sie hatten Furcht , daß sie aufdringlich erscheinen möchten , und die Herrschaft denke vielleicht , sie wollten etwas geschenkt haben für das Kind ; da kamen sie am Ende überein , daß die Tochter mit dem Kleinen den alten Vater morgen auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit , wo der Herr gewöhnlich geritten kam , dann würde der fragen , und er wollte ihm alles erzählen und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind , und das sähe doch dann aus , als sei es bloßer Zufall gewesen . Und wie sie so sprachen , begannen sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem ; und keines , fanden sie , war so prächtig wie das ihre , denn an dem war alles zu bewundern . So gingen am Ende alle schlafen , und wie sie in den rundlich gestopften und weichen Betten lagen , denn die Alten hatten zwei leere Betten stehen und die Federn waren von ihren Gänsen , die sie selbst gezogen , da waren alle so froh , daß es gar kein größeres Glück geben konnte , und schliefen fest und ohne Träume . Und am andern Tage wurde die geplante Begegnung mit dem Herrn auch durchgeführt , und der Herr fragte auch , und wie er alles gehört hatte , sprach er freundlich mit der Mutter und dem Kind , und wiewohl er nur einige gleichgültige Worte gesagt hatte , so wiederholten die beiden Alten die doch immer wieder und waren froh . Dann aber ging es an das Abschiednehmen , und die Ellern mit dem Kind fuhren wieder nach Berlin zurück , unter vielen Versprechungen und Plänen , daß sie selbst bald wieder kommen wollten , und daß die Eltern sie in Berlin besuchen sollten , und dem Jungen hatte die Großmutter noch zwei schöne , große Äpfel heimlich in die Hand gegeben , die vom vorigen Herbst waren und aussahen wie eben gepflückt , die hielt er mit großer Sorgfältigkeit fest , bis die Mutter sie ihm abnahm , weil er müde wurde und schlafen wollte . Nun geschah es aber , daß das Kind krank wurde , und fiel der Mutter zuerst eine seltsame Aufgeregtheit auf und besondere Röte des kleinen Gesichtes , dann wurde der Arzt gerufen und erkannte einen heftigen Anfall von Scharlach . Wie die Eltern seine Worte hörten , bekamen sie zwar erst einen Schreck , aber darauf bedachten sie , daß doch die meisten Kinder von dieser Krankheit befallen werden und wieder genesen , und das machte sie wieder guten Mutes . Dann folgte ein seltsamer Vorgang , nämlich das Kind wurde immer kränker , die Eltern aber , als ob sie eine heimliche Furcht hätten , die sie durch gewollte Hoffnung beschwichtigen könnten , wurden gleichzeitig immer zuversichtlicher . Aber am Ende geschah es in einer Nacht , wo die Mutter am Kopfende des kleinen Bettchens saß , daß das Kind plötzlich schneller atmete , und weil die Mutter vom Arzt gehört hatte , daß die Entscheidung bevorstand , so dachte sie bei sich , jetzt überwindet es die Krankheit , das macht ihm Mühe ; plötzlich aber verzog sich der kleine Mund wie zu einer kläglichen Bitte , und das Gesichtchen sah mit einem Male viel älter aus , und da blieb der Atem stehen . Das war der Mutter zuerst recht sonderbar ; aber mit einem Male verstand sie , was das bedeutete , und schrie : » Er stirbt , er stirbt ! « Da sprang der Mann vom Lager auf und kam mit einem ungläubigen Lächeln und wollte beruhigende Worte sagen , indem er die kleinen Händchen erfaßte ; die waren aber ganz anders geworden , und das Wort stockte ihm . So standen nun die beiden vor dem Leichnam und verstanden nichts , nur daß dem Mann einfiel , daß er die Augen zudrücken mußte . Und wie die Augen geschlossen waren und der Schatten der langen Wimpern sich abzeichnete , war der klägliche Ausdruck um den Mund des Kindes verschwunden , und in dem wachsfarbenen Kindergesicht zeigte sich ein tiefer Ernst und eine wunderbare Entschlossenheit , wie eines Helden , der einen schweren Gang zu tun hat . Da sank die Mutter auf die Kniee und begann zu schluchzen . Dem Mann aber zerstreuten sich noch immer die Gedanken durch den Gram , weil er keine Handlung zu tun hatte , denn noch eine lange Zeit war ihm , als müsse er verlegen sein und lächeln , und wunderte sich über sich selbst , denn er hatte das liebe Kind sehr gern gehabt , und am Morgen geschah ihm wunderlich , wie er seine Hausschuhe erblickte , die ihm der Kleine abends immer angeschleppt hatte , jeden einzeln , und drückte ihn ungeschickt an sich ; da strömte es ihm plötzlich aus den Augen , ohne daß ein Aufhalten möglich gewesen wäre , unaufhörlich , wie eine Quelle , und ohne Schluchzen . Da schonten die beiden einander und sprachen nicht miteinander und taten ein jedes , was nötig war . Am Abend des zweiten Tages sagte die Frau : » Ich habe bis nun nicht an Gott geglaubt und war stolz auf diesen Unglauben . Jetzt aber weiß ich , daß es einen Gott gibt , und zu einer Strafe für mich habe ich diese Einsicht gewonnen , denn ich habe dahingelebt in Leichtfertigkeit und ohne Gedanken , und wie dieses Kind kam , habe ich es nicht aufgenommen als eine Bestrafung dafür , daß ich nicht an mich dachte und an die Aufgabe , die ich erfüllen soll , und auch nicht als ein Geschenk , das mich zur Besinnung , Liebe und Nachdenken bringen konnte , sondern als eine zufällige und ungerechte Last , die ich verabscheute , und auch die Freude , die ich später an ihm gehabt , ging nicht aus einer Belehrung und Besserung hervor , sondern nur aus derselben alten Leichtfertigkeit und Gedankenlosigkeit , nach der ich dahin gelebt