. Dazu hat in der Welt niemand Zeit , niemand Lust , auch niemand Anleitung . Die Weltgeistlichkeit ist in viel zu geringer Zahl , um sogar den notwendigsten Anforderungen der Seelsorge zu genügen ; wie sollte sie höhere Bedürfnisse des Seelenlebens pflegen können ! Je mehr sie sich notgedrungen vielfachem Verkehr mit der Welt und deren Gesinnungen und Verhältnissen hingeben muß - desto heilsamer wär ' es auch ihr , wenn sie die weltfremde Richtung des Ordenslebens vor Augen hätte und zu heiligem Wetteifer angespornt würde . « » Es gab auch viele Mißbräuche in den Klöstern , viel Trägheit , Schwelgerei und Müssiggang , « bemerkte die Baronin , um Regina herabzustimmen , deren leuchtende Augen immer heller leuchteten , je länger der Onkel sprach . » Die Zahl der Klöster war zu groß , als daß der Beruf sie hätte bevölkern können ; sie wurden ein Exil , wohin Eltern unliebsame Kinder schickten , oder ein Zufluchtsort für Taugenichtse , die dort ihr Behagen fanden . « » Das mag alles stattgefunden und der liebe Gott den Klostersturm deshalb zugelassen haben , « entgegnete Levin . » Wir wissen ja sämtlich , daß der Mensch alles Gute mißbrauchen und jede Gnade in ihr Gegenteil verwandeln kann . Läßt er sich von Selbstsucht und Eigenliebe bestimmen und leiten , so ist er inner-wie außerhalb der Klostermauern ein Kind Belials . Überdies hat das Kloster , als solches , kein Privilegium , wodurch es hermetisch gegen die allgemein menschliche Schwäche verschlossen wäre . Jeder Bewohner desselben bringt sein Stückchen Schwachheit mit und der Reichtum einiger Klöster ist ihnen zum Verderben geworden . « » Nun , « sagte Ernest , » diesen Stein des Anstoßes hat man ja mit zarter väterlicher Sorgfalt fast überall hinweg geräumt . « » Wir wollen auch nicht darüber klagen , « entgegnete Levin . » Arm sein ist für alle Menschen ohne Ausnahme besser , als reich sein , weil die Armut auf Sinnlichkeit und Hochmut drückt , Reichtum sie nährt . Wer sich der Nachfolge Christi widmet , freut sich der Armut und nennt sie , wie St. Franziskus Seraphicus , seine geliebte Braut . Daß wir keine gefürsteten Äbte und Äbtissinnen haben , wollen wir verschmerzen - ohne doch das Recht anzuerkennen , welches sie von ihren Stühlen warf . Aber daß man die Engherzigkeit und Kurzsicht so weit treibt , um dem lieben Gott zu mißgönnen , daß ihm einige stille Seelen in demütiger Zurückgezogenheit , durch geistliche und leibliche Werke der Barmherzigkeit dienen - das ist wohl sehr schmerzlich . Nie gab es mehr Leid hienieden , als in unserer Zeit , weil seit achtzehnhundert Jahren noch nie die Begier nach Genüssen und Freuden und Wohlleben so allgemein verbreitet , so rasend gesteigert war , und weil sie noch nie einen solchen Schein von Zugänglichkeit für alle und jeden hatten , als eben jetzt vermöge der vielfach gesteigerten Mittel der Bildung , der Spekulation , der Tätigkeit , der Verbindung für kommerzielle Zwecke . Da wähnen denn alle und jeder , sie müßten ihren Sitz haben bei dem Festgelage des Lebens und sind mißvergnügt , wenn sie ihn nicht einnehmen . Diese massenweise getäuschten Erwartungen der Eitelkeit , des Dünkels , der Hoffart , der Lüsternheit machen die Menschen unsäglich elend , und sie wird nicht eher zu ihrem Frieden kommen , als bis sie das gefunden hat , was keine Revolution , wohl aber die Religion ihr geben kann : Liebe zum Leiden . Daß eine solche Liebe existiere , würde sie gewahr werden durch die armen Klöster , und wenn durch deren Beispiel , Anregung und Gebet auch nur hundert Herzen vom Dienste des Baal abgelöst würden - oder fünfzig , oder nur zehn - welch ein Gewinn für die Ewigkeit ! « » Wie würden die aber als Reaktionäre verschrien werden ! « rief Ernest lächelnd . » Gerade so wie in der französischen Revolution des vorigen Jahrhunderts diejenigen als Aristokraten verschrieen wurden , die sich nicht wollten guillotinieren lassen . Sie waren Reaktionäre gegen die Guillotine , die das letzte Mittel aller Vergewaltigung durch Revolution ist . « » Es ist in der Tat kein übles Monopol , welches sich die revolutionäre Partei vindiziert , daß nur ihr Tun und Treiben als berechtigte Bewegung und Handlung gelten soll , « sagte Ernest . » Jede andere Bewegung empfängt das Stigma Reaktion ! was die Bedeutung von Hochverrat gegen die Majestät dieser Partei haben soll , und was die gedankenlose und verschüchterte Menge ihr nachlallt . Übrigens gefällt es mir , daß die Demokraten sich somit als Aktionäre der Revolution bezeichnen ; nämlich als solche , die auf dieselbe zum Vorteil ihrer Aufgeblasenheit spekulieren . « » Mir ist das Wort ultramontan noch widerwärtiger ! « seufzte die Baronin . » Es ist auch - wo möglich - noch hämischer , « sagte Levin . » Jeder Katholik , der schlecht und recht seinen Katechismus glaubt und demgemäß spricht und handelt , soll ein Ultramontaner sein . Dies Wort , das nur einen geographischen Sinn hat , wird von der Revolutionspartei angewendet , um jemand zu bezeichnen , der Verrat am Vaterlande durch sein Glaubensbekenntnis begehen , während der Reaktionär diesen Verrat durch politische Institutionen treiben soll . Der Ultramontane ist selbstverständlich immer reaktionär ; aber der Reaktionär - und wenn er der strengste Calviner oder Altlutheraner wäre - muß es sich auch gefallen lassen , ultramontaner Tendenzen beschuldigt zu werden , sei sein Abscheu vor der römisch-katholischen Kirche auch noch so heftig . « » Wir Windecker , « sagte Korona , » sind Alle ultramontan und reaktionär ; bei Onkel Levin angefangen und bei mir geendet . « » Das wolle Gott ! « sagte Levin . » Ist das schwer , lieber Onkel ? « fragte sie . » Die Revolution zu hassen und zu bekämpfen ist für jemand , der Herz und Ehrgefühl hat , nicht schwer ; allein der äußere Krieg