wollen Sie nichts hören ; den Künstler- oder Dichter ­ ruhm müßten Sie mit zu vielen Andern teilen . In Ihnen wühlt der Ehrgeiz , etwas ganz Neues , nie Dagewesenes zu leisten . Aber , mein Fräulein , an diesem Ehrgeiz werden Sie zu Grunde gehen ! Schaffen Sie , wenn es Sie zu Produzieren drängt , Ihren Ideen Gestalten , die für sich selbst reden , schaffen Sie ein künstlerisches Gebild ; denn in ihm ist Friede , es ist ein Ganzes , Fertiges für sich , und in ihm ruht die Seele von ihren Mühen aus . Eine dichterische Idee kann im Kunstwerk erschöpft werden , eine wissenschaft ­ liche Hypothese aber ist unerschöpflich , weil sie , wenn auch abgeschlossen und bewiesen , immer neue Schlüsse nach sich zieht ! Solch rastloses Weiterstreben ohne Ruhepunkt erträgt nur die Kraft des Mannes , die zarte Natur der Frau muß ihm erliegen , gerade wenn sie so starken Geistes ist , daß sie mit der brennenden Begierde , der atemlosen Spannung des Forschers arbeitet . Und wenn es ihr selbst gelingt , mit Aufopferung ihres Lebens irgend einen neuen Beitrag zur allgemeinen Forschung zu liefern , so hat sie doch nur den kleinsten Teil dessen geleistet , was der Mann mit leichter Mühe vollbringt . Der Todesschweiß einer Sterbenden hängt an ihrem Werke und die Welt sagt höchstens achselzuckend : „ Für eine Frau alles Mög ­ liche ! “ Ist solch ein bedingtes Lob mit Gesundheit und Leben nicht zu teuer erkauft ? “ Ernestine hatte ihm in atemloser Spannung ge ­ lauscht . Ihr dunkles Auge haftete mit einem über ­ wältigenden Ausdruck auf dem schönen Gesicht des Sprechenden . Als er schwieg , ließ sie die Arme in den Schoß sinken : „ Sie tun mir schweres Unrecht , wenn Sie die Bewunderung der Welt für die einzige Triebfeder meines Tuns halten . Ja , ich sehne mich nach Anerkennung , das habe ich Ihnen gesagt . Aber diese hätte ich auf anderen Gebieten wohl leichter ge ­ funden und mein Oheim ließ mir die Wahl . Ich er ­ griff aus Neigung die Naturforschung und insbesondere die Physiologie . Die Geschichte war mir gleichgültig , weil mir die Menschen gleichgültig sind . Die Phi ­ losophie ist mir zu dogmatisch , wie die Religion — in der Natur allein quillt immer neues , greifbares Leben . „ Da weiß ich doch “ , wie Johannes Müller sagt , „ wem ich diene und was ich habe . “ Die Phy ­ siologie hat eine neue Welt vor mir aufgetan , oder besser , sie hat mir die alte erst neu geschenkt , — denn jetzt erst bin ich sehend , seit ich begreife , was ich sehe ; jeder Sonnenstrahl , der sich in einem Tautropfen bricht , ist mir bedeutsam , jede Tonwelle , die aus der Ferne an mein Ohr dringt , ruft eine Reihe von Vor ­ stellungen wach . O , welcher Genuß käme dem gleich , den diese mächtige Wissenschaft uns bietet , ja wahr ­ lich , die Wirklichkeit macht sie zum Wunder und was uns Wunder schien , macht sie zur Wirklichkeit . Und auf dies hohe Gut soll ich verzichten , weil ich ein Weib bin ? Und dieses beseligende Erforschen alles Lebens sollte mir den Tod bringen ? O nein , ich kann ’ s , ich will ’ s nicht denken ! “ Johannes reichte ihr die Hand . „ Sie sind eine schöne , große Seele und begreifen das Wesen der Wissenschaft . Doch gesetzt auch , Sie hätten körperlich und geistig die seltene Zähigkeit , die Aufgabe , welche Sie sich stellten , durchzuführen , so könnte dies nur auf Kosten Ihres weiblichen Berufs geschehen . Denn das Weib kann nicht zweien Aufgaben genügen , deren jede seine volle Kraft in Anspruch nimmt . Sie müssen als Gelehrte ausschließlich Ihren Studien leben — die Pflichten der Gattin , der Mutter wür ­ den Sie zu sehr abziehen , denn diese fordern für sich ein ganzes Leben ! Jetzt haben Sie den Mut , die Armut an Glück und Liebe zu ertragen , welche aus dieser Einseitigkeit erwächst : Werden Sie ihn auch später haben ? Wenn nun Alter und Krankheit über Sie hereinbrechen , wenn Sie schwach und hilflos werden und einer treuen , wohltätigen Hand bedürfen , die Sie pflegt , eine warme Brust suchen , an der Sie ausruhen könnten von manchem Weh — und Sie haben dann Niemanden , der sich Ihnen hingibt , weil Sie sich Niemandem hingaben , wie wird es dann sein ? Haben Sie keine Ahnung von solchem Elend ? Ist denn kein Verlangen nach An ­ lehnung , keine Sehnsucht nach Liebe in Ihrer ver ­ schlossenen Seele ? “ Ernestine schaute finster vor sich hin . „ Ich kenne die Liebe nicht , wie kann ich mich nach etwas sehnen , was mir fremd ist ? “ „ Mein Gott , wie ist das möglich ? Sie hatten doch Eltern , Pfleger , Verwandte , denen Ihr Herz anhing ? “ „ Nein ! Meine Mutter starb , als sie mich ge ­ boren , mein Vater , als ich zehn Jahre alt war , er hat mich nur mißhandelt und war mir fremd . Mein Vormund ward mein Lehrer und Erzieher und weihte mich in die Wissenschaften ein . Weder als Kind , noch als Erwachsene durfte ich mit meines Gleichen ver ­ kehren und ich wollte es auch nicht , weil ich es nicht anders gewohnt war . Seine eigene kleine Tochter schickte er in eine Pension und lebte ganz für mich ; aber das Band , das mich an ihn knüpfte , war doch nur mein Interesse für die Wissenschaften und seine Bereitwilligkeit , dasselbe zu befriedigen . Er ist kalt und ich bin es , ich fühlte nie etwas Anderes für ihn als Dankbarkeit . Einsam war und blieb