Mensch wohnt heute überhaupt noch in der Nähe des Moritzplatz ! « Während sie sprach , hatte sich sein Gesicht immer mehr verfinstert . Da sie viel zu bequem war , um Streit zu suchen , machte sie , sobald sie die Veränderung in seinen Zügen sah , eine scherzhafte Bemerkung und beugte sich zu ihm herüber , um ihn zu küssen . In ihrer sieggewohnten Weise glaubte sie die Sache damit abgethan . Er aber wich ihrer Liebkosung aus und verliess das Zimmer , ohne ein Wort zu erwidern . Er stieg die Treppe zu seinem Geschäftslokal hinunter und schloss sein Privatbureau auf . Dann sank er stöhnend , das Gesicht in beiden Händen vergrabend , in einen Sessel . Mein Gott , was hatte er gethan ! Wie hatte er sich hinreissen lassen können , dieses Mädchen zu heiraten , das ihn nicht einmal liebte , wie er es zu Anfang geglaubt und damit seine eigenen Bedenken ertötet hatte . Dieses Mädchen , das nicht des kleinsten Opfers , nicht des kleinsten Zugeständnisses fähig war , das seinen eigenen Weg ging , als ob er überhaupt nicht auf der Welt gewesen wäre ! Lena liebte ihn nicht . Von der ersten Stunde ihrer Ehe ab hatte er es gewusst . Warum aber hatte sie die Küsse , mit denen er sie im Sinnentaumel geküsst , um seine unselige Liebe zu Lotte darin zu ersticken , für ernste Werbung genommen ? Warum diese Küsse durch Worte ergänzt , die er nie gesprochen , nie gedacht hatte ? Wenn er es heute recht überlegte , hatte nicht er um Lena , nein , Lena hatte um ihn geworben . Aber warum , warum ? Sie liebte ihn ja nicht , hatte ihn ja niemals geliebt . Täglich , stündlich bewies sie es ihm . Was er für Liebe gehalten , war auch bei ihr nichts als ein Taumel gewesen , in dem sie einander fortgerissen hatten . Warum hatte sie ihn aber heiraten wollen ? Sie war ja doch nicht die Frau , die es für moralisch geboten hält , ein paar heisse Küsse gleich durch die Ehe legitimieren zu lassen ? Sie , die so gern das moderne , über alle Vorurteile erhabene Weib spielte ? Da plötzlich traf den verzweifelt Grübelnden ein Gedanke , jäh , grell , wie ein Blitzstrahl . Wie , wenn Lena Gründe geleitet hätten , die weit ab von einer Neigung zu ihm lagen , wenn sie ihn nur gegen einen andern hatte ausspielen wollen , dessen sie überdrüssig geworden war , gegen diesen Bornstein , von dem er sie hatte loskaufen müssen mit pekuniären Opfern , die ihn für den Augenblick fast erdrückt hatten ? Oder war sie am Ende doch nicht die kluge , kühle Frau gewesen , für die er sie immer gehalten hatte , die mit allen andern gespielt und nur mit ihm Ernst gemacht hatte ? Er sprang auf und stiess den Stuhl , in dem er gesessen hatte , weit hinter sich zurück . Wenn das wahr wäre , wenn dieses Mädchen ihn zum Narren gehalten hätte , ihn , den dummen Kleinstädter , der blind und blöde auf ihre Reize hereingefallen war , wenn sie ihn nur so rasch in die Ehe hineingetrieben hätte , weil - weil ein anderer vor ihm - ! Er schlug sich vor den Kopf . Er raste . Er reckte die Fäuste drohend in die Luft . Er war wie von Sinnen . Dann plötzlich kam eine grosse Ruhe über ihn . Wohin hatte er sich denn verirrt ? Hatte er etwa ein Recht , gegen Lena zu toben , selbst wenn es so war ? Was hatte er denn anders gethan , als sie schmachvoll betrogen , da er sie mit der Liebe zu Lotte im Herzen geheiratet hatte ? Eisig kroch ihm diese Erkenntnis zu Herzen . Nicht einmal das Recht stand ihm zu , nach ihrer Schuld zu forschen , oder aber , wenn er sie wirklich gefunden hätte , darüber zu Gericht zu sitzen . Nichts blieb ihm , nichts , als das selbstverschuldete Elend zu tragen , den Makel , wenn ein solcher auf der Ehre seines Hauses lag , sitzen zu lassen , ungesühnt , ungerächt . - Lena hatte die ganze Angelegenheit nur als eine Laune ihres Mannes betrachtet . Er konnte ja am Ende nicht ernsthaft daran denken , dass sie zu Haus sitzen sollte und auf ihn warten , bis er geruhte , vom Geschäft heraufzukommen , um dann als unterwürfige Sklavin Gott weiss was für niedere Dienste für ihn zu verrichten . Mit der veralteten Anschauung , dass die Frau nur eine höhere Magd des Mannes sei , hatte man ja , in Berlin wenigstens , gründlich aufgeräumt . Wenn Franz noch so kleinstädtische Anschauungen hatte , musste er eben versuchen , sie sich abzugewöhnen . Gelang es ihm nicht , blieb ihm nichts übrig , als den Schaden zu tragen . Als Lena aber am Ende einsah , dass Franz die Sache wirklich ernst und unbequem schwer nahm , zuckte sie die Achseln und ging erst recht ihre eigenen Wege . Es war ihr um so leichter gemacht , Franz zu trotzen , als sich jetzt , nach dem Herbst zu , ihre alte Stammkundschaft wieder bei ihr einfand und damit die Theestunden in ihrem türkischen Boudoir wieder ihren Anfang nehmen konnten . Da war sie wenigstens vor Langerweile und Vorwürfen sicher . Dass ihre alten und jungen Verehrer jetzt , seit sie Frau war , ihr nur um so ungenierter den Hof machten , war das einzige , was ihr die Ehe erträglich machte . Sie hatte ja auch gar nichts anderes mit dieser Heirat bezweckt , als Frau zu heissen und sich freier noch bewegen zu können denn als Mädchen . Dass Franz , den sie blind verliebt und zu allem willig geglaubt hatte , Kritik übte und persönliche Ansprüche geltend machte , war ihr freilich völlig