nicht immer mehr und lieber damit beschäftigt hätte . Auch die Freundlichkeit der alten Stigerin , die man fast eine mütterliche nennen konnte , begann sie für einen Beweis zu halten , daß die gute Frau sich mit dem Gedanken , sie einmal als Stighofbäuerin zu sehen , schon ein wenig vertraut gemacht habe . Dorothee hatte wirklich nicht ganz unrecht . Wenn die Stigerin das Mädchen weit weniger gern gehabt hätte , als das wirklich der Fall war , so hätte Hansens Rede doch genügt , sie an ihre Pflicht als Erzieherin zu erinnern und das Glück des Kindes ihr zu einer Gewissenssache zu machen . Freilich wär ' ihr jetzt jedes erlaubte rechtliche Mittel , Dorotheen aus dem Hause und mithin Hansen aus dem Gerede zu bringen , fast um keinen Preis zu teuer gewesen . Aber in Unehren sollte sie nicht aus dem Hause , da sie doch entweder unschuldig an allem war , was man sagte , oder gewiß auch Hansen sein Teil an allem zufiel . Nein , unglücklich werden für immer nur eines Geredes wegen durfte die nicht , welcher Mutter zu sein die Stigerin einmal gelobt hatte . Lieber wollte sie Hansen mit dem Mädchen , das an und für sich gewiß so gut als eine zu ihm gepaßt hätte , vor den Altar treten sehen , wie sehr das auch immer gegen ihre Rechnungen sein mochte . Glücklich mußte Dorothee werden , nur , wenn ' s menschenmöglich war , nicht gerade um den allerhöchsten Preis ; denn näher noch als das angenommene lag ihr doch noch immer das eigene Kind am Herzen , ihr einziger Sohn , den sie fast zu enterben glaubte , wenn sie keinen anderen Ausweg als eine Verehelichung der beiden zu finden imstande war . Aber noch weniger als bei der Mutter tat die Predigt und taten die durch selbe gutgeheißenen Verleumdungen bei Hansen die Wirkung , die der Krämer ganz bestimmt erwartet hatte . Erst nachdem es Hansen von allen Seiten vorgehalten wurde , daß nur er und die Magd gemeint , sogar zum Greifen deutlich gezeichnet worden seien , ward er recht fest und sagte mit Stolz , daß er dem Übel leicht abhelfen könne , wenn Dorothee gar so gern Stigbäuerin werden möchte . Ja , nun trotzte Hans aller Welt , daheim aber , wo er die so unschuldig Verfolgte so sicher und doch auch so demütig ihre Wege gehen und die vielen Arbeiten verrichten sah , konnte er zuweilen recht weich werden . Nein , die sollte man ihm nicht mehr nehmen ! Diese Freude sollte dem Neid und dem Eigennutz nicht werden ! Eine Angelika fand er doch nicht wieder , und da gab es nichts Besseres , als dieses edle Wesen so hoch und frei zu stellen , als er ' s konnte und als sie an innerem Wert über den meisten stand . Nach der Kirchweih war Hans dem Mädchen gegenüber gewesen wie ein Bürschlein , welches das der Mutter geholte Öl verschüttete . Wie dieses eine halbe Stunde zu spät mit den sorgfältig zusammengelesenen Scherben des Kruges , kam er mit seinen Klagen gegen den Knecht heim . Dorothee war seine Richterin , und erst die Versöhnung mit ihr gab ihm auch den Frieden mit sich selbst wieder . Schon stand jetzt das Mädchen so hoch , daß er eifersüchtig werden konnte , und als er sie nun gar seinetwegen verleumdet sah , stand sein Entschluß , sie zu heiraten , damit die Plagerei doch einmal ein Ende habe , so fest , daß sich alle darüber wunderten , die ihn einmal seine Abneigung gegen den Ehestand aussprechen hörten . Dorotheen war jetzt wunderbar zumute . Es kam alles so unerwartet , daß sie weder recht daran glauben noch sich darüber freuen konnte . Es war freilich ein großes Glück für sie und die armen Ihrigen . Aber es war ihr , wie es einem sein müßte , der auf einen Berg getragen würde . Ließe man ihn droben auf der furchtbaren Höhe , rings von Abgründen umgähnt , plötzlich allein , so käm ' er gewiß nicht dazu , sich an der herrlichen Aussicht zu erfreuen . Ach , auch sie sah rings um sich neidische Aufpasser , geldstolze Basen und Unheilstifter aller Art. Sie war eben nicht durch sich selbst auf diese Höhe gekommen , sondern nur durch ein Zusammenwirken von Umständen , die ihr jeden Augenblick wieder untreu werden konnten . Auch andere dienten so treu wie sie , ohne solchen Lohn zu erhalten . Jos tat dem Hofe so viel , und nun lag er daheim . Wohl sagte sie sich , daß ja Hans neben ihr stehen würde auf der stolzen Höhe ; aber wie lieb und recht ihr auch der Bursche war , so konnte sie doch kein solches Vertrauen zu ihm gewinnen , daß sie ganz ruhig wurde . Besonders quälte es sie , wenn sie aus seinen Reden etwas wie Trotz gegen den Kaplan und gegen alle , die fürs ganze Dorf Wetter machen wollten , herausklingen hörte . Jene Predigt machte ihr noch viel Kopfweh , und immer häufiger fragte sie sich , ob sie denn auch wirklich von jenen herben Vorwürfen so frei sei , als sie anfangs glaubte . Sie fand freilich nichts , und doch wollte ihr Gewissen nie ruhig werden . Ach , wie gern hätte sie bei jemandem um Rat fragen und einmal alles in ein vertrautes Herz ausschütten mögen ! Aber an wen sollte sie sich wenden ? Sie dachte zuerst an Jos , aber nur um heftig den Kopf zu schütteln , ohne daß sie sich noch sagte , warum das nicht gehen werde . Den Rat des Vaters aber und all der Ihrigen konnte sie sich denken . Diese Leute hatten nie ein Verständnis für ihre Gedanken und Gefühle . Die Not hatte sie hart und geldgierig gemacht . Ja , die Not ! Aber nun konnte sie ja helfen und