dem Horizont gestanden hat ; das Glück wird auch stets unter demselben bleiben . So ging es mir ! mein Glücksstern warf nur höchstens eine zarte Dämmerung in meinen Horizont herein ; er selbst schwang sich nicht so hoch empor . Mehr noch ! wenn diese Mondaurora , wie ich sie nennen mögte , sich zeigte - so war fast mit Gewißheit darauf zu rechnen , daß sie Vorbote eines Ungewitters sein würde . Ich hatte der Kirche von Engelau eine neue Orgel geschenkt , so groß und schön wie die Räumlichkeit es nur immer gestattete . Der Organist verstand durchaus nicht sie geltend zu machen ; - Sedlaczech erbot sich sie einmal zu spielen damit ich ihre eigentliche Kraft und Fülle hören könne . Wir gingen eines Nachmittags sämtlich in die Kirche . Es war ein warmer milder Septembertag , ein letzter Gruß des scheidenden Sommers . Die uralten Ulmen , welche mit einem tiefen Schattenkreis den Gottesacker , die Heimat der Schatten , umgaben - zeigten schon manch welkes Blatt zwischen ihrem fahlen Grün . Die Drosseln zirpten ihr Wanderlied und sammelten sich zur gemeinsamen Rückkehr in die Winterquartiere . Die Felder waren Stoppeln ; die Wiesen noch grün , aber moos- und nicht mehr smaragdgrün . Das Laub der Hecken und Bäume war überall schon gelichtet . Nur die Eichen standen noch in voller Kraft und Frische , wie behelmte geharnischte Helden , bereit mit dem Feinde Herbst einen Kampf zu bestehen , während alle andern Bäume die Waffen streckten . Sie rührten mich , die alten Helden ! sie sahen so kräftig und schön aus im Goldglanz der tiefstehenden Sonne , welcher sich mit zitterndem Geflimmer um die gewaltigen Aeste wob . Es hilft euch nichts , sagte ich und sah sie wehmüthig an , ihr müßt auch in den Staub ! etwas früher , etwas später - aber er bleibt nicht aus .... der Tod ! - Da fiel mir ein daß eben heute Heinrichs Todestag sei ; und plötzlich zog an meiner Seele ein langer Trauerreigen vorüber : gestorbene Menschen und gestorbene Freuden und Hofnungen ! gestorbene Leben der verschiedensten Art ! und über ihnen Allen , von Heinrich bis auf Arabella , ein Tropfen meines Herzbluts ausgegossen , und mit ihnen .... verwest ? .... verweht ? - - Hundertmal schon glaubte ich bemerkt zu haben , daß Sedlaczech die geheimsten Regungen meiner Seele ahnte und mir dies Verständniß in einer Weise kund gab , die wiederum nur mir verständlich war . Jezt - begann er Mozarts Requiem . Die Trauerflöre verdichteten sich um meine Seele . » Dies irae « donnerte mich an , mich ! nicht meine Todten . Aus dem Zornbrand der Welten waren sie bereits hinüber gerettet in die ewigen Hütten . Aber ich ! aber ich ! » Quid sum miser tunc dicturus ? « - diese Figur wechselte unter Sedlaczechs Hand immer ab mit dem : » Nil inultum remanebit ; « - und erfüllte mich mit unsäglichem Verzagen . Ströme von Traurigkeit ergossen sich um mich ; schwarze Schaalen voll Schwermuth leerten sich über meinem Haupt . Für die Sünde für die Tugend hatte die göttliche Gerechtigkeit Strafe und Lohn ; allein was konnte sie mit einem Wesen machen , das ihre höchste Gabe , das Leben ! nicht gebraucht , und eigentlich nicht gelebt hatte ? - Es vergessen ! weiter nichts . » Quid sum miser tunc dicturus ? « klagte die Orgel . Ja , ich war die Elende , die nichts zu sagen wußte , als das eine Wort , welches schon jezt der Fluch und das Schreckbild meines Daseins war : Nichts ! und abermals : Nichts ! Schwer mogte es sein mit Sünden und Verbrechen belastet zu erscheinen ; jedoch aus dem Munde dieser Beladenen wie inbrünstig ertönte es : » Recordare , Jesu pie ! « Fleisch und Blut und ihre Sünden konnten nicht strenger gerächt werden , als ein Schattenleben , das in Nichts Verlockung und Genuß gefunden - in Nichts seine Rechtfertigung zu suchen hatte . Wer wird mich erlösen ! ächzte ich in der schauerlichen Finsterniß welche sich in der Kirche verbreitet hatte . » Salva me , fons pietatis ! « klang es von der Orgel herab ; und darin ließ Sedlaczech wie in ewiger Wonne die Töne verhallen . Wir verließen Alle tief ergriffen die Kirche . Keiner sprach ein Wort . Der Mond ging langsam auf . Ich nahm Sedlaczechs Arm und schlug mit ihm den längern Rückweg durch den Garten ein ; die Uebrigen gingen gradesweges nach Hause . Ich theilte ihm den gewaltigen Eindruck des Requiems auf mich mit : » Wie ein Donnerruf des Gewissens klang es . « » Ich denke nicht daß das Ihre mit so fürchterlicher Stimme zu Ihnen spricht , « sagte er mit seinem gewissen kalten Ton , der mir häufig das Wort auf den Lippen tödtete , weil er mehr zum Schweigen als zum Reden auffoderte . Allein es war Sturm in mir gewesen ; da gingen die Wellen noch hoch ! ich fragte kurz : » Wie kommt es , Meister , daß Sie , ein so innerlicher Mensch , so wenig lieben von innern Zuständen zu sprechen ? « » Das dächte ich nicht ! ich spreche darüber wenn ich grade in der Stimmung bin ; aber ich habe sie freilich nicht immer und ich setze sie noch seltner bei Andern voraus . Was in uns vorgeht hat doch eigentlich nur für uns selbst Wichtigkeit , sobald es sich nicht durch das Organ der Kunst oder der menschenfreundlichen und gemeinnützigen That an den Tag legen läßt . Ich meide gern das Unnütze , am Meisten das unnütze Wort . « » Wer sagt Ihnen daß jedes gesprochene Wort ein unnützes sei ? es kann nicht Jeder große Thaten thun , nicht Jeder Kunstwerke schaffen , der doch ein hohes Streben und einen Schatz von Poesie in seiner Seele trägt : mir ist