in ganz Nachitschewan kein Auge mehr offen stand , erschien Torson reisefertig , um von Richard Abschied zu nehmen . Zwischen diesen beiden bedurfte es keiner weitern Erläuterungen , Torson war durch Dmitry von allem was sich zugetragen umständlich unterrichtet . Ich werde weder Petersburg noch Moskau jemals wiedersehen , sprach Torson im Augenblicke des Scheidens : ich wähle den geraden Weg nach Odessa , von wo ich leicht überall hingelangen kann , wohin Schicksal oder eigne Laune mir winken . Wir beide treffen wahrscheinlich nie wieder zusammen , auch weiß ich nicht , ob dies wünschenswerth wäre ; doch werde ich Sie nie vergessen , und Sie mich wahrscheinlich auch nicht . Iwan , die Mutter und Geschwister desselben , Ilia , Selina und Julie , die einstweilen noch als unter dem Schutze jenes gastlichen Paares stehend betrachtet wurde , sie Alle bereiteten sich , in den nächsten Tagen in die ziemlich nahe liegenden Bäder von Kislawodsk sich zu begeben , und dort die Ankunft des Vaters Yakuchin zur Hochzeitsfeier zu erwarten . Richard freute sich unbeschreiblich auf diese Reise ; die erste Hälfte seines Urlaubs war noch nicht völlig abgelaufen , er durfte es sich erlauben , wenigstens einige Tage in jenen paradiesisch schönen Gegenden mit seinem Freunde fröhlich zu sein , mit dem er so viel herbes Leid treulich getragen . Doch als der Tag , die Stunde der Abreise nun festgesetzt war , da ergriff ihn plötzlich eine unerklärliche , ahnungsschwere Bangigkeit . Wachend und im Traume war ihm , als riefen ängstliche Stimmen aus weiter Ferne ihn bei Namen , als fühle er von unsichtbaren Händen sich heimwärts gezogen , und vermochte nicht diesem Gefühle , das immer vernehmlicher sich aussprach , zu widerstehen . Richard , Du gehst ! sprach Iwan in der letzten schmerzlichen Umarmung : und in Dir verläßt mich mein Schutzengel , der Schöpfer meines Glückes , dem ich Alles verdanke , mein Leben und , was mehr ist , meine Genesung aus einem Zustande , an den ich nicht zurückdenken darf . Du gehst von schwerer Ahnung getrieben , und ich bleibe in banger Sorge um Dich zurück . Denke an mich , nicht wie man so im gemeinen Leben zu sagen pflegt , denke an mich wenn es Dir wohl geht ; da magst Du immerhin mein vergessen : aber wenn einst Alles um Dich her zusammenbricht , wenn Deine schönsten Hoffnungen in Rauch aufgehen , dann , Richy , dann denke an Iwan , und reiße von allem Flittertande Dich los , und fliehe zu mir in meine stille friedliche Hütte , und ruhe bei uns vom Schmerze des Lebens aus . Gieb mir die Hand darauf , daß Du es thun willst , versprich es mir , mein Bruder ! Richard that wie Iwan es wollte , und entfernte sich schleunigst , ohne noch einmal den Blick rückwärts zu wenden . Richards Ankunft in Petersburg fiel gerade in eine Epoche , welche in jeder bedeutenden Stadt , besonders in jeder großen oder auch winzig kleinen Residenz , einmal im Jahre regelmäßig eintritt , wo alle Welt klagt : die Stadt ist verödet ! Alles wie ausgestorben ! obgleich das Leben in seinem gewohnten Gange sich rasch fortbewegt , Equipagen rollen , geputzte Leute überall sich zeigen , Jedermann wie gewöhnlich seine Geschäfte betreibt , und man diese angebliche Öde weder auf den Promenaden , noch in den Straßen sonderlich gewahr wird . Diese Zeit des allgemeinen Stillstandes , der im Grunde keiner ist , übt ihre lähmende Kraft hauptsächlich nur auf die wenigen daheim Gebliebenen , jenen der Zahl nach kleinsten Theil der Bevölkerung , welcher sich vorzugsweise die Societät nennt . Die Abwesenheit des Hofes zieht auch die der angesehensten Familien nach sich , und so fand es auch Richard bei seiner Heimkehr . Einige große Familien hatten bedeutende Reisen in fremde Länder angetreten ; Andre hatten auf ihre , oft seit vielen Jahren nicht besuchten Besitzungen sich begeben , und unter diesen befand sich auch Fürst Andreas , der mit seinem Sohne Eugen auf einer seiner weit entfernten Herrschaften den Zustand seiner viel tausend , lange nicht von ihm in nähere Betrachtung gezogenen Seelen , und der von ihm dort angelegten Fabriken untersuchte . Graf Stephan befand sich mit seiner Familie in Berlin , um bei den dortigen berühmten Ärzten für seine immer leidende Gemahlin Hülfe zu suchen . Und was für Richard das Betrübendste war , auch die Fürstin Eudoxia , begleitet von ihren beiden Töchtern und ihrem Schwiegersohne , war nach Karlsbad gegangen . Sogar Alex war abwesend , sein Urlaub war abgelaufen und Dienstpflicht hielt den jungen Officier in Kronstadt fest . Keiner hatte daher wohl gerechteren Grund sich zu beklagen als Richard , dem ohnehin diese gänzliche Verlassenheit um so schmerzlicher auffallen mußte , da er auf keine Weise darauf vorbereitet war . Die weite Entfernung des Ziels seiner Reise , die Eile , mit welcher er sie zurücklegte , hatte jede briefliche Mittheilung fast unmöglich gemacht ; gewiegt in goldne Träume des nahenden Wiedersehens , hatte er keine Ruhe sich gegönnt , um noch vor völliger Beendigung seines Urlaubs anzulangen , und fand sich nun zu Hause , als wäre er in der Fremde . Anfangs wollte die heimliche Angst , die ihn von seinem Freunde fortgetrieben , und die während der Reise von ihm gewichen war , sich seiner wieder bemächtigen ; doch als er die ersten Tage des Mißmuths überstanden und reiflich bedacht hatte , daß aufgeschoben nicht aufgehoben sei , fing er an etwas unbefangener um sich zu blicken . Er entdeckte jetzt manches , das ihn tröstete und heiter stimmte , und mußte sich selbst bekennen , daß dieser fast total isolirte Zustand , in den er für den Augenblick sich versetzt sah , eben wie alle Übel der Welt , doch auch seine gute Seite habe ; denn auch Obrist Pestel und mit ihm alle die eifrigsten Anhänger jenes Bundes , waren aus Petersburg verschwunden