nichts natürlicher , als auf diesem Wege zu verharren , eine Verbindung beider Kinder einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt , wozu sie sich die Mittel zu verschaffen gewußt , treu und unablässig zu widmen . Völlig in Übereinstimmung mit dem Bruder , ging die Baronin zu Hilarien ins Zimmer . Diese saß am Flügel , zu eigner Begleitung singend und die eintretende Begrüßende mit heiterem Blick und Beugung zum Anhören gleichsam einladend . Es war ein angenehmes , beruhigendes Lied , das eine Stimmung der Sängerin aussprach , die nicht besser wäre zu wünschen gewesen . Nachdem sie geendigt hatte , stand sie auf , und ehe die ältere Bedächtige ihren Vortrag beginnen konnte , fing sie zu sprechen an : » Beste Mutter ! es war schön , daß wir über die wichtigste Angelegenheit so lange geschwiegen ; ich danke Ihnen , daß Sie bis jetzt diese Saite nicht berührten , nun aber ist es wohl Zeit , sich zu erklären , wenn es Ihnen gefällig ist . Wie denken Sie sich die Sache ? « Die Baronin , höchst erfreut über die Ruhe und Milde , zu der sie ihre Tochter gestimmt fand , begann sogleich ein verständiges Darlegen der frühern Zeit , der Persönlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste ; sie gab den Eindruck zu , den der einzige Mann von Wert , der einem jungen Mädchen so nahe bekannt geworden , auf ein freies Herz notwendig machen müsse , und wie sich daraus , statt kindlicher Ehrfurcht und Vertrauen , gar wohl eine Neigung , die als Liebe , als Leidenschaft sich zeige , entwickeln könne . Hilarie hörte aufmerksam zu und gab durch bejahende Mienen und Zeichen ihre völlige Einstimmung zu erkennen ; die Mutter ging auf den Sohn über , und jene ließ ihre langen Augenwimpern fallen ; und wenn die Rednerin nicht so rühmliche Argumente für den Jüngeren fand , als sie für den Vater anzuführen gewußt hatte , so hielt sie sich hauptsächlich an die Ähnlichkeit beider , an den Vorzug , den diesem die Jugend gebe , der zugleich , als vollkommen gattlicher Lebensgefährte gewählt , die völlige Verwirklichung des väterlichen Daseins von der Zeit wie billig verspräche . Auch hierin schien Hilarie gleichstimmig zu denken , obschon ein etwas ernsterer Blick und ein manchmal niederschauendes Auge eine gewisse in diesem Fall höchst natürliche innere Bewegung verrieten . Auf die äußeren glücklichen , gewissermaßen gebietenden Umstände lenkte sich hierauf der Vortrag . Der abgeschlossene Vergleich , der schöne Gewinn für die Gegenwart , die nach manchen Seiten hin sich erweiternden Aussichten , alles ward völlig der Wahrheit gemäß vor Augen gestellt , da es zuletzt auch an Winken nicht fehlen konnte , wie Hilarien selbst erinnerlich sein müsse , daß sie früher dem mit ihr heranwachsenden Vetter , und wenn auch nur wie im Scherze , sei verlobt gewesen . Aus alle dem Vorgesagten zog nun die Mutter den sich selbst ergebenden Schluß , daß nun mit ihrer und des Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesäumt stattfinden könne . Hilarie , ruhig blickend und sprechend , erwiderte darauf , sie könne diese Folgerung nicht sogleich gelten lassen , und führte gar schön und anmutig dagegen an , was ein zartes Gemüt gewiß mit ihr gleich empfinden wird , und das wir mit Worten auszuführen nicht unternehmen . Vernünftige Menschen , wenn sie etwas Verständiges ausgesonnen , wie diese oder jene Verlegenheit zu beseitigen wäre , dieser oder jener Zweck zu erreichen sein möchte , und dafür sich alle denklichen Argumente verdeutlicht und geordnet , fühlen sich höchst unangenehm betroffen , wenn diejenigen , die zu eignem Glücke mitwirken sollten , völlig andern Sinnes gefunden werden und aus Gründen , die tief im Herzen ruhen , sich demjenigen widersetzen , was so löblich als nötig ist . Man wechselte Reden , ohne sich zu überzeugen ; das Verständige wollte nicht in das Gefühl eindringen , das Gefühlte wollte sich dem Nützlichen , dem Notwendigen nicht fügen ; das Gespräch erhitzte sich , die Schärfe des Verstandes traf das schon verwundete Herz , das nun nicht mehr mäßig , sondern leidenschaftlich seinen Zustand an den Tag gab , so daß zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und Würde des jungen Mädchens erstaunt zurücktrat , als sie mit Energie und Wahrheit das Unschickliche , ja Verbrecherische einer solchen Verbindung hervorhob . In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zurückkehrte , läßt sich denken , vielleicht auch , wenngleich nicht vollkommen , nachempfinden , wie der Major , der , von dieser entschiedenen Weigerung im Innersten geschmeichelt , zwar hoffnungslos , aber getröstet vor der Schwester stand , sich von jener Beschämung entwunden und so dieses Ereignis , das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war , in seinem Innern ausgeglichen fühlte . Er verbarg diesen Zustand augenblicklich seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit hinter eine in diesem Falle ganz natürliche Äußerung : man müsse nichts übereilen , sondern dem guten Kinde Zeit lassen , den eröffneten Weg , der sich nunmehr gewissermaßen selbst verstünde , freiwillig einzuschlagen . Nun aber können wir kaum unsern Lesern zumuten , aus diesen ergreifenden inneren Zuständen in das Äußere überzugehen , worauf doch jetzt so viel ankam . Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit ließ , mit Musik und Gesang , mit Zeichnen und Sticken ihre Tage angenehm zu verbringen , auch mit Lesen und Vorlesen sich und die Mutter zu unterhalten , so beschäftigte sich der Major bei eintretendem Frühjahr , die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen ; der Sohn , der sich in der Folge als einen reichen Besitzer und , wie er gar nicht zweifeln konnte , als glücklichen Gatten Hilariens erblickte , fühlte nun erst ein militärisches Bestreben nach Ruhm und Rang , wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte . Und so glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewiß vorauszusehen , daß dieses Rätsel , welches nur noch an eine Grille geknüpft schien , sich bald aufhellen