Deine Mutter unglücklich gemacht hat - « » Meine Mutter ? sagt Ihr ? « rief Ulrich aufhorchend in äußerster Bestürzung . » Mutter sagt ' ich ? « rief der Propst ; » nein , das sagt ' ich nicht ; ich meinte meine Schwester , wenn ich ' s sagte - bedenke , daß er wahnsinnig - und mit mir - was meinst Du , mit mir ist es wohl auch nicht richtig ? Hörst Du , wie drinnen die Pokale klingen ! - Warte , Du sollst auch nicht dursten , der Wein erfreut des Menschen Herz ! « Mit diesen Worten ging er zu seinen Gästen zurück und sandte ihm durch die Dienerin einen großen gefüllten Humpen heraus , ließ ihm sagen , er möge nur austrinken , dann käme er wieder . Ulrich trank mit Maß , er war in der peinlichsten Stimmung . Bisher hatte er den Propst nie anders gesehen als in der Bauhütte oder Kirche , oder wenn er ihn in der Krankheit besuchte , da war er immer nüchtern gewesen - jetzt sah er wohl , daß er betrunken war und nicht wußte , was er sprach ; aber es schien ihm doch , daß er spreche , was er denke und fühle , und gerade nicht sprechen wollte . Welch ' ein Zusammenhang konnte zwischen diesem Amadeus und seiner Mutter und ihm selbst sein ? Es fiel ihm ein , daß in seiner Kindheit , als flüchtige Söldnerschaaren im Elsaß sein Heimathsdorf verwüstet , indeß er selbst Obdach im Kloster gefunden , Einige gesagt hatten , daß seine Mutter ein Lanzenknecht auf seinem Pferde fortgeschleppt ! Konnte dies nicht auf den Befehl eines Anführers geschehen sein , oder doch ein solcher - vielleicht dieser Amadeus sie als seine Beute an sich gerissen haben ? Aber was wußte der Propst davon ? was wußte denn er von seiner Mutter , da er doch nach dem Schicksal seiner Eltern wie seinem ganzen Herkommen gleich bei seinem Eintritt in die Bauhütte gefragt hatte . Aber gerade seitdem hatte er ihm auch jene ungewöhnliche Theilnahme bewiesen , die Ulrich anfangs befremdet und fast bedrückt hatte , an die er aber im Laufe der Zeit sich selbst gewöhnt , so daß es ihm endlich zu Etwas geworden , das gar nicht anders sein könne , und das er nur etwaigen besondern Empfehlungen seiner Kunstleistungen an den Kunstfreund zuschrieb . Außer jenem ersten Gespräch in der Bauhütte hatte der Propst nie wieder mit ihm von seinen Eltern gesprochen . Wenn er etwas von seiner Mutter wußte , warum hatte er es ihm nicht gesagt ? - Und wenn es nur Unglückliches und Unwürdiges war ? Wenn nun jener elsässische Benediktinermönch , Bruder Anselm , der es ihm auf die Seele gebunden , nie nach seiner Mutter zu forschen , weil man ihr üble Dinge nachgesagt , damit Recht hatte ? Und wenn es dieser Amadeus war , der sie in üblen Ruf gebracht ? - Ulrich fühlte ein Gefühl von Haß , das er bisher kaum gekannt , gegen den Mann in sich aufsteigen , der seine Mutter unglücklich gemacht ; er fühlte , daß er strenge Rechenschaft von ihm fordern müsse , Rache und Sühne verlangen für seine Mutter . Aber er sollte ja nicht nach ihr forschen und fragen ! Und mitten durch alle diese Gefühle und Gedanken klang auch als Echo die Warnung des Judenmädchens : » Sie wollten aussprengen , Eure Mutter sei eine Hexe gewesen ! « und daß ihm Hieronymus später einmal gesagt , man habe während seiner Krankheit wirklich einmal ein derartiges Gerücht in die Hütte gebracht , aber durch seine Zeugnisse von Straßburg und die Bürgschaft des Propstes sei es vernichtet worden . Seitdem war auch nichts wieder davon verlautet . Ulrich leerte den Becher fast ohne es zu wissen unter diesen von allen Seiten auf ihn eindringenden Gedanken . Des Weines gänzlich ungewohnt , fühlte er ihn bald glühend durch seine Adern rollen , indeß ein Anderer vielleicht vieler dieser Pokale hätte leeren können , ohne in gleicher Weise erregt zu werden . Umgekehrt hatte indeß der Propst versucht , sich durch ein niederschlagendes Pulver zu ernüchtern , oder wenigstens in eine ruhigere Umfassung zu bringen . Er kam jetzt zurück mit dem Brief an den Abt in der Hand . Ulrich schob denselben in seine Ledertasche und fragte : » Ist ' s ein Uriasbrief ? « Der Abt sah den Steinmetzgesellen verwundert an , legte seine Hand auf seine Schulter und sagte : » Ich dächte , Ihr hättet von mir Beweise genug , daß Ihr mir vertrauen könntet und wissen , ich fördere Euer Wohl in allen Stücken ! « » Ja gewiß , « sagte Ulrich und drückte dankbar des Propstes Hand ; » darum darf ich Euch auch ganz vertrauen und um eine neue Gunst Euch bitten : sag ' t mir , was Ihr von meiner Mutter wißt ? « Der Propst stand bestürzt . Auf eine solche directe Frage war er nicht vorbereitet ; er war sich so weit klar , zu wissen , daß ihm vorhin wohl unvorsichtige Aeußerungen entschlüpft waren , aber er konnte sich nicht besinnen , was und wie viel er verrathen . Um jeden Preis mußte er das wieder zurücknehmen , aus Ulrich ' s Seele zu verdrängen suchen . Nach einer Pause antwortete er : » Hab ' t Ihr nicht selbst erzählt , daß ein feindlicher Kriegshaufe Eure Mutter fortgeschleppt und daß Ihr seitdem nichts von Ihr gehört ? Meine Schwester hatte ein ähnliches Schicksal - sie ward auch eine Kriegsbeute im Elsaß , und erzählte von einer Genossin ihrer Leiden , die vielleicht Eure Mutter gewesen sein konnte , denn sie hieß Ulrike und stammte aus Eurem Dorfe . « » Und was ist aus Ihr geworden ? « rief Ulrich . » Darauf kann ich Euch keine Antwort geben , « versetzte der Propst . » Aber Eure Schwester kann es