Augen nicht sehen konnte . Der Peder hielt mich fest . Er kannte das Terrain genau und machte auf jede Eigentümlichkeit desselben aufmerksam . Dennoch wurde mir das Gehen schwerer , als die Umstände es eigentlich begründeten . Ich stolperte und schwankte oft . Da schlang er , um mich zu stützen , stets und schnell den Arm um mich . Am liebsten wäre ich in diesem starken , liebevoll besorgten Arme liegen geblieben , um mich von ihm weitertragen zu lassen ! Wie lange wir so , oft auf- , oft abwärts gingen , weiß ich nicht . Das Gefühl für die Bestimmung der Zeit war mir vollständig abhanden gekommen . Dann war der Wald zu Ende . Die Sterne standen über uns , und unsere Füße schritten über ebenen Boden und auf weichem Grase . Wir hatten bei der Entfernung von der Felsenspalte den Schluß gemacht , waren also die letzten und beide allein . Von dem Hadschi und den Pferden sah ich nichts . Als ich nach ihnen fragte , bekam ich die Antwort : » Habe keine Sorge ! Du wirst deinen Freund beim Ustad finden , eure Pferde auch und ebenso die Gewehre . « Die Gewehre ! Da kam noch nachträglich der Schreck über mich . Ich hatte sie vergessen , vollständig vergessen , gar nicht an sie gedacht , als ich vom Peder fortgeführt worden war . Erst jetzt fiel mir ein , daß ich sie , als ich nach dem Sprunge aus dem Sattel stieg , neben mich hingeworfen hatte . Diese im andern Falle ganz unmögliche Vergeßlichkeit brachte mich zu der Ueberzeugung , daß die Krankheit auch bei mir viel weiter vorgeschritten sei , als ich gedacht hatte . Kaum hatte ich diesem Gedanken Raum gegeben , so begann er , mich zu beherrschen . Ich mußte stehen bleiben . Meine Beine zitterten , die Füße versagten mir den Dienst . » Was ist mit dir ? « fragte der Peder , » fällt dir das Gehen schwer ? « » Nicht schwer , nicht leicht ; es giebt eben kein Gehen mehr . Erlaube , daß ich mich für einen Augenblick setze ! « Er umfaßte mich , um mich langsam niederzulassen . Ja , sitzen ! Das war nicht möglich ; ich mußte sofort liegen ; es fehlte mir die Kraft , den Oberkörper aufrecht zu halten . Da sanken auch die Lider herab und waren nicht wieder in die Höhe zu bringen . Was nun mit mir geschah , das weiß ich nicht . Ich war wie ganz im festen Schlafe , zuweilen auch wie nur im Traume . Ich hörte zuweilen die gütige , besorgte Stimme des Peder . Er sprach zu mir ; er sprach auch zu Andern , doch klang es wie aus weiter , weiter Ferne . Ich fühlte mich gehoben und getragen . Ich war so leicht ; ich hatte keinen Körper . Ich bestand aus nichts als nur aus froher Zuversicht und glücklichem Vertrauen , und diese gänzliche Hingebung lag wie auf Engelsflügeln ausgebreitet . Dann war es mir , als schwebe ich durch tausend , tausend selige Ewigkeiten , unendlich lang und doch so kurz , so kurz ! Was für Töne erklangen da ? Waren das die Harfen verklärter Geister ? Oder war es der Psalter des alttestamentlichen Sängers , der da spricht : » Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen , von denen mir Hilfe kommt ! « Und da legte sich eine Hand auf meine Stirn . Es war , als ob von ihr aus eine gütig reine , immaterielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe . Und eine tiefe , wohllautende Stimme sprach die letzten Worte ganz desselben Psalms : » Der Herr behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in Ewigkeit . Amen ! « Die Stimme schwieg . Leise Schritte entfernten sich . Tiefe , fromme Stille herrschte in mir und auch rund umher . Aber ich hatte die Empfindung , daß ich nicht allein und verlassen sei . Es umwehte mich ein feiner , gottesdienstlicher Duft , wie von Weihrauch und Myrrhen . Da erklangen hoch über mir zwei Glöcklein . Sonderbar , daß ihr schönes Harmonieverhältnis mir sofort in die Ohren trat ! Die eine , tiefe , war in die untere Dursexte der oberen gestimmt . Es war gewiß ganz eigentümlich , daß mir trotz meines Ouinte fehle ! Nun wieder tiefe Stille . Dann hörte ich in kurdischer Sprache ein vierstimmiges , feierliches Lied erklingen , dessen erste Strophe deutsch zu lauten hätte : » Herr , ich trete Im Gebete Vor dein heilig Angesicht . Laß dir sagen Meine Klagen ; Höre , was mein Flehen spricht ! « Es waren nicht Orgel- sondern Harfentöne , welche dieses Lied begleiteten . Gab es hier eine Kirche ? War ich überhaupt auf der Erde ? Träumte oder wachte ich ? Ich hatte keine Macht über meine Augen . Besaß ich überhaupt jetzt welche ? War ich jetzt vielleicht nur Geist , nur Seele ? Wo war mein Körper geblieben ? Ich fühlte ihn nicht ! Da gab es neben mir ein leises , leises Rauschen wie von einem feinen , sich bewegenden Gewande . Zwei warme , weiche Frauenhände ergriffen meine Hand , und eine innig sprechende Altstimme betete : » Herr , es treten , Um zu beten Zu dir Alle , die du liebst . Laß den Glauben Uns nicht rauben , Daß du nichts als Leben giebst ! « Meine Hand wurde lange festgehalten . Das merkte ich , obgleich ich den Sinn für Zeit und Raum kaum noch zu besitzen schien . Dann gab es eine Berührung , als ob zwei Lippen sich auf diese meine Hand legten . Ich wollte sie zurückziehen , ohne daß ich diese Bewegung ausführen konnte . Wer war es , der , vor mir knieend , um mein Leben gebetet hatte ? Ich wünschte so dringend