” fügte er mit einem Blick auf die Gerichtsrätin und ihre Tochter hinzu . Agathe verstand , daß es ihm um eine Aussprache zu thun sei . Und sie empfand auch deutlich , daß es für sie geratener sei , ihn heute zu meiden . Aber trotzdem stand sie auf und nahm ihren Schawl von dem Haken an der Wand . “ Wo gehen Sie hin , Fräulein Agathe ? ” fragte die Rätin . “ Ich will mit meinem Vetter ein Stück spazieren gehen . ” “ Jetzt ? ” fragte die Rätin erstaunt . “ Aber Sie waren ja heute schon auf dem Hörnli ! Und es ist schon ganz dunkel ! ” “ Was schadet das ? ” “ Es ist schon neun Uhr vorüber ! ” “ In einer halben Stunde bringe ich meine Cousine unversehrt zurück , ” sagte Martin in einem gleichgültigen , höhnischen Ton . Er ging voran , es Agathe überlassend , ihm zu folgen . Er wußte ja , daß sie ihm folgen würde . Sie that es , obwohl es ihr schien , als handele sie vollständig wie eine , die ihrer gesunden Sinne nicht mehr mächtig ist . Was die Rätin und ihre Tochter und die Wirtin und die Kellner von ihr denken mußten , wenn sie mit einem jungen Mann in die Nacht hinausging , das war ja klar . Es war auch zu seltsam , daß die Gerichtsrätin kein Wort weiter äußerte . Wahrscheinlich war sie zu erstarrt über das unerhörte Vorhaben eines jungen Mädchens . Warum ging sie nur und trottete mit gesenktem Kopf und einem unerträglichen Zittern in den Knieen hinter Martin her , der sich nicht einmal nach ihr umwandte ? Es war ihm jedenfalls gleichgültig , ob sie auf dem steinigen Wege Schaden nahm . Ihnen zur Seite brauste in tiefem Bett der Gebirgsbach , von den Gewittergüssen der letzten Wochen angeschwollen , große Äste und losgerissene Sträucher in seinen tobenden Strudeln mit sich reißend . Wolkenmassen standen schon wieder am Himmel . Es war so finster , daß man unter den Bäumen , die ihre Zweige über den Weg bogen , nicht einen Schritt weit sehen konnte . Betäubt von dem wilden Toben des Wassers , das aus der Dunkelheit kalte Dünste in die schwüle Nacht emporsandte , mit bohrenden Schmerzen im Kopf und über den Augen — mit Aufruhr und Elend in der Brust , setzte sie ihren Weg fort . Warum war sie ihm gefolgt ? Warum nur ? Sie hätte sich von rückwärts auf ihn werfen mögen , auf den dunklen Umriß seiner Gestalt , und ihn packen und hineinzerren in das wilde Wasser , von dem er vor ein paar Tagen sagte : “ Wer da hineinspringt , den hole ich nicht wieder ! ” Und sie lächelte mit einer grausamen Lust an der Vorstellung , daß er seine Arme so heraustrecken würde , wie die dürren Äste aus den Strudeln ragten . . . . Dabei fühlte sie , daß es schon kein Lächeln mehr war , sondern eine Grimasse , die ihre Züge verzerrte . Wie entsetzt er sein würde , wenn er sich jetzt umblickte und das Wetterleuchten ihm ihr Gesicht zeigte . . . Aber er blickte nicht zurück . Einmal sagte er : “ Halt ' Dich rechts , sonst fällst Du in den Bach . ” Pfui , wie herzlos , wie grausam er war . Wie sie ihn verabscheute ! Sie hatten nicht sehr weit zu gehen , bis sie an eine Brücke kamen , die ohne Geländer über den Bach führte . Martin überschritt sie und trat in den Hof einer ländlichen Wirtschaft , die von Fremden niemals besucht wurde , für die er allein eine Vorliebe besaß . An einem großen Baum hatte man eine Stalllaterne befestigt . Sie warf einen kargen Lichtkreis auf den Tisch und die zwei Bänke . Über ihr glänzten die Blätter in einem harten , metallischen Grün , ringsumher war Dunkelheit . Das laute Lärmen des Wassers trennte den Ort von der übrigen Welt und erregte den Eindruck , als befände man sich auf einer Insel mitten in einer wilden , brausenden Flut . “ Hier sind wir ungestört , ” sagte Martin . Der Wirt erschien in Pantoffeln , verschlafen , und stellte zwei Gläser Bier vor sie hin . “ Geh ' n Sie nur . Wir rufen schon , wenn wir etwas brauchen . ” Agathe hatte sich niedergesetzt . Sie stützte den Kopf in die Hand und starrte vor sich auf das graue Holz des Tisches . Schweigend nahm sie Martins Vorwürfe hin . Für so klein und sentimental und weibisch eitel , wie sie sich heut gezeigt , habe er sie nicht gehalten . Er wollte sie für die Freiheit gewinnen . Aber er werde sich nicht unter die Tyrannei eines prüden und thörichten Frauenzimmers beugen . Was habe sein Gefallen an dem hübschen , frischen Schweizermädchen mit ihrer Freundschaft zu thun ? Wenn sie sich einbilde , daß er in Zukunft auf den Verkehr mit hübschen jungen Mädchen verzichten solle , dann habe sie das Gefühl , das ihn zu ihr gezogen , gründlich mißverstanden , darüber müßten sie sich erst auseinandersetzen . Er wurde endlich von Agathes Schluchzen unterbrochen . “ Höre auf zu weinen , Du beträgst Dich sehr kindisch , ” sagte er hart . Es war fast nicht mehr weinen zu nennen , langgezogene , röchelnde Schreie drangen aus ihrer Brust und verloren sich im Brausen des Wassers . Sie sprang auf , warf den Kopf zurück und rang wild die Hände , wie in Erstickungsnot und Todeskampf . Martin begann sich um sie zu ängstigen . “ Also gehen wir nach Haus ! Vielleicht kann man morgen vernünftig mit Dir reden . Warum in aller Welt bist Du nur so außer Dir ? ” “ Weil ich Dich liebe ! ” schrie sie ihn gellend an . Sie wußte ihm in dem Augenblick