Wohl , hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit , jede nur erdenkliche Fürsorge und Ueberraschung , die sonst nur einem Gatten von seinem Weibe , einem Vater von seinen Kindern kommt - und doch fehlte das Glück ... Der Kampf mit Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude - er hatte hier und da offene und geheime Bundesgenossen - aber Inneres und Aeußeres in ihm war nicht ausgeglichen ... Nur das Nächste brauchte er zu betrachten - im Grafen sah er Krisen entstehen , die zu neuen Kämpfen der Seele führen mußten - und , blickte er in die Ferne , war denn jenes in die Ferne gerückte Räthsel des Eremiten , seines Vaters , gelöst ? - - ... Friedrich von Asselyn , sein Vater , war damals nur vor seinem Sohn aus Castellungo entflohen ... Er wollte todt sein und das Schicksal sendete ihm in seine Verborgenheit gerade den eigenen Sohn ! ... Er erblickte darin die Entdeckung seines Geheimnisses ... Seit den lebensgefährlichen Abenteuern , die er bestehen mußte , lebte er jetzt im Silaswalde - ... Cardinal Ambrosi hatte erst vor Kurzem wieder geschrieben , daß sein Jugendlehrer dem muthigen Kirchenfürsten ewig Dank wissen werde für die Mühe und Sorge , die er ihm damals , mit Gefahr seiner hohen Würde , gewidmet ; daß er ihn aber fort und fort beschwöre , bis zu einer bestimmten Stunde seiner Lebensspur nicht zu folgen , ja daß er ihm das heilige Versprechen abnähme , ihn bis dahin nie mehr unter den Lebenden zu suchen - ... Fiat lux in perpetuis ! hatte diese erneute Bitte des Eremiten geschlossen ... Das Losungswort der Briefe , die ihm und dem Onkel Dechanten einst aus Italien gekommen waren - der Augenblick der Versammlung unter den Eichen von » Castellungo « an einem Sanct-Bernhardstage ... Noch lag dieser Tag um Jahre hinaus und doch mußte er bestimmend und bindend wirken ... Mußte nicht Bonaventura des Vaters Bitte schon um seiner noch lebenden Mutter willen erfüllen ? ... Zu seiner Beruhigung diente , daß dem Vater ein treuer Wächter im Silaswalde geblieben war , sein Retter aus Räuber- und Mörderhand , jener kühne Laienbruder Hubertus ... Wie die Reise der Mutter nach Neapel in diese Räthsel eingreifen konnte , hatte sich der Sohn mit banger Spannung eben vergegenwärtigt ... Cardinal Ambrosi war inzwischen der innigste Vertraute seines Lebens geworden - nur wußte derselbe nicht , daß Federigo des deutschen Freundes Vater war ; Vincente Ambrosi und Bonaventura hatten sich so gefunden , daß in den Zeilen , die er ihm eben geschrieben , jene Beziehung ausgenommen , sonst die geheimsten Saiten seines Innern widertönen durften ... Ein Erzbischof kann , wie ein Fürst , nicht frei gehen und wandeln ; er ist der Gefangene seiner Würde ... Im Speisezimmer wurde Licht angezündet und der Haushofmeister kam mit bittender Miene , Excellenza möchte sich nicht dem Mahl entziehen und die nothwendige Stärkung zu sich nehmen ... Der Erzbischof aß nicht allein ... Eine Anzahl Hausbewohner , Hülfspriester , Secretäre , Schüler , waren seine regelmäßigen Tischgenossen ... Gelassen gab Bonaventura den Bitten nach , setzte sich zur Tafel auf seinen Ehrensessel und sah voll Wehmuth auf ein neben ihm liegendes Buch , das er befohlen hatte , heute Abend neben ihm aufzuschlagen ... Es war ein Theil der Werke des heiligen Bonaventura , denen er sich seines Namenstages wegen hatte widmen wollen ... Es ist mein Namenstag morgen - sprach er mit leiser Stimme und im reinsten Italienisch ; ich beschäftigte mich gerade mit unserm Doctor seraphicus ... Die Stelle , die ich vorlesen wollte , - ( er blätterte mit seinen magern weißen Fingern ) - ich kann sie nicht wiederfinden ... Lesen Sie , wandte er sich erschöpft zu einem jungen Vicar , der bei ihm den Freitisch genoß - eine jede Stelle wird auf unser Leben passen ... Der junge Mann las , was er fand : » O wär ' ich doch jener Baum des Kreuzes und wären die Hände und Füße des Gekreuzigten an mich geheftet gewesen , so hätt ' ich zu jenen Menschen gesprochen , die ihn vom Kreuze abnahmen : Nimmermehr laß ' ich mich trennen von meinem Herrn ; begrabt mich mit ihm ! Doch da ich das dem Leibe nach nicht thun kann , so thu ' ich es der Seele nach . Drei Stätten will ich mir im Gekreuzigten erwählen ; die eine in den Füßen , die andere in den Händen , die dritte in seiner Brust ! Dort will ich athmen und ruhen ! Dort wohnen , trinken aus dem Quell ihrer unaussprechlichen Liebe ! Oft wandelt mich Furcht an , ich möchte herausfallen aus diesem Aufenthalt ! Glückselige Lanze , glückselige Nägel , die ihr diesen Weg des Lebens uns öffnet ! O wäre es mir vergönnt gewesen , jene Lanze zu sein , nimmermehr wär ' ich dann aus dieser göttlichen Brust zurückgekehrt ! « ... Lästerung ! unterbrach der Erzbischof plötzlich aufwallend und nahm das Buch an sich ... Alle erschraken ... Doch bei näherer Besinnung war ihnen diese Kritik nicht befremdlich an ihrem Oberhirten , der die Wärme der Religion nur beim Lichte suchte ... Er winkte mit der Hand und deutete an , daß man unbehindert den Speisen zusprechen sollte ... Da er selbst nur wenig aß , konnte er seinen Tischgenossen sagen : Wohin verirrt sich nicht der spielende Witz einer Andacht , die mit der Feder in der Hand betet ! ... Wahrheit ! Wahrheit ! ... Und vor wem denn mehr , als vor dem Herrn der Welten , vor dem Gedanken : Was ist die Ewigkeit ! ... Dann erzählte er von Benno ' s Leben - bis seine Thränen ihn hinderten ... Der Haushofmeister , der am untern Ende der Tafel vorlegte , kannte Benno noch von seinem Aufenthalt in Robillante her ... Es war ein schlichter Mann , der dem Erzbischof von dort gefolgt war und Ordnung und