Hofrath Moser zu sehen ? “ „ Allerdings , “ versetzte dieser mit einer steifen Neigung des Hauptes . „ Meine Tochter sagt mir , Sie seien Arzt und kämen lm Auftrage des Doctor Berndt , und da möchte ich von Ihnen hören , ob es wahr ist , was die Frauen behaupten . Der Zustand des Patienten soll sich im Laufe des Tages bedeutend gebessert haben und Hoffnung auf Genesung geben . Nach den heutigen Auslassungen Ihres Herrn Collegen scheint mir das ganz unmöglich zu sein . “ „ Die Gefahr ist in der That vorüber , “ sagte der Gefragte . „ Ich zweifle durchaus nicht mehr an der Rettung des Doctor Brunnow . Er verdankt sie freilich zum großen Theil der schnellen und aufopfernden Hülfe , die ihm in Ihrem Hause zu Theil wurde . Sie hatten in den letzten Tage manches Schwere deswegen durchzumachen . “ „ Ja wohl , sehr viel Schweres ! “ seufzte der Hofrath , der nicht recht wußte , ob er sich freue oder ärgern sollte , daß der gefürchtete Todesfall von seinem Hause abgewendet war . Es war am Ende ebenso schlimm , wenn in den Zeitungen zu lesen stand : „ Der Sohn des aus der Revolutionszeit her bekannten Doctor Brunnow ist in dem Hause des Hofraths Moser von seiner schweren Verwundung glücklich genesen . “ Brunnow dagegen blickte voll Theilnahme auf den alten Herrn , der so sichtbar gedrückt und bekümmert schien . Der Doctor wußte nichts von Agnes eigenmächtigem Eingreifen ; er sprach das ganze Verdienst an der Pflege seines Sohnes dem Hofrath selbst zu , und nach den Andeutungen , die Max ihm über dessen Charakter gegeben , sah er in diesem einen Mann , der mit hochherziger Verleugnung seiner persönliche Ansichten und Sympathien einen politischen Gegner bei sich aufgenommen . „ Doctor Brunnow , “ sagte er mit der überströmenden Dankbarkeit des Vaterherzens , „ wird hoffentlich bald im Stande sein , Ihnen selbst seinen Dank auszusprechen , aber auch ich , der ich ihm von früher her befreundet bin , möchte dies in seinem Namen thun . Ich – wir danken Ihnen , Herr Hofrath , von ganzem Herzen danken wir Ihnen für das , was Sie gethan haben . “ „ Es war Christenpflicht , “ erklärte der Hofrath , sehr angenehm berührt von diesen Wortem , die so deutlich die tiefste Empfindung verriethen . „ Es wäre unter allen Umständen geschehen , aber man freut sich dennoch , wenn es von den Betreffenden in solchem Maße anerkannt wird . “ „ Glauben Sie mir , wir erkennen es im vollsten Maße an ! “ versicherte Brunnow mit Lebhaftigkeit . „ Wir wissen es , was ein Mann in Ihre Stellung und von Ihren Grundsätze dabei zu überwinden hatte . Es war eine That der edelsten Selbstverleugnung . “ Damit streckte er , von seine Empfindung fortgerissen , dem alte Herrn die Hand entgegen . Der arme Hofrath ! Sein von Max so gerühmter Loyalitätsinstinct ließ ihn in diesem Augenblicke völlig im Stich . Keine innere Stimme warnte ihn , als er die Hand des Hochverräthers ergriff und freundschaftlich drückte . Es that ihm so wohl , endlich einen Menschen zu finden , der seine unglaubliche Aufopferung in dieser fatalen Angelegenheit nach Gebühr zu würdigen wußte , denn Agnes und Frau Christine thaten ja , als verstände sich die Sache von selbst . Dieser Fremde allein hatte das richtige Verständniß und gewann dadurch auf der Stelle das höchste Wohlwollen des Hofraths . „ Wollen Sie nicht auf einige Minuten in das Wohnzimmer treten ? “ fragte er . „ Ich würde mich freuen – “ „ Ich danke , “ lehnte Brunnow ab , der sich jetzt erst erinnerte , daß er keine allzu große Dankbarkeit und Theilnahme zeigen durfte . „ Ich kann unmöglich länger verweilen ; mich ruft noch eine ärztliche Pflicht . Ich komme aber morgen früh noch einmal , den Patienten zu sehen , wen Sie es gestatten . “ „ Mit dem größte Vergnügen ! “ rief der Hofrath . „ Ich werde erfreut sein , Sie wiederzusehen – bitte , geben Sie Acht ! Der Gang draußen ist nur unvollkommen erleuchtet . “ Er hatte dem Gaste selbst die Thür geöffnet , dieser aber blieb unschlüssig stehen . Muß ich die Treppe zur Rechten oder die zur Linken [ 408 ] nehmen , um hinauszugelangen ? “ fragte er . „ Ich kam in einiger Eile und habe nicht auf den Weg geachtet . “ „ Ich werde Sie begleiten , “ sagte Moser artig . „ Man verirrt sich nur allzu leicht in diesen weitläufigen Gängen und Corridoren , wenn man sie nicht genau kennt . Ich zeige Ihnen den Hauptausgang . “ Doctor Brunnow , der in der That den Weg nicht mehr zu finden wußte und dem es durchaus nicht wünschenswerth war , sich in den Gängen und Höfen zu verirren , nahm das Anerbieten an , und sie schritten zusammen durch den Corridor . Dieser verband den Seitenflügel , in welchem die Moser ’ sche Wohnung lag , mit dem Hauptgebäude und führte direct in das Vestibül des Schlosses . Dort lagen die Eingänge zu der Kanzlei und den übrigen Bureaux , und dort mündete auch die große Haupttreppe , welche zu der Wohnung des Gouverneurs führte . Die beiden Herren traten soeben aus dem halb dunklen Corridor in das hell erleuchtete Vestibül , als Brunnow auf einmal zusammen zuckte und eine jäh zurückweichende Bewegung machte . Es schien fast , als wolle er umkehren , aber es war zu spät – er und sein Begleiter standen bereits dicht vor dem Gouverneur . Der Freiherr schien soeben erst angelangt zu sein , draußen am Portal hielt noch sein Wagen , und er selbst sprach mit dem Polizeidirector , der im Begriff stand , sich zu verabschieden . Raven ’ s Stirn war finster umwölkt ; sie erhellte sich indeß flüchtig , als er