Ende nehmen - wir können doch Helene nicht für ewig bei Fräulein Bär lassen . Ich bin es nicht gewohnt , erwiderte Anna-Maria , ihre Stickerei zur Hand nehmend , heute so zu sprechen und morgen so . Andere Leute mögen anders darüber denken . Wir würden uns vor aller Welt lächerlich machen , wenn wir Helene nach vier Wochen wieder in ' s Haus nähmen . Es sind beinahe sechs Wochen , brummte der Baron . Vier oder sechs , das bleibt sich gleich . Für mich nicht ; ich bin ein alter Mann , ich kann morgen sterben . Das sagst Du schon seit zehn Jahren . Wenn ich es seit zehn Jahren sage , erwiderte der Baron mit vor Aufregung zitternder Stimme , so ist es , weil ich mich seit zehn Jahren noch keinen Tag gesund gefühlt habe . Und einmal wird doch der Morgen kommen , wo ich nicht mehr bin , und deshalb möchte ich meine Tochter so bald als möglich wieder um mich haben . Nach Deinem Sohn fragst Du nichts ; ob Malte krank oder gesund ist , das kümmert Dich nicht . Und doch ist es Malte , auf dem alle unsere Hoffnungen ruhen . Du solltest Gott danken , daß Du einen Sohn hast , auf den das Majorat forterben kann ; statt dessen ist es Helene und immer wieder Helene , um die sich bei Dir Alles dreht . Ich danke Gott , daß ich einen Sohn habe , und danke Dir , daß Du mir einen Sohn geboren hast , nicht aber deshalb , weil er mein Erbe , sondern weil er mein Fleisch und Blut ist , das ich lieben kann , wie meine Tochter auch . Was das Majorat anbetrifft , so kennst Du meine Ansicht darüber seit langer Zeit . Ich verabscheue ein Institut , das nur dazu dient , Zwietracht in der Familie zu säen . Der Baron nahm abermals eine Prise , augenscheinlich in der Absicht , sich zu beruhigen . Doch schien das Mittel diesmal die entgegengesetzte Wirkung zu haben , denn er fuhr nach dieser Unterbrechung mit noch größerer Heftigkeit fort : Weshalb hast Du Deine Tochter durchaus an Felix verheirathen wollen ? weil Felix möglicherweise einmal Majoratsherr wird ! Weshalb protegirst Du Felix ? weil er möglicherweise einmal Majoratsherr wird ! Weshalb muß ich Felix um mich sehen , den ich nicht leiden kann , und meine Tochter entbehren , die ich liebe ? weil Felix möglicherweise Majoratsherr wird . Wiederhole Dich nicht so oft , lieber Grenwitz , sagte Anna-Maria mit einer Ruhe , die mit den rothen Flecken auf ihren Wangen und dem stechenden Blick ihrer großen , grauen Augen nicht recht harmonirte ; und ereifere Dich überhaupt nicht ganz unnöthigerweise so sehr ; Du wirst Deinen Husten wieder bekommen . Du kannst , Gott sei Dank , nichts daran ändern . Was aber mich anbetrifft , so erlaube , daß ich anders darüber denke und daß ich nach dieser Seite hin thue , was ich für meine Pflicht halte . Wenn Du gegen Deine Kinder keine Pflichten hast , ich habe welche . Wenn Du Deine Tochter wo möglich dem ersten besten Abenteurer gäbst , der sie haben will , oder den sie haben will - Du brauchst nicht ungeduldig mit Deinem kranken Fuß zu stampfen und Du wirst Deinen Tabak auf den Teppich schütten , wenn Du so heftig mit der Dose auf die Lehne klopfst - ich sage , wenn Dir es gleichgiltig ist , wen Helene heirathet , mir ist es nicht gleich . Ich habe die Heirath mit Felix befürwortet , nicht aus Eigensinn , den ich andern überlasse , sondern weil ich die Heirath für eine gute Partie hielt , für die beste , die ein Mädchen ohne Vermögen machen kann . Wie wenig eigensinnig ich bin , kannst Du schon daraus sehen , daß ich seit Felix ' Unfall und seit der Doctor ihn für schwindsüchtig hält , durchaus nicht mehr so sehr für die Heirath bin . Im Gegentheil , sobald es sich als sicher herausgestellt haben sollte , daß Felix nur noch kurze Zeit zu leben hat , so werde ich die Erste sein , die ihn fallen läßt , um so mehr , als von ihm nur Schulden zu erben sind . Der alte Herr schien durch diesen kaltblütigen Egoismus nichts weniger als angenehm berührt . Er hatte , wie schon oft in der letzten Zeit , ein dunkles Gefühl davon , daß seine Gattin eigentlich ein sehr schlechtes Herz habe , und er seufzte tief . Sei wenigstens gut gegen sie , wenn sie heute Morgen uns zu besuchen kommt , sagte er plötzlich , nachdem er einige Minuten in dumpfem Brüten dagesessen hatte . Ich habe noch stets gewußt , was ich zu thun habe , antwortete die Baronin , von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend ; ich werde es auch in diesem Falle wissen . Der Baron war durch diese Versicherung innerlich keineswegs beruhigt . Aber bevor er für seine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte , öffnete der Bediente die Thür und meldete : Herr und Frau von Barnewitz . Haben wir endlich das Vergnügen ? sagte Anna-Maria , mit dem huldvollen Lächeln , das sie für solche Gelegenheiten , stets bereit hatte , den Eintretenden ein paar Schritte entgegengehend . Ganz auf unserer Seite , gnäd ' ge Frau ! rief der Fuchsjäger , der Baronin die magere Hand küssend ; ganz auf unserer Seite . Konnten , bei Gott , nicht früher . Gestern Mittag angekommen ; gestern Abend bei Grieben ' s. Schade , daß Sie nicht da waren ; famos , sage ich Ihnen , beinahe so gut amüsirt , wie auf der letzten Treibjagd . Meine Frau hat sich ennuyirt ; hatte keinen rechten Anlauf . Leute ennuyiren sich immer , wenn sie keinen Anlauf haben . Sie müssen Karl ' s Ausdrucksweise entschuldigen