es nie um den Zusammenhang , sondern immer nur um die Thatsache zu thun ist , würde deshalb das Anathema aussprechen über einen solchen Menschen . Ich gestehe , daß mein eignes Bewußtsein mich kaum freisprechen möchte von einem ähnlichen , harten Urtheil , aber ich bin nicht so verwimmert in den Gebrechen meines Standes , daß ich nicht herauslesen könnte , wo hier der Grund zur Schuld und wo die Nothwendigkeit der entsetzlichen Sünde liegt . Nur dies spricht Gleichmuth frei . Er steht da als ein Mittel der Ausgleichung ; denn er sündigt für die Sühne der Zukunft und Vergangenheit . Und so nehmen seine Geständnisse durchaus den Rang einer hohen moralischen Lehre ein . In ihnen enthüllen sich leicht und natürlich die Sünden eines Jahrhunderts , das sich im Streben zu leichtsinnig abzuwenden beginnt vom Geiste Christi , weil leider die Masse seiner Stellvertreter keinen Begriff mehr von ihm hat . « So , lieber Ferdinand , drücke ich Dir von Herzen die Hand . Ich erkenne , daß die Hoffnung noch nicht aufgegeben werden darf . Brächte man nun nur alle oder doch die meisten Deiner Genossen zu derselben Ansicht , so würde Alles gewonnen . Aenderung dieser oder jener Lehre , ein größeres Freigeben des Denkens in religiösen Dingen , und vor Allem ein Anerkennen der Entdeckungen des unparteiisch prüfenden Laien , ist Erhebung und ewige Befestigung des Christenthums . Nach diesem Beweise Deiner innigsten Theilnahme an meinen Begegnissen theile ich Dir von Neuem mit , was sich hier gestaltet . Das Individuelle nimmt die Form einer Welt an . Zufall und Zusammentreffen von Umständen lassen grade auf meinem Lebenswege eine Formgebung zu , die anderwärts sehr wahrscheinlich eben so entschieden herausgetreten sein würde . Des blöden Friedrich ' s Figur tauchte bisher nur in unsichern Umrissen aus dem trüben Chaos auf , das sich um mich her bewegte . Erst Gleichmuth ' s Manuscript stellte diesen Menschen entschiedener hin , ohne mich doch ihm selbst näher zu bringen . Ich hatte mir vorgenommen , dem Zufalle das Weitere zu überlassen , da grade diese Person mich am wenigsten fesseln konnte . Denn das Passive , selbst wenn es durch die Folgerichtigkeit des Nichtsthuns sich zum Handeln erhebt , hat mich niemals angezogen . In diesen Tagen nun , durch Auguste ' s scheue Eröffnungen über Luciens mißliche Lage dazu bewogen , besuchte ich das heitere Mädchen . Von Luciens Vormunde habe ich wol schon einmal gesprochen und seines bigotten Pietismus gedacht . Ich traf den reichen Steinhuder ganz allein . Rechnungsbücher lagen vor ihm , Gebetbücher , Hauspostillen und was sonst noch zur Oekonomie eines Privatfrommen gehört , auf allen Tischen und Stühlen . Abgeschmackte Bilder , die eine Parodie auf die Kunst zu sein schienen , hingen in den prachtvollsten goldenen Rahmen an den Wänden und verunzierten das Zimmer . Diese Verzerrung des Schmerzes und heiliger Andacht zur Carikatur bildete eine stumme Farce , die nur ein so befangener Pietist erbauend finden kann . Jeder wahre Mensch sieht auf den ersten Blick , daß eine solche genothzüchtigte Kunst Product der Unsichttlichkeit des pietistischen Lebens ist . Aber das Volk spürt den Teufel nie ! Steinhuder empfing mich mit einer salbungsvollen Anrede , die ich möglichst abzukürzen suchte . Lucie , im Nebenzimmer beschäftigt , hatte kaum meine Stimme erkannt , als sie in leidenschaftlicher Aufregung die Thür aufriß und laut rufend : » Retten Sie mich ! Retten Sie mich ! « an meine Brust sank . Ich war überrascht , in Verlegenheit . Ihr warmer Athem berührte mir Lippen , Wange und Stirn . Heftig umschlang sie mich mit den vollen Armen . Ich mußte sie zum Sopha führen . Noch hatte ich nicht Zeit gehabt , nach der Ursache dieser Scene zu fragen , als Steinhuder bereits geharnischt mit Sprüchen und Verdammungsworten auf mich und das arme Mädchen anrückte . Gott weiß , was er Alles salbaderte , Sinn und Unsinn durch einander , wie ' s ihm einfiel ; erinnern kann ich mich nur noch , daß seine ganze Rede aus Bibelsprüchen zusammengesetzt war . Denn diese geistlosen Menschen glauben jeden Andern damit aus dem Felde schlagen zu können , und bedenken gar nicht , daß der kräftige Mensch nie sich hingibt an eine Autorität , käme sie auch unmittelbar aus dem Munde des geistvollsten Stellvertreters . Luciens Ermattung dauerte nicht lange . Der fromme Unsinn ihres Vormund ' s regte ihren Unwillen auf . » Schweigen Sie , « rief sie erzürnt aus und stampfte mit dem zierlichen Füßchen heftig auf den Boden . » Sie sind ein gemeiner Mensch und so albern wie Ihre Traktätchen und neumodischen Heiligen . Ich mag keinen Narren und keinen Frommen zum Manne ! Ich will einen Gottlosen , Ihnen zum Trotz , mein Herr Vormund . « » Daß Dir die Zunge verdorrete ! « rief Steinhuder . » Wer sich dem Vater widersetzet , und der Mutter spottet , den werden die Raben am Bache aushacken und - « » Genug , genug ! « fiel Lucie ein . » Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihrem alttestamentlichen Zeter ; er rührt mich eben so wenig als Ihr Augenverdrehen . Und kurz und gut , ich will nicht ! - Oskar ist mein Geliebter ! « » Oskar ist Einer von denen , « predigte Steinhuder , » die da sitzen bei den Spöttern ! Seine Seele wird brennen in dem Pfuhl , wo nicht aufhöret Heulen und Zähnklappen . Denn verdammt ist , wer nicht achtet des Alters und Spott trägt auf seiner Zungenspitz . « » Sie fallen aus der Rolle , gestrenger Herr Vormund . Ihr Gedächtniß wird löchericht , die besten Bissen , womit Sie Ihre Heiligkeit nähren , fallen durch . « » Du bist anvertraut meinen Händen , Deine Seele ist befohlen worden meinem Gewissen , « fuhr der Kaufmann fort . » Ich will wachen über Dich , wie die Henne über ihre Küchlein