, oder selbst zerstören , gleichviel , nur rasch ein Ersatz ! Ihr Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor der Welt . Ich mag Ihnen nicht darin blättern , Rodewald ! Lesen Sie es bei Andern . Manches hat sie selbst verrathen , im günstigeren Lichte darstellen wollen , sie hat die Feder ergriffen und geschrieben . Ich konnte mich erst nach Jahren , wo alle Welt ihre Bücher vergessen hatte , entschließen , sie zu lesen . Da fand ich mehr in ihnen , als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gelten lassen . Ich fand ein wirklich unglückliches , nur durch die Eitelkeit und früheste Verwöhnung verdorbenes und unverbesserliches Herz . Mich rührte das Meiste von Dem , was Andere belachten . Ich haßte sie weder , noch verachtete ich sie , aber ich mußte sie meiden . Ihre Nähe wirkte auf mich , wie die Nähe der Mörder auf die Erschlagenen wirken soll . Die Wunden fangen wieder an zu bluten . Ich mied sie nur . Sie war zu stolz , zu schwindelnd hoch in ihrer wilden Lebensphilosophie , als daß ich jemals auf das Anerbieten einer Versöhnung hätte rechnen können . Jetzt , wo sie auf ' s Neue eine große Rolle spielt ... Rodewald wußte , daß Egon ihr ganz gehörte ... Jetzt sucht man selbst von Seiten des Hofes mich für eine Annäherung zu gewinnen ; ich weiche aus . So lange Dämonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer Nähe weilen ... Lebt die Ludmer noch ? sagte Rodewald gelassen staunend ... O die ist zäh wie Schlangen , die auch zerstückt noch nicht sterben können , sagte Anna . Ich tröste mich immer , wenn ich von dem Vielen , was die Welt Bedenkliches über Paulinen sich erzählt , die Schuld auf jenes Wesen werfen kann , das wohl zu tief mit Paulinens Vergangenheit verwachsen ist , als daß sie jemals wagen könnte , sich von ihm zu befreien . Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhältnisse . Von der Irrung , die der seinigen folgte , von der Geschichte des Baron Grimm , den er so oft am Missouri in der Person jenes Morton erblickt hatte , während Morton in ihm den englisch gewordenen Master Harry , jetzt nur den Generalpächter Ackermann kannte , wußte er nichts . Anna fühlte sich nicht veranlaßt , über das Leben ihrer Schwester dem Manne Enthüllungen zu geben , den sie in diesem Augenblick froh und glücklich sehen wollte . Sie gestand zu : Es wird Aufsehen machen , großes Aufsehen , wenn es heißt , jener einst von der schönen Welt ebenso wie von den Staatsmännern und Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald ist zurückgekehrt , ist ein einfacher Ökonom geworden , hat die Güter des Fürsten von Hohenberg gepachtet , hat der alten Landräthin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeschiedenen Tochter , eine Enkelin , überbracht ... ja , Rodewald , sagte sie , als dieser lächelte , ja man hat das Gedächtniß für die alten Tage nicht ganz verloren und spricht Das , dessen man sich fernher erinnert , mit großer Schonungslosigkeit aus ... Nein , nein , unterbrach Rodewald , die neue Freiheit Deutschlands macht nur , daß solche Verhältnisse geringfügig erscheinen ... Anna aber ließ sich nicht nehmen , daß noch Tausende lebten , die da staunen , die Köpfe zusammenstecken würden ... Und schon die einzige Pauline , die Ludmer ! sagte sie . Erschrecken Sie nicht , ihnen wieder zu begegnen ? Meine Wege sind nicht die ihren ... Aber Selma ! Ich gestehe , daß ich mich rüsten muß ! Die überfallen mich gewiß und geben sich das Ansehen , dies Kind mit ihrer Liebe erdrücken zu müssen ! Wenn Das wäre - ha , ich werde bitter ... Kommen Sie , Rodewald ! Anna wollte aufstehen , aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem Hause ihnen entgegen . Rasch benutzte Anna die noch übrige Zeit , dem Schwiegersohne zu sagen : Dies blasse Mädchen ist die Tochter einer Fürstin Wäsämskoi , die mir dies Kind , weil es aufmerksamer Führung bedarf , zur Pflege hinterließ . Ich bin erstaunt , welchen Eindruck Selma schon auf diese eigne Natur gemacht hat ! Ich wäre glücklich , wenn sich diese Mädchen verständen und jede zu ihrem Guten noch das Gute der Andern sich hinzuthäte . Indem noch Rodewald lächelnd sagte : an Schlacken , die dann ausgestoßen werden müßten , würd ' es auch bei Selma nicht fehlen , kamen die Mädchen und gaben die Absicht zu erkennen , durch das offen dargestellte Bild ihrer schnell gewonnenen Vertraulichkeit die Ältern zu erfreuen . Selma sagte , daß sie schon wisse , wo sie nun der erste Morgenstrahl wecken würde , aber sie wäre unruhig und würde ihre Nachbarin viel plagen , von der sie hörte , daß sie bis neun Uhr schliefe . Mit der Möglichkeit zu scherzen war hier schon viel gewonnen . Rodewald lehnte jede weitere Gastfreundschaft ab , trat an seinen Wagen , mit dem er in der Residenz einzukehren gedachte und verließ Tempelheide mit dem Versprechen , morgen in den ersten Stunden wieder bei den Frauen zu sein . Drei Tage hatte Rodewald für diese Reise bestimmt . Er fühlte die Nothwendigkeit , sich bei Zeiten am Fuße des Hohenbergs einzufinden und dem Fürsten seine Aufwartung zu machen . Dennoch hinderte ihn daran eine unüberwindliche Befangenheit . In Tempelheide hob ihn Alles , auf dem Hohenberg hätte ihn Alles erniedrigen müssen . Dort konnte er sein Haupt erheben und im Licht der Wahrheit verklärt wandeln , hier hätte er die Augen niederschlagen , sich vor sich selbst entwürdigen müssen . So wurden aus drei Tagen fünf , aus fünf acht . Es fesselte ihn außer Oleandern wenig in der großen Weltstadt . Er sah sich wohl die neuen Denkmäler und Bauten , die Sammlungen der Kunst an , aber die Eindrücke konnte er erst bei Anna und den