und daß immer ihre Rufe sehnsüchtig klängen . » Ja , was ist Sehnsucht ? ! « sagte dann Einhart , sehr ins Nachsinnen verloren , den des Alten Weisheit innig entzückte . » Ja , mein lieber Herr Malersmann , « erwiderte dann der weißbärtige , breitbeinigstehende Kapitän , » wie soll ich Ihnen das wohl erklären ? Sehen Sie , wenn ein Mensch nicht Sehnsucht hat , ist er eben ein langweiliger Schmeerbauch , « sagte der Alte listig und zog dabei seine gelbe Weste straff , um seine zähe Leibesgestalt zu zeigen . » Ich bin immer hübsch mager geblieben . Und hatte immer brennende Sehnsucht nach tausend Dingen draußen . Nun gar , wo ich nicht mehr zur See fahre . Brennende Sehnsucht ! Was Sehnsucht ist , wollen Sie von mir wissen ? Sehnsucht , das ist überhaupt der Lebenstrieb sozusagen . Sehnsucht - - ja - - das ist überhaupt die Begierde nach dem wahren Leben . Sehnsucht , das ist das einzige Zeichen , daß man noch nicht erstarrte , sozusagen ! Na überhaupt , wer wohl sagen könnte , was Sehnsucht ist ? « sagte der alte Jens mit Nachdruck . Aber Einhart begriff trotzdem , was Sehnsucht ist . Johanna begriff es auch . So standen sie oft unter dem Holzbogen und den hängenden Rosen , die den ganzen Juli und August blühten . Und wenn sie mit dem alten Kapitän im Segelboote gegen Abend auf die spiegelnde See hinausfuhren , fühlten es beide heimlich noch mehr . Es war ein wahres Entzücken für Johanna und Einhart , so hinzuschießen über das drängende Wogenspiel in die hereinsinkende Sternennacht . Man hatte die Augen weit in die Ferne und hoch in die Nacht gewandt . Man sah nach rückwärts die silbernen Flutgarben rieseln . Man lehnte sich im Teerkittel an die Bootsplanke zurück , weil das Fahrzeug jenseits fast ins Wasser strich . Man sprach kein Wort . Man hörte die Wellen rauschen und gluckern und zerbersten . Und manche Woge kam unschuldig drängend heran , ehe sie mit Gewalt an Einhart und Johanna heransprang . Daß man das kleine , schluchzende Lachen Johannas mitten in das Wasserschäumen hörte . Einhart hatte dann wohl einen Schmerz heimlich dabei , weil das Lachen noch immer klang wie früher . Nur daß es jäher abbrach , wie sich ebenfalls an etwas Vergangenes erinnernd . Es war eine Zeit , die halbgefühlt forteilte . Und die Sehnsucht ging und kam ungesehen . Dann kam es auch , daß Johanna am Ende dieser Zeit zu kränkeln begann . Sie war ohnehin immer sehr zart . Und die allzu kräftige Luft am Nordmeere hatte ihr zuerst schon den Schlaf geraubt . Einhart war sehr böse immer , daß sie nicht gleich alles tat , um zu Schlaf zu kommen . Aber sie war darin unverständig wie alle Frauen . Und sie hatte also die kleinen Mittel , die er manchmal anwandte , um zu große Regsamkeit einzuschläfern , immer noch bittend ausgeschlagen . Bis auch große Appetitlosigkeit und eine nicht ganz natürliche Sanftheit kam . Johanna war gegen das Augustende wirklich in einem Zustande von Schwäche . Auch ein leichter Husten plagte sie . Einhart versuchte jetzt alles mögliche . Er ließ Früchte und Leckeres kommen . Auch Frau Kapitän Jens , die an einige Heilmittel felsenfest glaubte , versuchte zu helfen . Sie hatte sogar einen alten Fischersmann mit einer mächtigen Hakennase und Lederbacken voll harter Stoppeln und harten , langen , schwieligen Händen zum Besprechen der Krankheit einmal heimlich und sehr feierlich an Johannas Bett treten lassen . Nichts hatte geholfen . Der Sommeraufenthalt endete schlimm . Man konnte mit knapper Not in die Stadt zurückfahren . Der Brief Einharts an Poncet , worin er ihr Kommen ankündigte , klang schon sehr sonderbar . Einhart schrieb , daß er nicht wüßte , was denken ? Daß Johanna einfach nichts mehr wäre , ganz und gar nicht mehr Johanna , nur ein Schemen von Johanna , nur ein bleiches , liebliches Schemen . Nun , wie sie dann ankamen , Johanna in viel Kissen gebettet , da sah auch Poncet , daß es die einstige Johanna nicht mehr war . Sie lächelte ihm sehr freundlich zu . Sie reichte ihm die kleine , welke Hand wie einem guten Freunde . Poncet war ganz nur Güte und Erschrockenheit , und seine Art jetzt hatte Wahrhaftigkeit genug . Das sah Einhart . Und Einhart war kein Mensch , der sich dünkte , Sünden vorwerfen oder vergeben zu können . » Wir alle begehen sie , ein jeder auf seine Weise . Und vergeben tut sie der Tod und das dahinter , « sagte er . » Eine Schuld gegen mich , lieber Poncet ! « sagte Einhart , wie Poncet sich noch einmal wieder vor ihm allein seiner langen Heimlichkeit wegen anklagte . » Das Aufrichtigsein ! - - ja , ja ! - - wenn das immer so einfach wäre , und die Seelen nicht doch manchmal wie harte Mauern . Aufrichtigkeit ! natürlich - sehr schön ! es ist immer eine hohe Forderung . Eben weil sie oft gegen manche mächtigeren Umstände vergeblich streitet . « So hatte Einhart tatsächlich alles Vergangene noch vollends gegen Poncet in Vergessenheit gebracht . Und Poncet und Einhart waren wieder Freunde , und wie Freunde um Johanna . Und Johanna saß bleich und abgemagert in ihren Betten , hatte ihre Eulenaugen jetzt wie eine kleine Hungrige aufgetan und konnte beide manchmal aus einem langen , lautlosen Insichsein plötzlich seltsam anlächeln . 15 Einhart schaute die Seele der Dinge . Und er kannte keine Gebote und keine Verschuldungen . Er sagte es immer wieder , daß die Seele der Dinge alles Geheimnis einschlösse , unbegrenzt und frei . Und daß nichts weit und grenzenlos bliebe , auch im Menschen , wenn nicht seine Seele . » Das ist ein großer Geist , « konnte er von dem oder jenem sagen ,