vernahm . In langen Zügen trank Konrad den roten Wein . Hatte er nicht einmal jedwedem Alkohol abschwören wollen - aus sozialen Gründen , des guten Beispiels wegen ? Wie unlebendig , wie nicht zu ihm gehörig , erschien das alles , - Staub , der , alle bunten Erdenfarben verhüllend , auf Blättern und Blüten lag , und den der hervorbrechende Sturzbach des Lebens hinwegspülte . Er hob das Glas . Die Menschen auf dem Bahnhof lachten ihm zu . » Eviva Bologna la grassa ! « rief ein alter Packträger lustig . Bologna ? Hatten sie nicht hier König Enzio , den jungen , bis an sein Ende , fast drei Jahrzehnte lang , gefangen gehalten ? Ein prunkender Palast , dessen hohe Säle von seinen Liedern widerhallten , war sein Kerker gewesen , die rosigen Arme , die blauschwarzen Haare Lucia Viadagolas seine Ketten ! Und hatte nicht hier Novella d ' Andrea die Rechte gelehrt , deren Schüler in Liebeswahnsinn rasten , wenn sie nur einmal den Schleier von den brennenden Augen hob ? Konrad strich sich über die Stirne : er geleitete eine Tote , und Bilder heißen Lebens verfolgten ihn . Die Luft schien erfüllt von jenem Frühlingszauber , dem sich alles Lebende unterwirft , jeder Strahl der Sonne ein Pfeil des allbeherrschenden Gottes . Giovanni stand auf dem Gang vor dem Coupé seines Herrn . Er riß unermüdlich die Fenster hinauf und herab , je nachdem der Zug im Dunkel der Tunnel verschwand oder wieder emportauchte . Von einer einzigen Farbe goldigen Grüns überzogen , leuchteten die Berge ; sie waren vor kurzem kahl gewesen wie Greisenhäupter , jetzt sproßten sie von jungen Eichen , stolz der gesicherten , mit festen Wurzeln in ihrem üppigen Schoße ruhenden Zukunft . Aufblitzend wie Traumbilder zwischen den Tunneln öffneten sich tiefe Täler , schwangen sich in kühnem Bogen hohe Viadukte über brausenden Bergbächen . Weiße Häuser , graue Wehrgänge um alte Schlösser , eng wie Lämmer einer Herde zusammengeschmiegte Hütten tauchten minutenlang auf und verschwanden wieder . Giovanni kannte jeden Weg , jeden Ort ; er erzählte und merkte kaum , wie die Menge der Zuhörer um ihn her wuchs . Dort hatte die blasse Lina , des Lehrers Tochter , ihm selber den Wein geschenkt für sein Spiel mit den Glaskugeln ; dort hatte die stolze Marquesa ihm einen Sack voller Silberstücke zugeworfen , als er den schwindelnden Weg um die alte Schloßmauer in langen Sätzen zurückgelegt hatte ; dort , dicht unter dem Holunderstrauch gab ihm die braune Loretta den ersten Kuß für den kecken Tanz durch die Messer . O , er war ein schmucker , schlanker Bursche gewesen ! Es gab eine Zeit , da schlief er teine Nacht in dem gelben Wagen , da betteten ihn zärtliche Hände auf weiches Moos , unter Rosenhecken und Glyzinenlauben , auf buntgewürfeltes Bettuch und auf spitzenübersäte Daunenkissen - . Hier verstummte er jäh - in Träume versunken . Plötzlich belebten sich seine Züge wieder ; sein Auge , unruhig flackernd , haftete an einem fernen weißen Punkt . Er unklammerte Konrads Arm mit den harten Knochenfingern . » Dort - « kam es aus seiner Kehle , » dort stürzte ich zum erstenmal ! - Der Gendarm , der Schurke , hatte mein Weib um die Hüften gefaßt ! « Und dicht an Konrads Ohr : » Mein linker Arm zerbrach - mit der rechten Hand sprang ich ihm an die Kehle , daß das Blut ihm aus Mund und Nase troff und die Augen ihm aus den Höhlen traten - . « Der nächste Tunnel verdunkelte wieder das ferne Bild ; scheu und erschreckt waren die Passagiere wieder zu ihren Sitzen zurückgegangen . Konrad streichelte des Alten eingesunkene Wange . » Wann war das , Giovanni ? « frug er leise . » Wann ? Wann ? ! - « Er richtete sich straff auf , ein irres Lächeln um die schmalen blutleeren Lippen . » Vor hundert Jahren vielleicht ! Sie haben mich ja zu schwerem Kerker verurteilt . Sitzen wir nicht beide drinnen - du und ich ? ! « Lange blieb es stumm zwischen ihnen . Der Alte schien zu schlummern . Plötzlich fuhr er empor , - der Zug hatte sich wieder tief in die Berge gebohrt . » Bambino mio , « rief er , » nun werden wir sie wiedersehen - - sie ! « Und er riß im ersten Strahl neuen Lichts das Fenster hinunter . » Santa Fiorenze ! « schrie er auf und sank in die Knie . Hoch oben hielt der Zug ; er schien zu zögern , als habe auch er ein sehendes Auge , ein pochendes Herz , denn unten im Tal , vom nahenden Abend in feine violette Schleier gehüllt , lag sie , die Unsterbliche , die ewig Sieghafte . Die Hügel wölbten sich , den Linien ihres Körpers folgend , weich um sie ; ein Band von Gold umschmeichelte sie der Fluß , und , anbetende Ritter , knieten die Berge vor ihrer lächelnden Schöne . Kein Wort mehr fiel zwischen den beiden Reisenden . Sie waren nicht Herr und nicht Diener . Nur zwei betende Pilger an der Schwelle des Heiligtums . Wenn Konrad in späteren Jahren an seine Ankunft und die ersten Stunden seines Aufenthalts in Florenz zurückdachte , so war ihm , als erinnere er sich nur einzelner Bilder eines Traums , deren Zusammenhänge seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden waren : er sah , wie die schwarzvermummten Gestalten der Brüder von der Misericordia - deren Köpfe unter spitzen Kapuzen , deren Gesichter unter seidenen Masken verschwanden - den schweren geschnitzten Sarg davontrugen ; er fühlte , wie er mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens saß , so überwältigt von der Empfindung , in Florenz , der Stadt seiner Ahnen , seiner Kindheitsträume , seiner tiefen , ihrer selbst fast unbewußten Sehnsucht zu sein , daß er außerstande war , in diesem Augenblick ihr lebendiges