Sarges auf seinen Knien lag , da fühlte ich den alten Mut und die gewohnten Kräfte wieder in mir aufgelebt . Es war , als ob ein Sonnenstrahl sich durch bleiernen Winternebel kämpft ; nur eine Sekunde lang ; bald umfängt uns wieder der nächtliche Schatten . Aber wir haben uns des unvergänglichen Lichtes dort oben erinnert . Eine plötzliche Hoffnung durchzuckte mich . Ob der Anblick des geliebten Mannes nicht den erlahmten Sinn der Mutter wecken sollte ? Der herbeigerufene Arzt zeigte kein Bedenken gegen den gewagten Versuch , aber auch keine Hoffnung auf sein Gelingen . So wurde denn der Sarg in das Zimmer getragen und an Stelle des Sofas , wo der Geschiedene so oft der Ruhe gepflogen , niedergelassen . Der Mantel bedeckte die steifen Glieder , der Kopf lag geneigt wie im friedlichen Schlummer . Auf meinen Armen trug ich die Kranke wie ein hilfloses Kind aus der Kammer und gab ihr dem Sarge gegenüber einen Platz . Mit welcher Spannung ich in ihren Zügen forschte ! Ach die starren Blicke richteten sich wohl mechanisch auf des Toten Gesicht , aber kein Zucken verriet eine Freude oder einen Schmerz , nicht das leiseste Zeichen , daß sie ihn erkannte , daß sie ihn nur sah ! Das Herz war tot , vielleicht schon jenseits bei ihm ; nur das Blut wallte noch in der entseelten Maschine . Wie lange Zeit , ob Stunden , ob Jahre ! Der Arzt zuckte schweigend die Achseln , als mein trostloser Blick ihm diese Frage stellte . Wir richteten nun die Kranke in meinem Dachzimmer ein , um die unteren Räume für den Toten frei und still zu halten . Peinvolle Verabredungen wegen der Bestattung mußten getroffen werden . Der alte Soldat hatte keinen Kameraden am Ort , der ihm das Ehrengeleit zu seiner Ruhestätte geben konnte , der letzte Reckenburg keinen Sohn , keinen Blutsverwandten , welcher die erste Handvoll Erde auf seinen Hügel rollen ließ . Seine Tochter aber sollte ihm auf dem letzten Gange nicht fehlen . Daß dieser Gang möglichst still und unbemerkt geschähe , wählte ich eine abendliche Stunde , und traf der gute Taube in diesem Sinne die erforderlichen Vorkehrungen . Er selber grub bis in die Nacht hinein mit dem ehrlichen Diener das Grab , für welches sich ein Raum neben der Faberschen Erbstätte gefunden hatte . Die alten Hausgenossen sollten auch unter der Erde beieinanderbleiben . Erst nachdem dieser wehmütige Freundschaftsdienst beendet war , machte sich Taube auf den Weg , dem Freunde im Kloster die Trauerbotschaft zu bringen , bei ihm zu nächtigen und dann am Morgen sein altes Schuldorf wiederzusehen . Sobald er am Abend von der Begräbnisfeier zurückkehren würde , sollte dann die Heimfahrt angetreten werden , Freund Purzel ihn begleiten . Der arme Schelm war , nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte , halb und halb zu der reumütigen Erkenntnis seiner Fahnenflucht gelangt . » Ich bin nicht ausgerissen , Fräulein Hardine , « sagte er schluchzend , » bloß versprengt . Und meine Wunde ist auch nicht zum Sterben , wie ich dachte , bloß ein Ritz . Nur meinen Herrn Major zur Ruhe , dann suche ich das Regiment und lasse mich totschießen wie er . « Taube hatte während der Herfahrt erkundet , daß die Vortruppen von Saalfeld sich nordwärts auf das Gros des Hohenloheschen Korps zurückgezogen und mit diesem Stellung bei Jena genommen hatten . Dort war demnach das Regiment aufzufinden . Mehrfältigen Aussagen nach hielten jedoch die Feinde bereits den Saalpaß bei Kösen besetzt , und so mußte man sich zu einem Umwege durch das Unstruttal entschließen . Welches unselige Verhängnis unserer Armee drohte , wenn jene feindliche Umgehung sich bewahrheitete , durch welche gröbliche Irrungen sie möglich geworden war , daran sollten wir nur zu bald jammervoll gemahnt merden ; in jenen ersten Stunden persönlichen Schmerzes fehlte uns der Vorausblick in die allgemeine Lage . Christlieb Taube hatte den Weg zum Kloster angetreten , die Magd , nach der Unruhe der verwichenen Nacht , früh ihr Bett gesucht ; Purzel hielt Wache , das heißt , der arme , übermüdete Mensch schlief selbst wie ein Toter neben dem Sarge seines lieben Herrn . Im Hause herrschte Leichenstille . Ich saß allein am Bette der Mutter , ob minuten- oder stundenlang , ich weiß es nicht . Das Bewußtsein der Verwaisung war in dieser stillen Einsamkeit zum erstenmal deutlich in mir aufgetaucht . Der Verwaisung ! Denn das Herz , das unempfindlich neben mir pulsierte , war ja nicht das einer Mutter mehr , und keiner ermißt die Ödigkeit dieses Bewußtseins , als der , welchem , wie mir , mit dem zurückleitenden Faden das einzige Band des Gemüts zerreißt . Ich war dreißig Jahre alt , ohne Geschwister , ohne Hoffnung auf ein kommendes Geschlecht , die Letzte meines Bluts und Namens , vor mir , neben mir , hinter mir alles leer - - ja in Wahrheit , ich war eine Waise . Und dann , ich war arm ; wie auch die Zukunft sich gestalten mochte , im Augenblick bitterlich arm . Für meine eigene Person würde ich darin kaum ein Lebenshemmnis gefunden haben . Ich hatte meinen Posten auf Reckenburg , und mußte ich eines Tages von ihm weichen , » so gehe ich als Kolonistin in einen Hinterwald Amerikas , « hatte ich mehr als einmal lachend dem Propste geantwortet , wenn er in mich drang , die Gräfin an ihre Pflichten gegen mich zu erinnern . In meiner gegenwärtigen Stimmung würde ich leicht aus dem Scherze Ernst gemacht , jedenfalls in einer größeren ländlichen Verwaltung meinen Platz gefunden haben . Im Hinblick auf die Mutter , die ich in ihrer langsamen Agonie nicht verlassen konnte , wurde die Armut zu einer drückenden Sorge . Die Veränderung meiner Lage war indessen zu neu und erschütternd , als daß ich sie mit klaren Gedanken hätte durchdringen mögen . Nur wühlend und brütend schlichen die Vorstellungen an meiner