» und läßt dich grüßen . « » Wo hast du das her ? « fragte er erschrocken , denn er hatte die Handschrift der Mutter erkannt . » Es lag in der alten Kommode , die beim Brande gerettet wurde , zwischen Lade und Hinterwand geklemmt . Dort scheint es seit ihrem Tode gelegen zu haben . « Darauf setzten sie sich nebeneinander auf das Grab , legten das Buch zwischen sich auf ihre Knie und fingen an zu studieren . Jetzt besann er sich wohl , daß Käthe damals , als er sie mit ihrem Geliebten überraschte , von einem Arienbuch gesprochen hatte , das der Mutter gehört haben sollte , aber er hatte es nie übers Herz gebracht , sie danach zu fragen , weil er die böse Erinnerung an jene Stunde nicht wieder lebendig machen wollte . Allerhand Lieder standen darin , die waren fließend abgeschrieben , daneben andre halb durchstrichen und mit Verbesserungen versehen . Diese letzteren schien sie aus dem Gedächtnis wiedergegeben oder vielleicht selbst gemacht zu haben . - Da war auch jenes von dem Sängersmann , das Käthe damals hergesagt hatte . Und dann kam eines , das lautete so : Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Es wacht am Bett die Mutter dein , Bis du in Traum gesungen . Schlaf ein ! Das Glöcklein , das vom stillen Wald So sanft , so süß herüberhallt , Ist auch wohl bald verklungen . Schlaf ein ! Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Es glänzt im Hof der Mondenschein , Erzählt ein Märchen der Linde - Schlaf ein ! Vom Hirtensohn auf der Heide draus Und der Prinzeß im weißen Haus ; - Da seufzen die Blätter im Winde . Schlaf ein ! Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Dein Rosenstock am Treppenstein , Der träumt von Hain und Hügel . Schlaf ein ! Dein Vögelchen vom Fensterbrett Piept leise her nach deinem Bett , Schlägt müde die kleinen Flügel - Schlaf ein ! Schlaf ein , lieb Kind ; lieb Kind , schlaf ein ! Es wacht am Bett die Mutter dein Und harret und harret beklommen ; Schlaf ein ! Wohl rinnt die Zeit , die Mutter wacht ; Es naht , es naht die Mitternacht , Vielleicht wird auch Vater dann kommen . Schlaf ein ! Und dann kam ein andres Gedicht : Wußt ' ich einst eine herzensallerliebste Maid , Die wohnt verlassen auf der grünen , grünen Heid ' Und verlangt nach Liebe ; Sie guckt bei Tag und Nacht zum Fensterlein hinaus , Sie guckt die schönen Blauäugelein sich aus , Denn sie verlangt nach Liebe - - - Da kam ein blanker , junger , kecker Reitersmann , Der fragt ' : » Was schaust du mich so wunderseltsam an ? « » Mich verlangt nach Liebe ! « Da lacht er : » Mädel , dummes , komm in meinen Arm , Schau da liegst du mollig und da liegst du warm , Und da gibt es Liebe . « - - » O Lieber , wüßtest du , wie ich verlassen bin ! So nimm mich armes , armes Mädel , nimm mich hin , Aber gib mir Liebe ! « Als er sich satt geruht an ihrer weißen Brust , Da sprach er : » Hast du Schelm es wirklich nicht gewußt ? So ist die Liebe ! « ... » Und ist dir meine Liebe , Lieber , noch nicht leid , So will ich bei dir bleiben bis in Ewigkeit ; Mich bangt nach deiner Liebe . « Da lacht der blanke , junge , kecke Reitersmann Und zäumt ' sein Roß und sang ein Lied und ritt von dann ' , Ließ sie in Jammer und Liebe ! Und als die Frist , die böse Frist verstrichen war , Sieh , da geschah ' s , daß sie ein Knäblein gebar , Ein Kind der Liebe . Sie trug ' s wohl auf die grüne Heid ' in Nacht und Wind . » Im Kuß erstick ' ich dich , du armes Jungfernkind , Ersticke dich in Liebe ! « » Herr Richter , tut mit mir , was Euer Herz begehrt , Verlassen bin ich Ärmste auf der weiten Erd ' , Bin ohne Liebe ! « Im weißen Brautgewande stieg sie zum Schafott , Sie sprach : » Nun nimm mich hin , du lieber , lieber Gott . Denn mich verlangt nach Liebe ! « Da mußte er der beiden Schwestern gedenken , und ihm war zumute , als hätte die Mutter alles vorausgewußt und alles im voraus vergeben . Und gleich darauf stand in großen Buchstaben überschrieben : Das Märchen von der Frau Sorge . Es war einmal eine Mutter , der hatte der liebe Gott einen Sohn geschenkt , aber sie war so arm und so einsam , daß sie niemanden hatte , der bei ihm Pate stehen konnte . Und sie seufzte und dachte : » Wo krieg ' ich wohl eine Gevatterin her ? « - Da kam eines Abends mit der sinkenden Dämmerung eine Frau zu ihr ins Haus , die hatte graue Kleider an und ein graues Tuch um den Kopf geschlungen ; die sagte : » Ich will bei deinem Sohn Pate stehen , und ich werde dafür sorgen , daß er ein guter Mensch wird und dich nicht Hungers sterben läßt . Aber du mußt mir seine Seele schenken . « Da zitterte die Mutter und sagte : » Wer bist du ? « » Ich bin die Frau Sorge , « erwiderte die graue Frau . Und die Mutter weinte ; aber da sie so großen Hunger litt , so gab sie der Frau ihres Sohnes Seele , und diese stand Pate bei ihm . Und ihr Sohn wuchs heran und arbeitete schwer , um ihr Brot zu schaffen