, ohne Kraft , ohne Leben , dachte Agathon , und er fühlte sich einsam . Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern , an die Art ihres Schlafes , ihrer Träume , an die Stärke ihrer Todesfurcht , an ihre Krankheiten , ihre Sorgen . Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes , wo in einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren . Gegenüber befand sich eine Allee , und am Wege war eine Bank . Agathon setzte sich , müde vom Schlaf , hungrig , durstig und doch erwartungsvoll , als ob er jetzt in ein neues Leben träte nach dem vierzehnjährigen Schlaf . Der gelbe Vorhang des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern , schwankend und gleitend , die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel . Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich und leise . Plötzlich erschien unter den unwirklichen , hingeträumten Bildern des Vorhanges ein Schatten , dann wurde der Vorhang aufgezogen , das Fenster geöffnet , und eine weibliche Gestalt trat in seinen Rahmen . Dann knirschte das Tor , die Gartentüre kreischte und ein sehr schlanker Herr , fest umhüllt mit dem Mantel , schritt über die Straße . Agathon hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt . Die Luft war lau und unbewegt . Sie verkündete den Frühling . Sie schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem , umwand Baum und Stein , kroch an Häusermauern empor bis zum Mond . Agathon ging hinüber gegen das Fenster , das bei seinem Nahen geschlossen wurde , - langsamer als es geöffnet worden war . In diesem Augenblick fühlte er sich verlassen . Das Schließen des Fensters glich für ihn einer höhnischen Zurückweisung . Er blickte an seinen Kleidern herab , sie waren in schlechtem Stand ; seine Stiefel waren zerrissen . Er ging weiter und die Nacht erschien ihm tot , so daß selbst das Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte . Nach einer Stunde kam er wieder an dasselbe vornehme Haus , vor dasselbe Fenster , und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette lehnte weit heraus , den Kopf auf beide Hände gestützt , spähte hinein ins Finstere , war unbeweglich , und ihr Gesicht erschien bleicher als die bleiche Mauer des Hauses . Agathon blieb stehen und grüßte hinauf . Sie fuhr zusammen , veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen Schrei aus . Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons Namen . Einige Minuten später war er im Zimmer . Sie selbst hatte ihm geöffnet und saß nun vor ihm , während er stand , seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war . Jeanette blickte ihn forschend , überrascht , beinahe unterwürfig an . » Wie geht es dir , Agathon ! « fragte sie . » Was hast du getrieben ? Großer Gott , wie siehst du aus ! Wo kommst du her ? Was hast du erlebt ? Erzähle doch ! « Und Agathon erzählte . Er erzählte von sich und seinem Zigeunerleben und von dem Brand der Kirche so kühl und so gleichmütig , als ob er ein paar Seiten aus einer alten Chronik vorläse . Gerade dadurch vielleicht machte es auf Jeanette einen erschütternden Eindruck . Sie sah ihn an , ihre Augen flammten , ihr Antlitz wurde reiner und stiller . Als er fertig war , klagte er über Hunger und sie brachte ihm zu essen und zu trinken . Plötzlich erblaßte Agathon unter der Glut ihrer Blicke und ließ das Glas wieder sinken , das er an die Lippen führen wollte . Dies schien sie aufzurütteln . Sie lachte und erzählte von ihrem Leben in Paris ; erzählte , daß sie in die Residenz gehen würde , weil der König sie zu sehen wünsche ; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei ; erzählte Episoden , schien begeistert von dem heiteren , bunten Leben , das sie führte , das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot . Es war zuletzt , als ob sie phantasiere , so geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende , Wohlschmeckende dieses Daseins . Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann zu spielen , leicht , duftig , aber auch leichtfertig , endigte mit Mißtönen , die klangen , als ob sich jemand auf die Tasten werfe , schlug krachend den Deckel zu und lachte mit ihrem knirschenden Lachen , nachdem sie sich auf dem Sessel umgedreht hatte . Plötzlich erschien sie wie eine abgehetzte Läuferin . Ihr Kopf war nach hinten gebeugt , ihre Lippen ein wenig geöffnet , die Adern des Halses klopften stürmisch , so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers , die Ellbogen nach rückwärts gestemmt und sah in die Höhe . » Bist du müd ? « wandte sie sich zu Agathon . » Wenn du müd bist , kannst du in dein Zimmer gehen . « Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht . Agathon mußte aufstehen . Sein Herz wurde weit und weiter , hatte nicht Raum mehr . » Ich liebe nämlich die Nacht , « sagte Jeanette . » So sitzt man da und denkt aller seiner Sünden . Liebst du nicht deine Sünden , Agathon ? « Wieder traf ihn ein Blick , der gleichsam aus ihrer geöffneten und stammenden Seele zu kommen schien . » Weißt du , ich möchte dumm sein , « fuhr sie fort . » So dumm , daß ich nicht wüßte , wie man lügt ; so dumm , daß ich Respekt vor den Männern hatte , so dumm , daß ich fromm wäre . Dann würde ich beten . Ich würde beten ... na , das ist gleich . Nun will ich tanzen . Setz ' dich dort in die Ecke . So . « Sie tanzte , indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte . Sie tanzte mit schwermütigen Bewegungen