Nacht . Gute Nacht . Die Thür wurde aufgeschlossen . Auf Wiedersehen ! flüsterte Oswald , noch einen Kuß auf Helenens Hand drückend . Auf Wiedersehen ! flüsterte Helene . Im nächsten Augenblick war sie im Hause verschwunden . Ohne recht zu wissen wie , war Oswald in die Stadt zurückgekommen . Wo die Marktstraße auf den Markt mündet , in dem großen Eckhause , waren die Fenster hell erleuchtet ; Wagen auf Wagen rollte vor die Thür ; geputzte Damen und Herren stiegen aus und verschwanden im Portale . Als Oswald , dicht an den Häusern hinschreitend , in unmittelbarste Nähe der Thür gekommen war , fuhr eben wieder ein Wagen vor . Der Kutscher parirte die feurigen Thiere zu gewaltsam , und der Bediente , der eben in Begriff stand , vom Bock zu springen , wurde unsanft auf die Erde geschleudert . Er raffte sich sogleich wieder auf , aber der Schmerz mußte gar groß sein ; er blieb wie betäubt stehen . Oswald , der eine einzelne Dame im Coupé bemerkt hatte , die schon , des Oeffnens der Thür harrend , aufgestanden war , griff nach dem Drücker , öffnete die Thür , und die Dame , ihre kleine weißbehandschuhte Hand ahnungslos auf seinen Arm legend , schwebte in einer Wolke von Mousselin und Spitzen herab . In diesem Augenblick , wo das Licht aus dem Portale hell auf Beide fiel , stieß die Dame einen leisen Schrei aus , Oswald mit großen Augen anstarrend . Eine glühende Röthe ergoß sich über ihr Gesicht . Ihre Augen flammten auf - es mochte unentschieden bleiben , ob in Liebe oder Haß . Ihre Lippen zuckten , - augenscheinlich hatte die plötzliche Ueberraschung sie gänzlich überwältigt . Der Bediente , der mit dem Hut in der Hand herangehinkt kam , lös ' te den Zauber . Verzeihen Sie , gnädige Frau - begann der Mann . Ueber Oswalds Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln . Ich gratuliere , gnädige Frau , sagte er leise , ihr die Hand bietend , sie die Stufen hinaufzuführen . Oswald fühlte , daß die schlanken Finger sich sehr fest in die seinen legten . Sie haben es ja gewollt , flüsterte sie ; und jetzt war es entschieden , daß die großen , grauen Augen nicht Haß , sondern Liebe blickten . Besten Dank ! Lassen Sie sich doch einmal bei mir sehen . Ich garantire , daß Cloten Sie freundlich empfangen wird . Sie waren auf der letzten Treppenstufe angelangt . Oswald verbeugte sich . Also auf Wiedersehen , Herr Doctor ? Auf Wiedersehen ! Die junge Dame rauschte in das Portal . Oswald stieg die Stufen hinab , an dem lahmen Bedienten vorüber , der , sich noch immer die Kniee reibend , seinen improvisirten Collegen verwundert anblickte . Emilie von Breesen , murmelte Oswald , indem er weiter schritt ; die reizende Emilie - Frau von Cloten ? Und blos , weil ich es gewollt ? Und wenn ich es nun nicht will , nicht länger will ? Was dann ? Einundzwanzigstes Capitel In den nächsten acht Tagen waren die letzten Krähen aus den Wäldern in die Stadt gekommen und hatten ihre Winterquartie in den Kirchthürmen bezogen ; auch behauptete man in gut unterrichteten Kreisen , daß von den adeligen Familien , die den Winter in Grünwald zu residiren pflegten , keine von einiger Bedeutung mehr draußen sei . Das regere Leben , das auf einmal in der sonst so stillen Stadt sich bemerklich machte , bewies das zur Genüge . In dem Theater waren jetzt die Prosceniumslogen , die ausschließlich für den Adel reservirt waren , stets gefüllt . Des Nachts wurden die guten Bürger von Grünwald durch das Rollen schnell fahrender Carossen aus ihrem ersten Schlaf aufgeschreckt , und zwölf Stunden später donnerten dieselben Carossen abermals durch die Straßen , da die nächtlichen Ruhestörer um diese Zeit ausgeschlafen hatten und das Bedürfniß fühlten , einander nach so langer Zeit wieder zu sehen und ihre Ansichten über die interessanten Ereignisse der letzten Ballnacht , - wie oft der junge Graf Grieben mit dem jüngsten Fräulein von Nadelitz getanzt , und welch ' sonderbaren Kopfputz die alte Baroneß Renzien aufgehabt habe - gegenseitig auszutauschen . Gestern war bei Griebens großer Ball gewesen ; auf morgen hatten Grenwitzens zu einer Soirée - der ersten , die sie in dieser Saison gaben - invitirt . Da die Etiquette erforderte , daß man sich nach einer Gesellschaft und ebenso vor einer Gesellschaft nach dem Befinden der betreffenden Gastgeber erkundigte , so mußten heute bei Griebens und bei Grenwitzens Visiten gemacht werden . Das Rollen der Carossen wollte deshalb heute Mittag kein Ende nehmen . Wenn Visiten in größerer Zahl zu erwarten standen , waren im Hôtel Grenwitz die sonst verschlossenen Empfangszimmer nach vorn heraus geöffnet . So auch heute . Ein Dutzend Visiten waren schon abgefertigt , ein anderes Dutzend wurde noch erwartet . Es befand sich augenblicklich Niemand im Salon , als die Baronin und der Baron . Sie hatten eben die Frau von Nadelitz mit ihren drei Töchtern unter Lächeln und Scherzen zum Salon hinauscomplimentirt ; aber die Thür hatte sich kaum hinter jenen Damen geschlossen , als der alte Herr sich mit der Miene äußerster Verdrossenheit in einen Lehnstuhl fallen ließ und Anna-Marie sich ihm gegenüber auf das Sopha setzte mit einem Gesicht , von dem jede leiseste Spur von Lächeln hinter Wolken tiefsten Unmuths verschwunden war . Augenscheinlich hatte , ehe der Besuch kam , zwischen ihnen eine unerquickliche Scene stattgefunden , und es handelte sich jetzt darum , wer von Beiden zuerst den unterbrochenen Dialog wieder aufnehmen würde . Diesmal war es gegen die Gewohnheit , daß der alte Herr , der mit nervöser Erregung aus seiner goldenen Tabaksdose eine Prise nahm , den Deckel zuklappte und sodann , als ob ihm Anna-Maria eben jetzt und nicht bereits vor einer halben Stunde das Stichwort gebracht hätte , sagte : Bleiben ? es muß doch Alles einmal ein