zu , wie ich kindischerweise dachte . Ich kämpfte lange mit diesem Vorsatze , allein ich unterlag zuletzt ; denn es war eine befreiende Tat für mich und ein Bekenntnis meines Geheimnisses , wobei ich freilich voraussetzte , daß es in nächster Nähe niemand finden würde . Ich sah , wie es gemächlich von Welle zu Welle schlüpfte , hier von einer überhängenden Staude aufgehalten wurde , dann lange an einer Blume hing , bis es sich nach langem Besinnen losriß ; zuletzt kam es in Schuß und schwamm flott dahin , daß ich es aus den Augen verlor . Allein der Brief mußte unterwegs doch wieder irgendwo gesäumt haben , denn erst tief in der Nacht gelangte er zu der Felswand der Heidenstube , an die Brust einer badenden Frau , welche niemand anders als Judith war , die ihn auffing , las und aufbewahrte . Dies erfuhr ich erst später , denn während meines jetzigen Aufenthaltes im Dorfe ging ich nie in ihr Haus und vermied den Weg desselben sorgfältig . Das Jahr , um welches ich älter geworden , ließ mich mit Beschämung auf das vertrauliche Verhältnis von früher zurückblicken und flößte mir eine trotzige Scheu ein vor der kräftigen und stolzen Gestalt ; ich verbarg mich , ohne zu grüßen , rasch , als sie einmal am Hause vorüberging , und sah ihr doch neugierig nach , wenn ich sie von fern durch Gärten und Kornfelder schreiten sah . Siebentes Kapitel Fortsetzung des Schwindelhabers Ich kehrte diesmal früher nach der Stadt zurück , mit einer tiefen Sehnsucht im Gemüte , welche sich nun gänzlich ausgebildet hatte und alles umfaßte , was mir fehlte und was ich in der Welt doch als vorhanden ahnte . Mein Lehrer führte mich jetzt auf die letzten Stufen seiner Kunst , indem er mir die Behandlung seiner Wasserfarben mitteilte und mich mit aller Strenge zu deren sauberer und flinker Anwendung anhielt . Da jedoch die Natur wieder nicht in Frage kam , so lernte ich bald gefärbte Zeichnungen hervorbringen , wie sie ungefähr im Hause verlangt wurden , und ehe das zweite bedungene Jahr zu Ende war , sah ich nicht viel mehr zu lernen , ohne doch etwas Rechtes zu können . Ich langweilte mich in dem alten Kloster und blieb wochenlang zu Hause , um dort zu lesen oder Arbeiten zu beginnen , die ich vor dem Meister verbarg . Dieser suchte meine Mutter auf , beschwerte sich über meine Zerstreutheit , rühmte meine Fortschritte und schlug vor , ich sollte nun in ein anderes Verhältnis zu ihm treten , in seinem Geschäfte für ihn arbeiten , fleißig und pünktlich , aber gegen Entschädigung . Es sei dies , erklärte er , das zweite Stadium , wo ich , indessen ich mich vorläufig immer mehr ausbilde , mich an vorsichtige Arbeit gewöhnen und zugleich Ersparnisse machen könne , um in einigen Jahren in die Welt zu gehen , wozu es doch noch zu früh sei . Er versicherte , daß es nicht die Schlechtesten unter den berühmten Künstlern wären , welche sich durch jahrelange anspruchlosere Arbeit endlich auf die Höhe der Kunst geschwungen , und eine mühevolle und bescheidene Betriebsamkeit dieser Art lege manchmal einen tüchtigeren Grund zur Ausdauer und Unabhängigkeit als eine vornehme und ausschließliche Künstlererziehung . Er habe , sagte er , talentvolle Söhne reicher Eltern gekannt , die es nur deswegen zu nichts gebracht hätten , weil sie nie zu Selbsthilfe und raschem Erwerb gezwungen gewesen und in ewiger Selbstverhätschelung , falschem Stolze und Sprödigkeit sich verloren hätten . Diese Worte waren sehr verständig , obgleich sie auf einigem Eigennutze beruhen mochten ; allein sie fanden keinen Anklang bei mir . Ich verabscheute jeden Gedanken an Tagelohn und kleine Industrie und wollte allein auf dem geraden Wege ans Ziel gelangen . Das Refektorium erschien mir mit jedem Tage mehr als ein Hindernis und eine Beengung ; ich sehnte mich darnach , in unserm Hause mir eine stille Werkstatt einzurichten und mir selbst zu helfen , so gut es ginge ; und eines Morgens verabschiedete ich mich , noch vor Beendigung meiner Lehrzeit , bei Herrn Habersaat und erklärte der Mutter , ich würde nun zu Hause arbeiten ; wenn sie verlange , daß ich etwas verdienen solle , so könne ich dies auch ohne ihn tun , zu lernen wüßte ich nichts mehr bei ihm . Vergnügt und hoffnungsvoll schlug ich meinen Sitz zuoberst im Hause auf , in einer Dachkammer , welche über einen Teil der Stadt weg weit nach Norden hin sah , deren Fenster am frühen Morgen und am Abend den ersten und letzten Sonnenblick auffingen . Es war mir eine ebenso wichtige als angenehme Arbeit , hier eine eigene Welt zu schaffen , und ich brachte mehrere Tage mit der Einrichtung der Kammer zu . Die runden Fensterscheiben wurden klar gewaschen , vor dieselben auf ein breites Blumenbrett ein kleiner Garten gepflanzt . Die geweißten Wände behing ich teils mit Kupferstichen und solchen Zeichnungen , welche irgendeinen abenteuerlichen Knalleffekt enthielten , teils zeichnete ich mit Kohle seltsame Masken oder schrieb Lieblingssprüche und gewaltsame Verse , die mir imponiert hatten , darauf . Ich stellte die ältesten und ehrwürdigsten unserer Geräte hinein , schleppte herzu , was nur irgend einem Buche gleichsah , und türmte es auf die gebräunten Möbeln ; die verschiedensten Gegenstände häuften sich nach und nach an und vermehrten den malerischen Eindruck ; in der Mitte aber wurde eine Staffelei aufgepflanzt , das Ziel meiner langen Wünsche . Ich war nun ganz mir selbst überlassen , vollkommen frei und unabhängig , ohne die mindeste Einwirkung und ohne Vorbild noch Vorschrift . Ich knüpfte abwechselnden Verkehr an mit jungen Leuten , an denen mich ein verwandter Hang oder ein freundliches Eingehen anzog , am liebsten mit ehemaligen Schulgenossen , die in der Zeit ihre Studien fortsetzten und mir , mich in meiner Klause besuchend , getreulich Bericht erstatteten von ihren Fortschritten und von allem , was in den Schulen vorkam .