erzählte ihm deren Geschichte ! die Jahrhunderte standen vor ihr auf wie vor einer Magierin und sie ließ in einer Kette von Ereignissen den goldnen Faden an ihm vorbeilaufen , an welchem die Vorsehung die Menschengeschlechter lenkt ! die Ruinen erhoben sich vor ihr aus dem Schutt und sie stellte ihm den Gedanken der Erbauer hin ! die stummen Bilder regten die Lippen vor ihr und vertrauten ihr die Bedeutung , welche der Maler seinen Heiligen , der Bildhauer seinen Göttern gegeben ! die Natur redete zu ihr mit Stimmen der Elemente ! wäre sie allein in der todten Schöpfung gewesen , sie würde dem Felsen Seele eingehaucht haben ; solch ein überquellendes Leben war in ihr , so wußte sie es auf Alles zu übertragen , was sie umgab . Andlau kam sich vor wie ein Eingekerkerter zwischen schwarzen , stummen , kalten Mauern . Zuweilen überfiel ihn nagende Angst um Faustinens ihm so ganz unbekanntes Schicksal . Er las ihre Briefe nach ; sie waren in der letzten Zeit unruhig , hastig geworden . Er suchte einen Namen , der ihm Aufschluß geben möge , aber sie nannte nur obenhin einige fremde Namen , unter denen auch Marios war . Wie elend kann sie werden ! sprach Andlau zu sich selbst . Die Qual um ihre Zukunft zernagte ihn mehr , als der Blick auf die seine . Er gehörte zu den Männern , von denen Mario einst zu Faustinen sagte : wenn der Faden ihres Geschickes reißt , so knüpfen sie keinen neuen an . Andlaus alte Welt war untergegangen - er suchte keine neue ; er blieb auf den Trümmern wie ein Priester auf denen seines zerstörten Tempels . Der Palast seines Glückes war in Schutt zerfallen ; nach einer Hütte sah er sich nicht um . Zuweilen auch packte ihn der Ingrimm über Faustinens Schwäche , die sie unfähig machte , einem lebhaften Eindruck mit Besonnenheit entgegenzutreten . Wird sie ewig Kind bleiben ? rief er zornig ; will ihr Wesen denn immer Blüten und nimmer Frucht tragen ? - Dann , mitten in der Trostlosigkeit , kam ihm der Gedanke : weil unzuverlässig , sei sie auch unberechenbar , und vielleicht noch zu herrlicher Entwickelung bestimmt . Nur wollte dieser Gedanke nicht in ihm haften . Faustine hatte seine Existenz zerbrochen : das Natürliche schien ihm , sie müsse auch die ihre zu Grunde gerichtet haben . Nachdem Faustine seinen Brief empfangen , ward sie ruhiger . Bis dahin lebte sie in unaussprechlicher Bangigkeit . Nun wußte sie , daß sie für immer unwiderruflich von dem Mann getrennt war , den sie ihre irdische Vorsehung genannt , und der Throne und Triumphe ausgeschlagen haben würde , hätte er sie nicht mit ihr theilen dürfen . Und nicht etwa im brausenden Rausch der ersten Seligkeit hätte er das gethan . Nein ! noch jetzt , nach sieben Jahren , kniete er vor ihr mit derselben Andacht , Huldigung und Freude , die er ihr bei der ersten Begegnung dargebracht . Die volle Frische der Empfindung lag noch wie Morgenthau auf seiner Liebe ; als ein Kleinod trug er sie im Herzen . Nicht aus Pflichtgefühl , nicht als Mann von Ehre betrachtete er Faustine , als ein Wesen , daß ihm für die ganze Zukunft anvertraut sei ; nicht aus Rücksicht für ihre Verlassenheit und Hülflosigkeit hielt er sich untrennbar an sie gefesselt ; was ihn tiefer rührte und inniger band , war ihre großartige , einfache Natur , die , Alles wegwerfend oder verschmähend oder nicht bedürfend , was nicht Liebe war , sich in die als in ihr alleinzigstes Gewand hüllte . Er liebte sie , mirakelmäßig , nicht mitleidig , sondern bewundernd . Ach , die meisten Frauen preisen ihr Schicksal , wenn nach so vielen Jahren , in denen die frische Schönheit , der Reiz des Besitzes , die Neuheit des Glücks entflohen sind - die Männer noch aus alter Gewohnheit , aus Dankbarkeit für süße Erinnerungen , zuweilen mitleidig einen Strahl der alten erlöschenden Liebessonne aufleuchten lassen ; und Faustine , für die , wie durch ein Wunder , diese Sonne im Zenith steht , Faustine schaut nach einem andern Gestirn . Aber sie that es . Alles dies sagte sie sich tausend Mal , wiederholte und prägte fest sich ein , was Alles sie mit Andlau aufgab , aber - sie gab ihn auf . Es giebt keinen Stillstand für mich , dachte sie , rastlos muß ich vorwärts - und ist das nicht eins und dasselbe mit aufwärts ? - Sie kehrte zu ihren alten Gewohnheiten , zur Malerei , zur Gesellschaft zurück . Ihre Freunde fanden sie nicht so frei , leicht und heiter wie sonst . Man war gespannt , ob sie sich wieder ins alte Geleise zurückfinden werde . Clemens ging häufiger denn je bei ihr aus und ein , und nahm immer mehr die Allüren eines unentbehrlichen Freundes an . Sie wehrte ihm nicht , denn bei hundert Dingen war er ihr bequem und bei tausend - gleichgültig . Er wünschte glühend , ihr Alles zu ersetzen , jede Lücke auszufüllen , dann - wähnte er - bliebe ihr nichts übrig , als seine Liebe zu erwidern . Faustine sprach weder von Andlau noch von Mengen : daraus folgerte Clemens , sie sei auf gutem Wege , Beide zu vergessen . Wenn man meint , Clemens sei verrückt , so mein ' ich , eine Liebe ohne Erwiderung sei allerdings eine Verrückung : nur auf der Gegenseitigkeit beruht ihre Wahrheit . Mario schrieb fast täglich . Seine hohe Sicherheit erquickte Faustine . Hätte er ihr gesagt , er müsse ihr den Weg zum Orion bereiten , so würde sie sich darauf verlassen haben . Die hülflose Einsamkeit , in der sie auf der Welt stand , machte ihr diese Zuversicht zum Bedürfniß . Der edle Mann schützt so gern , dachte sie , und wer bedarf mehr des Schutzes als ich ? - Marios