit , ein Rad der Maschine greift in das andre , und ein verschrumpelter abgebrauchter verbogener Stift wie ein gewisser Weltverbesserer Eduard Rother - was nützt er hier ? Er wird zur Seite geworfen . Dort ist die Themse - das ist der Abort für verbrauchtes Material . Starre nicht so gründlich nach der Themse hinüber , mein Lieber . Studire auch nicht die Straßen da unten . Wer zu lange in Wasserfälle starrt , fällt oft kopfüber hinein . Neulich besah sich ein Bürger vom London Monument aus den Höllenstrudel unter sich und London Bridge schien ihm so einladend , daß er vor lauter Verwirrung und Schwindel gemüthlich von der Säulenspitze herunterfiel und in kleinen Atomen unten anlangte - unstreitig die einfachste Manier , um den Daseinsschwindel los zu werden , ein großartiges Verständniß und Bekenntniß der oben erläuterten Stift-Theorie . Da drüben ragen durch den Nebel die Mastspitzen über und hinter den Häuserreihen schwankt das Takelwerk der in den Docks gebetteten Kauffartheischiffe . Das ist die Welt , die große Welt , der Ocean , von dem der Londoner Menschenocean ein Spiegelbild . Alles regt und rührt sich , der Sturm braust und die Wellen branden , zerschlagen die Lebensschiffe und ertränken die Schwimmer - wozu wären sie sonst Wellen ? Die wenigen Leuchtthürme und Riffe halten ' s noch aus - aber die schwachen Kähne kentert der erste Windstoß . Rother schauderte . Er eilte die düstere Newgatestreet hinauf ; eine Glocke läutete . Schon in Euston Road hatte ihn eine Glocke gerührt ; es war die Glocke des Magdalenenstifts in Marylebone . Hier aber hatte die Glocke einen düstern wehvollen Klang : es war die Todtenglocke in St. Sepulchre ' s Church , denn in Newgate Prison wurde ein Mörder hingerichtet . Aber gleichgültig , kalt und ruhig wälzten sich die Massen vorüber , kaum daß Einer horchend das Haupt erhob - wen interessirt das Schicksal des Einzelmenschen ? Weiter , weiter ! Auch Rother horchte nicht mehr , sondern schritt stumpf und taub vorwärts . Und , was er erlauscht hatte , war Mißklang : Die menschliche Sünde , das menschliche Weh , und die lieblose Härte der