vergaß beinahe , was ihn quälte , wenigstens solange die Lektüre dauerte . Die wirklichen Hergänge waren sehr zu seinen Gunsten ausgeschmückt ; er habe sich , so hieß es in zwei fast gleichlautenden Berichten , an dem Blitzableiter herablassen wollen , um dann , unten angekommen , Hülfe für das unglückliche Fräulein herbeizuschaffen ; als er aber in die Feuerregion des brennenden Turmes gekommen sei , habe sich ein weiteres Hinabgleiten an der nach unten zu schon halb glühend gewordenen Eisenstange verboten , und er sei wieder mit ebensoviel Mut und Kraft wie Geschicklichkeit hinaufgeklettert . Er las dies und sagte sich , daß er nach dem allen notwendig der Held des Tages sein müsse . Der Held ! Und wie wenig heldisch war ihm zumute . Er fühlte , daß seine Nerven zu versagen drohten und daß er in Krankheit oder geistige Störung fallen würde , wenn es ihm nicht gelänge , das , was er gestern vergeblich in die rechten Wege zu leiten gesucht hatte , noch heute zum Abschluß zu bringen . Daß Ebba wieder gesund sein werde , war nicht anzunehmen ; aber doch die Prinzessin , was auch eigentlich wichtiger war . Alles , was sie seit vorgestern durchzumachen gehabt hatte , war doch nur etwas vergleichsweise Geringes gewesen , und wenn sie , wie sehr wahrscheinlich , wieder außer Bett war , so mußte sie ihn hören und über ihn entscheiden . » Und über mich entscheiden , das heißt mein Glück besiegeln , denn sie ist gütig und in ihren Anschauungen unbeengt . « Ja , so sollte es sein , und um zehn Uhr war er auch schon wieder im Palais , wo er zu seiner unendlichen Freude vernahm , daß die Prinzessin eine leidlich gute Nacht gehabt habe . Durch eben dieselbe Kammerfrau , mit der er schon gestern gesprochen , ließ er anfragen , ob Königliche Hoheit seine Gegenwart zu befehlen geruhe . Und gleich danach trat er bei ihr ein , denn sie hatte ihn wissen lassen , sie wünsche dringend , ihn zu sprechen . Das Zimmer war dasselbe , darin er , gleich am Tage nach seiner Ankunft , seine erste Audienz bei der Prinzessin gehabt hatte . Da hing noch das große Bild König Christians VIII. und gerade gegenüber das des verstorbenen Landgrafen , der Flor um den Rahmen noch grauer und verstaubter als damals . Auf dem Sofa , unter dem Bilde des Königs , saß die alte Dame , verfallen und zusammengeduckt , von Prinzessin nicht viel und von Esprit fort keine Spur . Es war ersichtlich , daß sie - wenn auch von ihrer eigentlichen Krankheit so gut wie genesen - den Schreck und die Aufregung der letzten Frederiksborger Stunden noch keineswegs überwunden hatte . Jede Spannkraft fehlte , das Auge war matt und müde . » Das war eine schlimme Nacht , lieber Holk . Sie sehen mich noch unter der Nachwirkung von dem allen . Und doch , was bedeutet es neben dem , was Sie durchzumachen hatten . Und Ebba mit Ihnen . Ein Wunder , daß Sie gerettet wurden , wie man mir übrigens erzählt hat , durch Ihre Geistesgegenwart . Ich habe Sie sehen und Ihnen bei der Gelegenheit aussprechen wollen , wie groß meine Dankbarkeit ist . Solche Dinge bleiben unvergessen . Und nun gar erst von seiten Ebbas selbst . Sie kann Ihnen dies nie vergessen und wird sich Ihnen , dessen bin ich sicher , durchs Leben hin verbunden fühlen . « Es waren dies Worte , die , nach ihrem Inhalte , für Holk und alles das , was schon auf seiner Lippe zitterte , nicht glücklicher gewählt sein konnten , und einen Augenblick stand er auch wirklich auf dem Punkte , an die Prinzessin heranzutreten und unter Wiederholung und Ausdeutung ihrer eigenen Worte sein Herz vor ihr auszuschütten und seine Pläne sie wissen zu lassen . Aber sosehr der Inhalt der Worte dazu auffordern mochte , nicht die Haltung der Prinzessin , nicht der Ton , in dem ihre Worte gesprochen waren . Alles klang beinahe leblos , und Holk , so stark seine Seele nach Gewißheit und Abschluß drängte , fühlte doch deutlich , daß dies nicht der denkbar beste , sondern umgekehrt eher der denkbar schlechteste Moment für sein Geständnis sein würde . Von der freigeistigen Prinzessin , die sonst ein Herz oder doch mindestens ein Interesse für Eskapaden und Mesalliancen , für Ehescheidungen und Ehekämpfe hatte , war in der alten Dame , die da vollkommen greisenhaft unter dem feierlichen Königsbilde saß , auch nicht das geringste mehr wahrzunehmen , und was statt dessen aus ihrem eingefallenen Gesicht herauszulesen war , das predigte nur das eine , daß bei Lebenskühnheiten und Extravaganzen in der Regel nicht viel herauskomme und daß Worthalten und Gesetzerfüllen das allein Empfehlenswerte , vor allem aber eine richtige Ehe ( nicht eine gewaltsame ) der einzig sichere Hafen sei . Holk hätte die Schrift gern anders entziffert , es war aber nicht möglich und verbot sich in so hohem Grade , daß er , statt irgendwelche Confessions zu machen , sich darauf beschränkte , die Prinzessin um einen mehrtägigen Urlaub anzugehen . Ein klarer Plan stand ihm dabei keineswegs vor der Seele , so wenig , daß er auf eine diesbezügliche Frage nicht Antwort gewußt hätte ; die Prinzessin aber , von Anfang an nur von dem Verlangen erfüllt , sich baldmöglichst wieder in ihr Cabinet zurückziehen zu können , verzichtete gern auf neugierige Fragen und gewährte huldvoll , um was sie gebeten war . Und nun noch ein gnädiges Kopfnicken , und die Audienz , wenn man ihr diesen Namen geben durfte , war zu Ende . Neunundzwanzigstes Kapitel Als Holk um Urlaub gebeten , hatte nur das eine für ihn festgestanden , daß etwas geschehen müsse . Nun war er beurlaubt , und im selben Augenblicke war auch die Frage da : was soll nun geschehen ? Aussprache mit Ebba , sosehr er