Klugheit und für ihren eigenen Vorteil zu denken und zu handeln , lernen sie leicht ; aber sich dem Ganzen anzupassen , daß ihr Dasein mit jenem der Mitmenschen und jenem der Außenwelt im allgemeinen stimme , das findet sich viel schwerer . Es ist einmal so . Das erste und allererste Lebenszeichen , welches in dem jungen Menschenkinde die aufkeimende Seele von sich gibt , ist die Offenbarung der Selbstliebe . Ob Menschenliebe daraus wird oder Selbstsucht , das entscheidet die Anlage und die Erziehung . Wer Kinder zu starken und rechten Menschen machen will , der pflege in ihnen die harmlosen Freuden , den Mut , das Gerechtigkeitsgefühl und die Wahrheitsliebe . - Mehr braucht es nicht , möchte ich fast sagen . Waldlinie im Schnee Im Winter 1830 . Uns ist ein Stein vom Herzen . Das Unwetter hat sich gelegt . Ein ganz leichter Wind ist gekommen , hat die Bäume sachte von ihren Lasten erlöst . Ein paar mildwarme Tage sind gewesen , da hat sich der Schnee gesetzt und man kann mit Fußleitern gehen , wohin man will . Es hat sich in dieser Zeit aber doch etwas zugetragen drüben in den Karwässern . Der Berthold , dessen Familie von Jahr zu Jahr wächst und von Jahr zu Jahr weniger zu essen hat , ist ein Wilderer geworden . Der Holdenschlager versteht es besser , als unsereiner , der ein weichmütiger Spiegelfechter ist sein Lebtag lang . Arme Leute dürfen nicht heiraten , sagt der Holdenschlager . Nun , nach Sitte und Brauch haben sie nicht geheiratet , aber vor mir sind sie gekniet im Walde ... und - jetzt hungern sie allmiteinander . Meinetwegen ? Nein , nein , mein Segen bedeutet ja nichts . O Herrgott , dein ist die Macht und mich lasse nicht noch einmal versinken in Schuld ! Ist also ein Wilderer geworden , der Berthold . Das Holzen wirft viel zu wenig ab für eine Stube voll von Kindern . Ich schicke ihm an Lebensmitteln , was ich vermag ; aber das genügt nicht . Für das kranke Weib eine kräftige Suppe , für die Kinder ein Stück Fleisch will er haben und schießt die Rehe nieder , die ihm des Weges kommen . Dazu tut die Leidenschaft das ihre , und so ist der Berthold , der vormaleinst als Hirt ein so guter , lustiger Bursch gewesen , durch Armut , Trotz und Liebe zu den Seinigen , und durch Torheit anderer recht sauber zum Verbrecher herangewachsen . Einmal schon bin ich bittend vor dem Förster gelegen , daß er es dem armen Familienvater um Gottes willen ein wenig , nur ein klein wenig nachsehen möge , er werde sich gewiß bessern und ich wolle mich für ihn zum Pfande stellen . Bis zu diesen Tagen hat er sich nicht gebessert ; aber das Geschehnis dieser wilden Wintertage hat ihn laut weinen gemacht , denn seine Waldlilie liebt er über alles . Ein trüber Winterabend ist es gewesen . Die Fenster sind mit Moos vermauert ; draußen fallen frische Flocken auf alten Schnee . Berthold wartet bei den Kindern und bei der kranken Aga nur noch , bis das älteste Mädchen , die Lili , mit der Milch heimkehrt , die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln muß . Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt ; und kommt die Lili nur erst zurück , so will der Berthold mit dem Stutzen in den Wald hinauf . Bei solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen . Aber es wird dunkel und die Lili kehrt nicht zurück . Der Schneefall wird dichter und schwerer , die Nacht bricht herein und Lili kommt nicht . Die Kinder schreien schon nach der Milch , den Vater verlangt schon nach dem Wild ; die Mutter richtet sich auf in ihrem Bette . » Lili ! « ruft sie , » Kind , wo trottest denn herum im stockfinsteren Wald ? Geh ' heim ! « Wie kann die schwache Stimme der Kranken durch den wüsten Schneesturm das Ohr der Irrenden erreichen ? Je finsterer und stürmischer die Nacht wird , je tiefer sinkt in Berthold der Hang zum Wildern und desto höher steigt die Angst um seine Waldlilie . Es ist ein schwaches , zwölfjähriges Mädchen , es kennt zwar die Waldsteige und Abgründe , aber die Steige verdeckt der Schnee , den Abgrund die Finsternis . Endlich verläßt der Mann das Haus , um sein Kind zu suchen . Stundenlang irrt und ruft er in der sturmbewegten Wildnis ; der Wind bläst ihm Augen und Mund voll Schnee ; seine ganze Kraft muß er anstrengen , um wieder zurück zur Hütte gelangen zu können . Und nun vergehen zwei Tage ; der Schneefall hält an , die Hütte des Berthold wird fast verschneit . Sie trösten sich überlaut , die Lili werde wohl bei dem Klausner sein . Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag , als der Berthold nach einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelände die Klause vermag zu erreichen . Lili sei vor drei Tagen wohl bei dem Klausner gewesen und habe sich dann beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht . » So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben , « sagt der Berthold . Dann geht er zu anderen Holzern und bittet , wie diesen Mann kein Mensch noch so hat bitten gesehen , daß man komme und ihm das tote Kind suchen helfe . Am Abende desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden . Abseits in einer Waldschluch , im finsteren , wildverflochtenen Dickichte junger Fichten und Gezirme , durch das keine Schneeflocke vermag zu dringen , und über dem die Schneelasten sich wölben und stauen , daß das junge Gestämme darunter ächzt , in diesem Dickichte , auf den dürren Fichtennadeln des Bodens , inmitten einer Rehfamilie von sechs Köpfen ist die liebliche , blasse Waldlilie gesessen . Es ist ein sehr wunderbares Ereignis . Das Kind