Was dürfen wir glauben ? Wo findet der begründete Zweifel Stillung ? Mir ahnt Schreckliches , wenn ich der Erwartungen des Jünglings in bezug auf den Grafen denke , der ein Heiliger , ein Ohnegleichen sein müßte , wenn sich alle Versprechungen erfüllen würden , die mit seinem Auftreten für Caspar verbunden waren . Und erfüllen sie sich nicht , erfüllt sich nur ein hundertstel von ihnen nicht , so prophezeie ich ein böses Ende . Denn ein solches Herz , aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt , aus äußerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen , will alles , fordert das ganze Maß des Glücks oder muß , nur um ein Weniges betrogen , einer ungemessenen Devastation anheimfallen . Ich gestehe , daß mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Kühnheit zu solchen Erwägungen gibt ; wie dürfte sich auch mein Mißtrauen an einem so hochgestellten Mann vermessen . Aber man spricht seit heute davon , daß Caspar nach Ansbach in Pflege kommen solle . Frau Behold , die alte Feindin Caspars , trägt das Gerücht in der Stadt herum und verkündet überall mit Schadenfreude , daß aus der englischen Reise und aus den Luftschlössern des Grafen nichts geworden sei . Wie mir meine Schwester erzählt , habe die Magistratsrätin indirekte Nachricht von der Lehrerin Quandt erhalten ; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben Haus mitsammen aufgewachsen . Gott verhüte , daß Caspar von diesem Geschwätz etwas erfährt . Ich wäre Eurer Exzellenz sehr zu Dank verpflichtet , wenn Sie mir darüber genaue Auskunft berichten ließen , damit ich dem ungereimten Geklatsche so entgegentreten kann , wie es für das Wohl unsers Schützlings wünschbar ist . Feuerbach an Herrn von Tucher : Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit Rechnung tragend , teile ich Ihnen hierdurch mit , daß Sie Ihres Amtes als Vormund Caspar Hausers von heute ab enthoben sind . Eine gleichzeitige Urkunde des Kreis- und Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form bekanntgeben , wie auch weiterhin die Verfügung , daß Caspar dem Grafen Stanhope zu überlassen sei ; freilich einstweilen nur der Form nach , denn bis die schwierigen und verwickelten Verhältnisse eine Änderung erlauben werden , soll Caspar in der Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden ; Lord Stanhope hat während dieser Zeit für seine zweckmäßige Erziehung und Verpflegung zu sorgen , ich selbst werde in Abwesenheit des Pflegevaters über das Wohl des Jünglings wachen . Am siebenten des Monats wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen , ein energischer Beamter , der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator für die Übersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist . Seine Lordschaft , Graf Stanhope , hat sich in letzter Stunde entschlossen , einer Handlung , die in den Augen des Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen soll , fernzubleiben , und dieser Vorsatz hat meine volle Billigung . Ich sehe keine Schwierigkeit darin , Caspar von der veränderten Lage der Dinge zu unterrichten , und halte die Besorgnisse wegen dieses Punktes für übertrieben . Ich selbst werde dieser Tage eine längst vorbereitete Reise nach der Hauptstadt antreten , ich hoffe bei dieser Gelegenheit eine günstige Wendung in den Lebensumständen Caspars endgültig herbeizuführen . Baron Tucher an den Präsidenten Feuerbach : Eurer Exzellenz die untertänige Nachricht , daß der plötzliche Tod meines Oheims mich zwingt , die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen . Ich habe die Obsorge für den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn Bürgermeister Binder und Herrn Professor Daumer übergeben und es ihnen anheimgestellt , Caspar hier zu belassen oder für die restliche Frist seines Aufenthaltes in der Stadt zu sich zu nehmen . Eine Mitteilung über das Bevorstehende oder auch nur eine Andeutung ist von meiner Seite aus gegen den Jüngling noch nicht erfolgt , und ich muß ohne Hehl bekennen , daß mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon abhält . Caspar glaubt noch steif und fest daran , daß er mit seinem erlauchten Beschützer nach England oder Italien reisen soll ; ihm erscheint eine , wenn auch nur zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmöglichkeit , und derjenige , der ihm eine solche Kunde überbringt , müßte eine göttliche Überredungskunst besitzen , um ihn mit den neuen Umständen zu versöhnen . Meinem unmaßgeblichen Erachten nach ist es ein Fehler , den Knaben wiederum in enge Verhältnisse zu bringen , die ihn niemals werden befriedigen , seinen Durst nach Leben und Betätigung nicht werden stillen können . Der Hang seiner Ideen hat eine verhängnisvolle Anmaßung gewonnen , er ist dem Kreis friedlicher Bürgerlichkeit entwachsen , sein Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null , alle seine Gedanken , sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet , und wenn nun Graf Stanhope von ihm gehen wird , dann bin ich sicher , daß er einen unglücklichen Gesellen , ein unnützes und bedauernswertes , aus jedem sozialen Zusammenhang gelöstes Glied der menschlichen Gesellschaft zurücklassen wird . Wenn es der eigentliche Wesenszug der Fürstenkinder wäre , daß sie dem privaten Leben untauglich und hilflos gegenüberstehen , dann allerdings wäre Caspar ein Auserwählter unter den Prinzen . Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal noch , und es wird ein Mann aus ihm , der eine Krone zu erwerben vermag , wenn es auch eben keine Fürstenkrone ist . Für mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr abgeschlossen , und was auch immer ich an Enttäuschung und Bitterkeit daraus gewonnen habe , sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und Menschengeschäfte gegeben , den ich für mein ferneres Leben nicht missen möchte . So muß eben jeder auf seine Weise bezahlen . Daumer an den Präsidenten Feuerbach : Ich fühle mich verpflichtet , Eurer Exzellenz von den Ereignissen der letzten Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen , insoweit eben Wahrheit auf zwei Augen ruht . Vielleicht klingt vieles von dem , was ich zu berichten habe , so ungewöhnlich , daß ich mich fragen muß , ob ein Mann , der