Religion selbst von sich sagt , nicht was andere von ihr aussagen . « Die Köchin , eine rundliche , von der Natur gebräunte Person in der Tracht einer slowakischen Bäuerin , trug nun zwei oder drei genügende Gerichte auf , deren Anordnung von bescheidenem und verständigem Sinne Zeugnis gab , fern von aller Großtuerei . Auch der Wein , den Wohlwend einschenkte , war ein schmackhafter , jedoch keineswegs teurer Siebenbürgener , offen aus dem Fasse gezapft ; feinere Flaschen standen nicht bereit . » Diesen Wein hab ich schon von Haus kommen lassen , trink nur genug davon , er schmeckt immer besser und macht nichts ! « fügte er bei . Salander erstaunte beinah über das bürgerlich solide Wesen , welchem das Gebet vorausgegangen , während das Mitführen der Dienerin in fremder Volkstracht diesem Wesen wiederum einen fast vornehmen Anstrich verlieh . Wohlwend setzte aber sein Gespräch fort . » Du hast dich sehr gut ausgedrückt in deiner Weise , in Betreff der religiösen Kindererziehung ! Ich möchte aber einen Schritt weiter gehen und sagen , haben wir ' s erst auf diesen Standpunkt gebracht , so wollen wir die idealere Anschauung auch für uns Alte beibehalten oder wieder aufnehmen , wir tragen ja nicht schwer daran ! « Wenn ich nur wüßte , was er will ! dachte Salander , und verlor darüber einige Worte Wohlwends , fand sich aber ungefähr zurecht , als dieser fortfuhr : » Ja , Freund ! Ich bin überzeugt , daß ihr bei der Aufrichtung des unmittelbaren Volkswillens , die ihr glorreich vollzoget , eine große Sache übersehen , sozusagen rein vergessen habt ! Die Religion habt ihr links liegen lassen und die Kirche vor den Kopf gestoßen , statt die Geistlichkeit ins Interesse zu ziehen ! Das wird sich rächen ! « » Wer hat denn der Religion oder vollends den Geistlichen etwas getan ? « fragte Salander , » ich wenigstens , der nicht dabei gewesen , weiß nichts davon ! « » Es ist genug getan , wenn man tut , als ob sie nicht da wären , und es ist jammerschade um die Möglichkeit , den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten ! « Salander rief lachend : » Den Gottesstaat der Neuzeit zu errichten ? Du sprichst ja in Jamben ! So wollen wir auch damit fortfahren ! Weißt du noch , wie Schillers Don Carlos schließt ? Nicht ? Kardinal , ich habe das Meinige getan , tun Sie das Ihre ! So wird das Stück immer wieder schließen ! « » Und ich werde nicht ruhen und meine Idee an den Mann zu bringen suchen ! « entgegnete Wohlwend , für welchen Salanders Zitat unbrauchbar war , da er den Don Carlos nie ausgelesen hatte . » Ich könnte viel Versäumtes nachholen und mich gegen den Lebensabend hin vielleicht dem Vaterlande noch nützlich machen ! « Das wird ja immer merkwürdiger ! dachte Salander , er kommt , eine theokratische Bewegung auf unsere Demokratie zu pfropfen , das hat natürlich gefehlt , deswegen haben wir sie ausgebaut ! Aber die Narrheit , die er diesmal aushängt , ist ungleich großartiger als die früheren Schnurren ; hoffentlich ist es der Konkurs , vor dem er diesmal flieht , nicht im selben Maße ! Allein das ist ' s doch nicht , sonst würde er nicht alte Schulden bezahlen ! Am Ende ist es der reine Übermut , da er nun versorgt ist ; er will auch seine Rolle spielen , und weil ihm nichts anderes zur Hand liegt , hat er sich irgendeiner missionierenden Sekte angeschlossen und macht den Apostel ! Wohlwend hielt indessen wirklich eine Art Predigt , welche Salander in seiner Zerstreutheit gar nicht vernahm . Das übrigens leere Wortgeräusch diente nur dazu , seine Aufmerksamkeit noch mehr einzuschläfern , und auch seine Gedanken verloren sich aus dem Gesichte , wie wenn ein Nebeldunst zwischen sie träte . Um zu wissen , wo er sich eigentlich befinde , blickte er auf und sah gegenüber das Antlitz des Fräulein Myrrha , deren elegisch bewimperte Augen ihn betrachteten und deren Lippen sich mit einem anmutigen Lächeln öffneten , weil seine überraschten Züge ihren Ausdruck änderten . Da sein Glas leer stand , ergriff sie eine Flasche und füllte es , worauf er das Gefäß nahm und ihr ebenfalls einschenkte . Bei der Gelegenheit ließ er sein Glas mit dem ihrigen bescheiden zusammenklingen und trank auf ihre Gesundheit , wobei der Abglanz eines jungen Glücksgefühls über seine Gesichtshaut wallte und die Fältchen derselben sich gleich kleinen Schlänglein winden , strecken und krümmen ließ und beinahe den Eindruck gutmütiger Torheit hervorbrachte . Wohlwend bemerkte den Vorgang und hielt inne mit seiner Rede . » Halt , « sagte er , » wir müssen zum Anstoßen einen bessern Tropfen nehmen ! « Er ging hinaus und holte nun doch eine Flasche Tokaier herbei , dessen Gold den mäßigen Martin Salander mit wohliger Wärme durchströmte und in seinem Munde zu fröhlichen Worten wurde , wenn auch nicht zu Worten der Weisheit , denn er sprach für die schönen Ohren der Myrrha Glawicz , ohne zu wissen , was in dieselben einging oder ihnen gefallen konnte , und da sein eigenes Licht wie in einem Luftzuge flackerte , wurde auch der Zusammenhang und Sinn seines Redens nicht recht erkennbar . Doch blieb es unbeachtet , weil durch das unverhoffte Ende von Wohlwends Predigt und das heitere Wesen Salanders sich eine Art Munterkeit einstellte und selbst die Knaben laut wurden . In solchem Tumültchen wandelte Martin plötzlich die Lust an , der Familie um der schönen Genossin willen auch eine Ehre anzutun und sie zu einer Spazierfahrt einzuladen . Er nahm eine Karte aus dem Carnet und schrieb für den Fuhrherrn , dessen Kunde er in Fällen des Bedürfnisses war , die Bestellung eines guten Wagens darauf . Louis Wohlwend , angenehm berührt , erklärte feierlich , die Einladung anzunehmen , und sandte die Knaben mit der Karte weg , sie