Inseln mit Millionen und aber Millionen verschlingenden Phantasiebauten sich bedecken , seit jenem verhängnisvollen Augenblick verlor das Münchener Kunstleben alle Führung und Richtung ins Große . Ein kleinliches , trübes , chaotisches Durcheinander . Es wurde dies und das probiert , allein ein stolzes , sicheres Zentrum , von dem aus die neue Entwickelung zu lenken gewesen wäre , wurde nirgends gefunden . Es ist auch kein Meister aufgestanden , der mit der Wucht seines Genius die Leitung an sich gerissen hätte . Das Kliquenwesen blühte , die Koterieherrschaft , der Intriganten-Unfug . Auflösung , Zerbröckelung . Kein Zug mehr ins Gewaltige . Ach , das Herz könnte einem brechen , wenn man bedenkt , wie ganz anders alles hätte kommen können ... Pompeji , Pompeji ! Wo bin ich denn ? Ja , mein verehrter Doktor Trostberg , Sie thun sich leicht mit Ihrem philosophischen Weltschmerz . Als ein halber Abkömmling jenes auserwählten semitischen Volkes , das wie kein anderes über einen aufgespeicherten , fast unerschöpflichen Schatz von Energie und Seelenkraft gebietet , können Sie ohne Gefahr im Ozean des Weltleids umherplätschern , während wir rassenmäßigen blonden Germanen viel weicherer und empfindlicherer Natur sind . Uns setzen die historischen Katastrophen ganz anders zu . Wir haben selten die feine Gabe , selbst das Unglück zu überlisten und aus verzweifelten Lebenslagen , in welche das Schicksal , der Zufall , die Schuld oder sonst irgend eine geheimnisvoll unverantwortliche Macht uns gestürzt , einen Zugang zu neuen Vorteilen , Freuden und Ehren im Kopfumwenden zu gewinnen . Merkwürdigerweise sind uns sogar die Frauen in der Ausnützung des Mißgeschickes überlegen . Da ist z.B. die wiederholt zitierte kleine geniale Person , Flora Kuglmeier nennt sie sich im profanen Leben - es gibt ja noch viel dümmere Namen , z.B. den meinigen - ein kleiner Vulkan , ein Dämon , und dabei von kältester Besonnenheit , von eiserner Beharrlichkeit , von unverwüstlichem Vertrauen auf die Kraft des eigenen Geistes , im kritischen Moment das Rechte zu treffen . » Das würde ich so und so machen , « spricht sie ; » den und jenen Erfolg muß man sich vorerst ganz aus dem Sinn schlagen - jetzt herrschen die Übergangsmenschen ; kämpfen muß man immer , zum Kämpfen sind wir da , wenn auch nicht immer zum Siegen . Kämpfen heißt aber nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen . « Dann wieder mit einem unbeschreiblich feinen pfiffigen Zug , der in dem stillen , überlegenen Gesicht gar humoristisch wirkt : » Auf Gott vertrau ' - und um Dich hau ' ! Hauen steht besonders dem Deutschen gut , wenn er ' s mit Grazie und Schick macht , daß jeder Hieb sitzt und zugleich so betäubend wirkt , daß der Andere sich gar nicht auf den Gegenschlag besinnen kann Hauen , aber weder prügeln , noch fuchteln . Hauen mit Gottvertrauen . Und wenn die Geschichte gefruchtet hat , auch dem lieben Gott sein ehrlich verdientes Lob nicht vorenthalten . Das ist heldenhaft und klug . Das hat mir immer in den preußischen Siegesberichten gefallen : Mit Gottes Hilfe haben wir die Mac Mahon ' sche Armee aufgerieben ; mit Gottes Hilfe haben wir den Kaiser Napoleon gefangen u.s.w. Wie ' s in dem Fibel-Sprüchlein heißt : Mit Gott fang ' an , mit Gott hör ' auf . Jeder Sieg ist eine Verantwortung . Es ist klug , bei Verteilung desselben Gott so wenig zu verkürzen wie den braven Kutschke . Bei Sadowa wurde auch der preußische Schulmeister für den Sieg ausdrücklich mitverantwortlich gemacht . Der preußische Schulmeister hat den österreichischen geschlagen . Sehr gut . Dann können sich die feindlichen Kriegsherren bald wieder froh in die Augen sehen und sich brüderlich die Hand schütteln . « Das sprudelt sie aber nicht heraus , auch spricht sie ' s nicht mit Pathos . Gott bewahre . Die Rede ist langsam , mit nachdenklichen Pausen . Man merkt ' s : Der Gedanke betrachtet sich den Weg und geht bedächtig im schönen Schrittwechsel , damit er nicht über die eigenen Füße stolpert . Und dann immer dies Entzückende : der Gedanke hat Gefühl in sich , ohne Sentimentalität ; über den dunklen , warmen Ernst ist ein leichter , fröhlicher Spott gehaucht . Von den gegenwärtigen Verlegenheiten des Königs spricht sie mit rührender Teilnahme . Sie ist eine kernechte , kerngesunde Bayerin , entflammt für eine große Auffassung und Deutung der bayerischen Geschichte im Rahmen der deutschen . Mit Betonung des Partikularistischen , Stammeseigentümlichen . Die Flammen schlagen aber nicht zum Dach hinaus und blenden nicht blitzartig den Blick . Ein starkes , ruhiges , inneres Feuer , das sich nicht verregnen läßt und üblen Qualm erzeugt . Für die Beurteilung des Königs fordert sie den tragischen Maßstab und verwirft den banal-kritischen . Sie betont die Ohnmacht des Einzelnen , und wäre er noch so hochgefürstet , gegenüber der unerbittlichen modernen Staatsmaschine . Auch für die Logik des Geldwesens fordert sie Respekt . » Das kleine Einmaleins hat schon die Größten zu Fall gebracht . Ein Rechnungsfehler ist auch ein Stück Fatum . « Bitte , nicht dieses Stirnrunzeln , mein verehrter Doktor Trostberg , das offenbar sagen will : Die hat ' s ihm mit ihrer klugen Hausbackenheit angethan , mit ihrem Gegengewicht zu seiner Kunstschwärmerei ! Sie wissen ja noch gar nichts . Ich bin heute außer stande , ein volles , rundes Charakterbild zu zeichnen . Ich gebe nur einzelne Züge , die sich in dieser Abgerissenheit vielleicht zu widersprechen scheinen . Zum Beispiel , fügen Sie in das bisher Gesagte die wärmste Kunstbegeisterung ein , die umfassendste , die mir jemals bei einem Weibe vorgekommen . Noch ein Wort von ihr : » An unserer Isar wird eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden : wer in München als der Stärkste die nächsten Generationen beherrscht - der Kunstsinn oder der Kapitalismus , Geist oder Geldsack . « Kurz , eine ungewöhnliche Person . Und dabei rührend anspruchslos . Und