Schneeball im Rollen wuchs die Bewegung . Schon reute es manchen jungen Mann und manches Mädchen in Halbenau , daß sie neulich die Anträge des Aufseheragenten abgelehnt hatten . Heimlich gingen sie dorthin , wo er neuerdings sein Quartier aufgeschlagen hatte , um sich seine Worte doch noch einmal mit anzuhören . Eines Abends befand sich denn auch Gustav Büttner auf dem Wege nach dem benachbarten Wörmsbach , wo , wie er aus den Zeitungen ersehen hatte , Zittwitz heute sprechen wollte . Gustav hatte daheim keinem Menschen etwas gesagt von seinem Vorhaben . Niemand in Halbenau sollte etwas davon wissen , er wollte sich gänzlich im Hintergrunde halten ; wenn irgend möglich wollte er vermeiden , von dem Agenten selbst gesehen zu werden . Im Gasthof zu Wörmsbach bot sich dem Eintretenden ein ganz anderes Bild dar als neulich in Halbenau . Der Aufseheragent saß auf einem erhöhten Podium , neben ihm ein junger Mann , welcher schrieb . Seinen Vortrag schien Zittwitz bereits gehalten zu haben . Hin und wieder richtete er noch ein Wort der Erläuterung an die Menge oder beantwortete Fragen einzelner , die an ihn herantraten . Er schien von Männern aus der Versammlung unterstützt zu werden , die von Tisch zu Tisch und von Gruppe zu Gruppe mit Zetteln gingen und den Leuten zusetzten , sie sollten unterschreiben . Besonders rührig darin zeigte sich ein gewisser Wenzelsgust , der für gewöhnlich als arbeitsscheues Individuum bekannt war . Dieser Mensch lief hier mit wichtiger Miene geschäftig umher und redete den Leuten zu , sie dürften sich eine solche Gelegenheit zur Arbeit um keinen Preis entgehen lassen . Hin und wieder trat ein Bursche oder ein Mädchen an das Podium und sprach mit dem Agenten . Waren sie handelseinig geworden , dann ließ sich der Schreiber die Personalien angeben , füllte ein Formular aus , und der Neugeworbene setzte seinen Namen unter den Kontrakt . Von Zeit zu Zeit verlas der Agent dann mit lauter Stimme die Namen und knüpfte daran Worte der Ermunterung an die , welche noch zauderten . Doch spielte sich nicht alles so ruhig und geschäftsmäßig ab . Starke Gefühle , Leidenschaften und Triebe arbeiteten versteckt unter anscheinender Ruhe und Stumpfheit in dieser Menge . In Gustavs Nähe stand eine alte Frau und ein junges Mädchen . Wie aus ihren Worten zu merken , war die Greisin die Großmutter des kaum sechzehnjährigen bildhübschen Dinges . Die Alte hatte Tränen in den Augen und redete voll Eifer auf die Enkelin ein . Die blieb stumm und blickte mit einem gewissen verinnerlichten Trotz in ihren kindlichen Zügen nach dem Podium hinüber , wo eben neue Sachsengänger sich meldeten . » Ne , Guste ! « sagte die alte Frau mit zitternder Stimme , das Mädchen mit ihrer runzeligen Hand liebevoll tätschelnd , » de werft uns buch su was ne oantun wellen . Was sillte denn aus dan kleenen Kingern warn , dernoa ! Gieh ! Bleib ack bei uns , Guste ! Weeß mer denne , wie ' s da draußen sen mag . « Dann sah sich die Greisin hilfesuchend im Kreise um : » ' s is ane Sinde und ane Schande , su a Madel mitnahmen ! « Und sich dem Mädchen wieder zuwendend : » Gleb mirsch , Guste , dir wird ' s ei der Fremde bange wern nach der Heemde . « In geschwätziger Greisenart erzählte sie jedem , der es hören wollte , von ihrer Not . Ihre Tochter , die Mutter des Mädchens , lag schon im siebenten Monat ans Bett gefesselt . Der Schwiegersohn war als Steinmetzger im Gebirge , hatte einen Haufen kleiner Kinder . Und nun wollte die Guste auch noch fort , welche bisher die Stütze des ganzen Haushalts gewesen war . » Raden Sie er ack zu ! « bat sie die Umstehenden . » Uf mich Altes tut se ne hieren . Se soit , se will sich a Sticke Geld verdiene mit a Riebenhacka . Ich ha ' gesoit , iber se gesoit ha ' ich : Guste , ' s is duch ane Sinde un ane Schande , su a Madel , su a jung ' s Madel alleene ei de Fremde losa . Was sull denne aus uns warn hernach ' n. « Die Greisin blickte in hilfloser Verzweiflung von einem zum anderen . Während sie noch ihr Leid klagte , war die Enkelin unvermerkt von ihrer Seite gewichen . Bald darauf sah man ihr rotes Kopftuch in der Nähe des Podiums , und nach einiger Zeit verlas der Agent ihren Namen unter den Angeworbenen . Gustav erlebte mit Staunen , wie flott hier das Geschäft des Werbers ging . Freilich in Wörmsbach lagen die Verhältnisse auch anders als in Halbenau . Wörmsbach und seine Bewohner genossen nicht gerade den besten Ruf in der Nachbarschaft . Hier hatte es ursprünglich viele wohlhabende und selbständige Bauern gegeben . Eine Zeitlang nahm der Ort einen Aufschwung , der die Nachbardörfer in Schatten stellte . Aber die junge Generation hatte angefangen , auf dem ererbten Wohlstande auszuruhen . Das Spiel , der ärgste Verderber des Bauern , war aufgekommen , und der Trunk hatte sich dazu gesellt . An Stelle des Reichtums trat die Überschuldung . Die Güter der Bankrottierer kamen unter den Hammer und wurden zerkleinert . In keinem Orte der ganzen Umgegend spielte die Güterschlächterei und der Bodenschacher eine solche Rolle wie in Wörmsbach . Samuel Harrassowitz aus der Kreisstadt war hier kein Unbekannter . An einem Tische für sich saß eine Anzahl Männer , die sich durch ihre Kleidung von den Dorfleuten abhoben . Der Gendarm mit einem geraden schwarzen Schnurrbart , neben ihm ein dicker Mann mit rotem Vollbart im braunen Lodenrock - in dem Gustav einen der Inspektoren der Herrschaft Saland wiedererkannte - dazu zwei Leute in Jägertracht , gräfliche Revierförster . Gustav erfuhr von einem neben ihm stehenden jungen Manne , weshalb die Beamten hier seien . » Zum Uffpassen ! « Neulich