Seele vorbei . Die Lampe glimmte dunkel umschirmt ; das Krankenzimmer mußte kühl erhalten werden ; mich fröstelte , wie es auch den Kräftigsten nach großen Aufregungen in einem Sterbehause fröstelt . Seit zwei Tagen hatte ich keinen Augenblick geruht , und so überfiel mich jener bleierne Druck , welcher zwischen Schlaf und Wachen die Mitte hält , und in welchem wir uns vergeblich zu besinnen suchen , ob die wechselnden Erscheinungen wirklich vor offenen Augen oder ob sie im Traum an uns vorüberziehen . In diesem Zustande war es mir plötzlich , als spüre ich das Streifen eines lebenden Wesens ; ich sah eine verhüllte Gestalt sich über das Krankenbett beugen , lange in das Gesicht der Mutter blicken und endlich zwischen ihr und mir zu Boden gleiten . Dieses Geräusch , diese Berührung scheuchten den Alp . Es war kein Traum : diese rätselhafte Erscheinung lag zu meinen Füßen . Ich sprang auf , ergriff die Lampe und leuchtete in ihr Gesicht - Dorothee ! Dorothee im Krampfe erstarrt , eiseskalt , stieren , glasigen Auges , die Zähne knirschend zusammengepreßt , die Hände in der Gegend des Herzens in das Kleid gekrallt , - das nämliche Schreckensbild , das die Mutter am Hochzeitstage verlassen hatte . Alle Nebel des Geistes waren bei dem erschütternden Anblick geschwunden , das eigene Schicksal fast vergessen . Ich trug sie nach dem Sofa , öffnete das Fenster , flößte ihr von den belebenden Tropfen ein , welche für die Mutter bereit standen . Sie schien das Bewußtsein nicht verloren zu haben , und es währte nur wenige Minuten , bis die steifen Muskeln sich zu strecken , die Glieder sich zu erwärmen begannen . Der Puls wurde fühlbar , nur aus den Augen wich erst langsam der starre Ausdruck der Qual . Sie war noch immer schön ; dieselbe biegsame , jugendliche Gestalt , dieselbe Durchsichtigkeit der Haut in dem gerundeten Kinderangesicht . Die geschonten Hände , Haartracht und Kleidung , alles was ich sah , zeugten von Eleganz und Behagen ; alles was ich kürzlich während der preußischen Besatzung über ihre gesellschaftliche Stellung gehört hatte , sprach von Sicherheit und Ehren : sie war ein geliebtes , ein glückliches Weib , und wie verlassen , wie elend hatte ich vor wenigen Minuten vor mir selber gestanden . Und dennoch , - denn wer beschriebe jenen heimlichen Zug von Zwang , der gleich einem eisernen Stirnband die Unglücklichsten unter uns kennzeichnet ? Oder gäbe es einen wehe tuenderen Ausdruck , als den der Angst in einem Kinderauge ? - und dennoch tönte eine Stimme aus meinem Innersten heraus : dieses schöne , gesegnete Weib ist elender , gottverlassener als du ! Und als hätte diese Stimme ein Echo erweckt , so flüsterten jetzt die bleichen Lippen : » Hardine , ich bin elender als du ! « Der Krampf war gelöst ; sie atmete und bewegte sich frei ; aber sie sprang nicht in die Höhe wie sonst ; sie errötete nicht , senkte und hob nicht die Lider , schmiegte sich nicht an meine Knie , an meinen Arm , reichte mir nicht einmal die Hand . Sie ließ das müde Auge in dem meinen ruhen und erhob sich langsam , wie in gewohnter peinvoller Zurückhaltung . Ebenso ruhig ließ sie sich darauf , meinem stummen Winke folgend , wieder nieder , und nachdem ich neben ihr Platz genommen hatte , erklärte sie , ohne meine Aufforderung abzuwarten , ihr überraschendes Erscheinen . Sie tat es mit klaren , knappen Worten , wie man berichtet , nicht wie man erzählt . Ihr Laut war reiner , der Ausdruck reifer geworden , aber der silberne Lerchenklang der Stimme drang wie durch einen Flor . » Faber « , so sagte sie , » befand sich seit Wochen im Gefolge des Königs bei der Armee . Ich konnte ohne Entdeckung , und wenn entdeckt , ohne Aufsehen , eine Reise in die Heimat wagen , wegen der Zukunft des Knaben Verabredungen treffen , vielleicht ihn sehen . Von der letzten Station ab ging ich zu Fuße nach der Anstalt . Es war Abend geworden . Der Propst verweigerte es , mich heute noch , kurz vor Schlafengehen , einen Blick auf den Knaben werfen zu lassen . Es werde auffallen , Ahnungen , Erinnerungen , Entdeckungen wecken . Der Knabe dürfte nicht an eine Mutter denken , die ihm weder einen Vater nennen noch ihn in ein Elternhaus führen könne . « » Ich mußte mich seinem Willen fügen , « fuhr sie nach einer Pause mit fast eisiger Starrheit fort . » Niemals hätte ich das Herz , mich vor meinem Gatten als seine Mutter zu bekennen . « » Und was fürchten Sie , wenn Sie es täten ? « fragte ich . Sie stutzte , nein , ich glaube , sie seufzte leise bei dem » Sie « , das ich unwillkürlich gebrauchte . Doch schien sie rasch über unser verändertes Verhältnis klar geworden und antwortete mit dem Ausdruck reinster Wahrheit : » Nichts für mich . Wenn er mich verstieße , ich würde ihm meine Bettlerfreiheit danken ; wenn er mich tötete , ich würde ihn für die Erlösung segnen . Sie ahnen es nicht , Fräulein von Reckenburg , was es heißt , die Natur verleugnet haben . Aber was ich fürchte , fragen Sie ? Ich kann es deutlich nicht sagen . Ein unbestimmtes , vielleicht falsches Vorgefühl des Hasses , - der Rache , - da er den Vater nicht mehr erreichen kann , gegen den unschuldigen Knaben , der Feindseligkeit auch gegen - gegen - - « » Gegen die Schuldgenossen , « ergänzte ich . Sie neigte den Kopf . » Er ist ein gerechter , ein argloser Mann , und gütig , o viel zu gütig gegen mich , « fuhr sie fort , » aber denke ich daran , so blinkt es mir vor den Augen wie ein gezückter Dolch .