sind die Hörigen schuld mit ihrer sträflichen Geduld ... Ein gebeugter Nacken : ist das schön ? Nein - schön ist das zurückgeworfene Haupt , das achilleische Lockenschütteln - Mein Gott , Mama , ich rede etwas überspannt ... die Worte kommen mir so ... Seit Monaten und Monaten lese ich Gedichte und gebundene Sprache - und jetzt , in der Erregung , verfalle ich in diesen Ton ... Und doch , was ich vorhabe , Du wirst es gleich hören , ist nichts Überspanntes , Übereiltes - ist ein überlegter , ruhiger Schritt . Ich will mit Toni in Ordnung kommen - ihm alles sagen , meine Freiheit zurückverlangen , Scheidung anbieten und dann - sollte er sich auch weigern - mir mein Leben einteilen , wie ich muß - ohne Heuchelei . So lange ich nicht alles geordnet und geklärt habe , will ich Bresser nicht wiedersehen . Es wäre mir - nach dem gestrigen Abend , nach dem heute Nacht geträumten Traum unmöglich - ich versichere Dir , einfach unmöglich - ihm nicht ans Herz zu sinken . Und das will ich nicht , solang ich ' s nicht in Reinheit tue , das heißt ohne Hehl wie ohne Reu . Siehst Du , ich bin hierher zu Dir gekommen , um meinen Wahrheitsmut auf die Probe zu stellen , um ihn zu festigen ... Werde ich imstande sein , meiner Mutter alles zu sagen ? Das fragte ich mich noch auf der Stiege ... Ich habe die Probe bestanden - und jetzt ist mir leicht und licht ums Herz . « Sie stand auf und blickte ihrer Mutter ins Gesicht : » Nun möchte ich Deine Antwort hören . « Martha legte den Kopf an die Fauteuillehne zurück und schloß die Augen . » Bist Du böse ? « Ein tiefer Seufzer hob Marthas Brust . » Meine armen Kinder - « sagte sie leise . » Warum arm , Mutter ? « Sie kniete wieder neben Martha nieder - » und warum denkst Du jetzt auch an Rudolf ? Was hat sein Schicksal mit dem meinigen gemein ? « » Daß Ihr beide gleich zu bedauern seid . Beide fühlt Ihr das , was in Eurer Welt Euch umgibt , als unerträglich . Schranken ... Ihr wollt sie einrennen und stoßet Euch blutig daran . « » Mag sein , aber wir bringen sie ins Wanken - desto besser für die , die nach uns kommen . Ich frage Dich nochmals : bist Du böse ? « Martha verneinte mit stummen Kopfschütteln . Sylvia küßte sie . » Jetzt will ich gehen , Mama . Morgen komme ich wieder . Da wirst Du über alles nachgedacht haben und mir Antwort geben können . Jetzt bist Du zu erschüttert . Leb ' wohl . « XXVIII Aus Marthas Tagebuch . Ich werde meinem Kinde behilflich sein - nämlich die Ehescheidungssache zu ebnen trachten . Vielleicht blüht ihr doch noch ein Lebensglück an der Seite des geliebten Dichters . Glück , Glück ... daß wir alle immer nach diesem Phantom haschen ; daß wir immer glauben , wir hätten ein Anrecht darauf , nicht nur für uns selber , sondern auch für alle , die uns teuer sind ... Für mich habe ich ja schon lange abgeschlossen - aber in dem Glücke meiner Kinder hätte ich mich noch sonnen wollen , und wie ist das nun anders gekommen ! Beide in Kampf und Sorgen , beide aus den normalen , gesellschaftlich gesicherten Lebenslagen gerissen , die ja der solide Untergrund sind , auf den glückliche Existenzen sich aufzubauen pflegen . Bin ich nicht mit schuld daran ? Ja - ich habe zum Kampfe aufgestachelt . Zu der Aufgabe , Friedrichs Mission fortzuführen , habe ich meinen Sohn aufgezogen . Er hat aber den Kampf auf ein Feld hinausgetragen - ein so großes und fernes - wo ich ihm nicht mehr folgen kann . Und ebenso Sylvia . Ihr trotziges Auflehnen gegen die Urteile der Welt - wodurch sie zur künftigen Befreiung der Frauen mitgeholfen haben will : auch dahin vermag ich ihr nicht zu folgen . Sie mag ja recht haben ... Von Rudolf hätte ich gewünscht , daß er , unter Beibehaltung seiner Stellung und Gründung eines neuen häuslichen Herdes , sich auf einen Zweig der Kulturarbeit beschränkt hätte : auf die Bekämpfung des Krieges - wie sie in meinem » Protokoll « von Abbé de Saint Pierre und Leibnitz und Kant und - Tilling bis zu Frédéric Passy und Egidy reicht . Da sich einreihen , zu den Kongressen die Kraft seiner Persönlichkeit mitbringen , das Propagandawerk durch seine pekuniären Mittel unterstützen , in hohen politischen und höchsten Machtkreisen , bei denen er doch kraft seiner - nunmehr aufgegebenen ! - Stellung Zutritt hatte , Proselyten zu machen trachten : das war ' s was ich von ihm erhoffte . Aber er ist weit darüber hinweggeflogen - zu weit , beinah ins Uferlose . Freilich : alle Übel sind mit einander verschlungen und ein Geist vermag auch die ganze Verkettung zu übersehen ; aber positiv helfen , wirken , vorwärts bringen , das kann jeder einzelne nur auf einzelnem Gebiet . So scheint es mir wenigstens . Verloren sind darum seine Arbeit und sein Streben nicht ; zur allgemeinen Einsicht , wie der künftige Tempel gebaut sein soll , kann er beitragen und dadurch zur Inangriffnahme seiner Errichtung anfeuern , aber des Erfolges wird er sich nicht freuen können , der sich an das tatsächliche Einfügen eines kleinen Bausteins knüpft ... Doch zurück zu meiner armen Sylvia . Man mag noch so großen Anteil nehmen an dem Gang der öffentlichen Ereignisse , an den Phasen - den auf- und niedersteigenden - der Kultur , das Nächstliegende : Freude und Sorge , Glück und Unglück im eigenen Hause - das drängt sich doch in den Vordergrund des Denkens und Handelns . Was soll ich nur tun , um da helfend einzugreifen ? Mit Delnitzky reden ?