Terrassen hinan , in ihr Haus . Die Mutter kam ihr auf den Zehenspitzen aus ihres Gatten Zimmer entgegen . Sie hatte Tränenspuren in den Augen , aber ihr argloses Kinderlächeln auf den Lippen . » Er ist eingeschlummert , « sagte sie , auf die halbgeöffnete Tür deutend . Der Propst saß am Fenster , vor sich einen Haufen Papiere , in welchen er bis zum Tagesneigen geblättert hatte . Sein edles weißes Haupt war auf die Brust gesunken , die welken Lider deckten die Augen ; doch schlief er nicht . Seit Jahren quälte ihn ja dieses Schmachten nach Schlummerruhe , das künstliche Mittel nur stillten , um es desto peinvoller zu reizen . Als er seiner Tochter leisen beflügelten Schritt vernahm , hob er den Kopf ihr entgegen . Sie warf sich , ohne jedes Wort , zu seinen Füßen und barg auf seinen Knien das Gesicht , das im Purpur der Scham erglühte . Derlei affektvolle Bezeugungen waren beider Naturen und dem keusch begrenzten Verhältnis der Familie fremd . Wo aber ein Mensch dem anderen in so seltener Weise verbunden ist wie dieser Vater seiner Tochter , bedarf es keiner Erklärung für einen stark bewegenden Trieb . Der Vater wußte , was die Tochter erlebt hatte ; ein Widerstrahl ihres Glücks flog über seine fahlen Wangen , und er erleichterte ihr das Geständnis , das sich so schwer von ihrem Herzen löste , indem er nach einer langen Pause anhob : » Ich will dir nicht bergen , Lydia , daß , wie ich dich so still umfriedigt heranwachsen sah , ich den Glauben gehegt habe , vielleicht die Hoffnung , du erwüchsest zu einer jener Berufenen , die Martin Luther hohe , reiche Geister nennt , weil sie in edler Freiheit lieber für das Himmelreich wirken wollen als für die Welt . Ich achtete dich zu gut , Lydia , für die gemeine Not . Aber Martin Luther nennt diese Berufenen seltene Menschen , zählt unter Tausenden kaum einen . Und wie ich selber mich der Befugnis nicht würdig erkannte , mich über Gottes natürliche Ordnung hinwegzusetzen , ich , der ich doch ein Mann war mit schweren Lebenskämpfen hinter sich und einer großen Lebensaufgabe vor sich , so werde ich um so williger zu meiner Tochter sagen : Trage Weibes Los , sobald du des Weibes natürlichen Trieb in deinem Herzen spürst . Liebst du Max , Lydia ? « » Ja , ich liebe ihn , « stammelte Lydia mit bebenden Lippen , und sie blieb auf ihren Knien wie der Beichtiger vor dem Hüter seiner Seele . » Warum zitterst du dann aber und scheust dich wie vor einem Frevel , weil du einen Mann liebst , wie doch das Weib es soll ? « Lydia hatte sich zu einem Ausspruch über Wohl und Wehe gefaßt . Sie erhob sich von ihren Knien und sprach : » Nicht daß ich ihn liebe , aber daß du ihn nicht lieben wirst , mein Vater , darum zittere ich . Er ist keiner von den Unseren , keiner von den Deinen , Vater - - « » Weiß ich das nicht ? « unterbrach sie der Propst . » Er ist nicht einmal ein Christ . Er ist , daß ich so sagen soll , noch ein Fragment . Aber eben darum sehe ich in deiner Liebe eine Mission und segne sie als solche . Du kennst mich , Lydia , und wirst darum es keinen Sophismus nennen , wenn ich dir gestehe : Hättest du dich einem Manne zugeneigt , festgewurzelt in seinem Glauben , der aber nicht der deine , nicht der unsere , meine Tochter , war , oder wäre Max auch dem Geiste nach seiner Mutter Sohn , einer von denen , welche das ewige Geheimnis von seinem Throne reißen , um die nackte Vernunft auf denselben zu erheben , so würde ich deine Wahl zwar nicht haben hindern dürfen , aber meinen Segen hätte ich ihr nicht geben dürfen , denn es war keine Einigung zwischen euch abzusehen . So aber ist in deine Hand gegeben ein unerfülltes Gemüt , in welchem der Strahl einer reinen Liebe den reinen Glauben , das Gebet der Liebe das Wunder der Gnade bewirken wird . Die Skepsis ist niemals unüberwindlich , meine Tochter . Es waren oftmals heidnische Männer , denen untertan zu sein die Apostel ihren Jüngerinnen geboten , und nicht zum geringsten ist durch dieses Gebot das Heil in die Heidenwelt gedrungen . Das , Lydia , ist dein Beruf , und danach handle . « Lydia stand hochaufgerichtet mit gefaltenen Händen und verklärtem Blick . Dann aber neigte sie sich zu ihrem Vater nieder und küßte voll inbrünstigen Dankes seine Hand . Ein paar Minuten waltete tiefe Stille . Herr von Hartenstein war wieder schattenbleich geworden ; krampfhaftes Ringen zuckte aus seinen Mienen . Was er bis dahin gesagt hatte , war als freudige Überzeugung leicht aus seiner Seele geflossen ; nun kostete es ihm einen harten Kampf , zu sagen : » Ich bin noch nicht zu Ende , meine Tochter . « Lydia setzte sich an seine Seite , nahm seine kalte Hand in die ihre und hielt den Blick unverwendet auf ihn gerichtet . Er hob an : » Aber auch in dem anderen Sinne , welchen wir neben jenem höchsten als eine heilige Aufgabe hegen und pflegen , im Sinne der Familie , muß ich deine Wahl als eine Schickung der Gnade verehren . Du allein kennst die sorgenvolle Lage , in welche das Gesetz der Treue mich gedrängt hat . Aber auch du kennst sie nicht aus , und jung , wie du bist , vermagst du den martervollen Zustand nicht zu ermessen , unter welchem ein Vater , sehnsüchtig der Erlösung und doch erdenbange , aus dem Kreise hülfloser Kinder scheidet - vielleicht in der nächsten Stunde schon . Jetzt scheide ich beruhigt . Als Gattin eines begüterten Mannes aus unserem Geschlecht ist