mußte dabei nicht einmal ein Opfer bringen ! Ja , Hans hatte sie recht gern , und die Stigerin tat auch , als ob sich wenigstens von der Sache reden lasse , ja vermied leise Andeutungen bei weitem nicht so ängstlich als sie selbst . » Es darf gehen und kann gehen « , sagte sie sich in der folgenden Woche wohl hundertmal , aber immer war sie mit ihren Gedanken , mit ihrer unerklärlichen Angst am alten Fleck . Es ging eben nicht . Irgendwo mußte ein Querholz in die Speichen hereinragen , und sie bemühte sich vergebens und sann Tag und Nacht , um die Stelle zu finden . Es war ihr peinlich , immer nur noch an das zu denken , und dennoch suchte sie in freien Stunden gerne die Einsamkeit auf , um sich ungestört ihren Gedanken überlassen zu können . So schritt sie am folgenden Samstag abends dem kleinen Weidenwäldchen zu , welches sich unter Argenau südöstlich an der Ach hinaufzieht und den von ihr in früheren Jahren angerichteten Schaden so gut als möglich verdecken zu wollen scheint . Eine Bregenzerwälderin auf einem Spaziergang - das ist etwas Seltenes ! Ihr , der es doch bei Tag und Nacht , im Sommer und Winter an nichts weniger als an Bewegung fehlt , muß gewiß etwas viel zu eng , zu schwer geworden sein , wenn sie auch noch in den so seltenen Stunden der Ruhe und der Erholung die geselligen Kreise flieht und einen Gang macht , um die Einsamkeit aufzusuchen . Man kennt sie alle , die am Feierabend noch herumgehen wie der Schatten an der Wand und dabei tun , als ob sie an ihrem Kopf voll Gedanken recht grausam schwer zu tragen hätten . Wenn man ein Mädchen so auf einmal die schönsten Spaziergänge oder am Ende gar die allergreulichsten Schluchten und Tobel aufsuchen sieht , dann achtet man sorgfältig auf alles , was sie redet und tut , ob etwa nichts beweise , daß sie sich beinahe hintersinnt habe . Findet man aber noch alles in Ordnung , so sieht man ihr mitleidig nach und denkt an ein herbes , tiefes , kaum noch erträgliches Weh , an selbstverschuldetes Herzeleid , eine Liebe ohne Hoffnung oder an eine recht unglückliche Ehe . Auch die Angelika trug immer häufiger ihr Hauskreuz feuchten Auges in das Wäldchen neben der Ach hinab . Wenn ihr Kind beim Spielen oder unter dem Abendgebete einschlief und auch in Haus und Stall alles versorgt war , dann trieb es die Unglückliche , die doch noch nicht schlafen konnte , gar bald aus dem Hause . Es war ihr noch immer fast unmöglich , den Andreas in betrunkenem Zustande heimkommen zu sehen ; ja aufpasserische Leute wollten bemerkt haben , daß sie nicht selten erst nach ihm ins Haus gehe , vermutlich , weil das das einzige Mittel war , einen Wortwechsel mit ihm zu vermeiden . Freilich mochte der Mann sich auch hierüber ärgern , aber Angelika konnte ungemein eigensinnig sein , wo sie die Schuld ganz nur dem Gatten zuschreiben zu dürfen meinte . Auch heute traf Dorothee das unglückliche Weib . Sie saß hart neben der Ach auf einem moosbedeckten Steine und warf die ihr vom warmen Herbstwinde zugetragenen welken Blätter scheinbar gedankenlos in den rasch vorüberstürzenden Fluß . Ihren Kopf bedeckte statt der schweren Pelzkappe nur ein weißes Tuch , und Dorotheen kam es gerade vor , als ob sie eine Leidtragende mit dem bei Begräbnissen üblichen weißen Trauerschleier , dem sogenannten Sturz , erblicke . Da sie sich schon bemerkt sah , wagte sie nicht mehr zurückzutreten , wie bang ihr auch wurde neben Hansens ehemaliger Geliebten , die ihr in dem Halbdunkel des Waldes fast wie ein höheres Wesen erschien . Lang suchte sie vergebens nach einem Worte , die unglückliche Ernstblickende anzureden , und erbebte leise , wie vom Frost geschüttelt , als diese , sie immer schärfer ins Auge fassend , endlich fragte : » Hat auch dich die böse Welt schon da herausgetrieben ? Kannst auch du ihr nur noch dienen und deine Kräfte opfern , aber dich nicht mehr mit ihr freuen , ruhen und genießen ? « Dorothee sann verlegen nach , wie und warum sie denn eigentlich da herausgekommen sei , oder vielmehr sie sann , was sich denn eigentlich darüber Vernünftiges sagen ließe . Sie wollte sich nur ein wenig erspazieren , um - weil es daheim nichts mehr zu tun gab und - weil man ja keinen Tag sicher war , ob nicht der Winter dem freien Herumgehen in Feld und Wald ein Ende machen und alles ins Haus einsperren werde für lange Zeit . Sie floh eigentlich niemand und hatte auch keine Freude , sich mit der Welt unzufrieden zu zeigen . Sie war herzlich erschrocken , als Angelikas Rede sie daran erinnerte , daß ihr müßiges Herumtappen eine solche Auslegung zulassen würde . » Warum « , fragte sie endlich , » sollte denn eins nicht einmal , bevor es schneit , noch gern einmal in einer freien Stunde , wo nichts Gutes und nichts Wichtiges versäumt wird , einen Gang durch das schöne , ruhige Wäldchen machen , auch wenn man mit Gott und der Welt zufrieden und in der besten Stimmung ist ? « Noch selten hatte Dorothee solche lange Frage in einem Atemzuge getan . Sie mußte eben eine zustimmende Antwort haben , um dann so bald als möglich wegzukommen . » Nun , meinetwegen wohl « , sagte Angelika trocken . » Es hat jeder Mensch Liebhabereien , aber gewöhnlich streift sich das bald ab , wie die Blätter der Alpenrose , wenn sie vom Stamm wegkommt . Ist auch gar nicht schad ' um die Rose , wie hübsch sie sein mag . Sie ist nicht zum Verbrennen und taugt nichts ins Futter . Ich glaub ' , es gibt viele , die es dem lieben Gott verargen , daß er ganze Strecken Boden mit diesen Rosen