! - Und wenn ich es recht bedachte machte sie keine Ausnahme von der Regel ; denn in der Regel betrachtet die Gewöhnlichkeit die Zeichen und Gepräge des Außergewöhnlichen wie Jonglerie , Kömödie und Maskenspiel , welche aufgeführt werden um Staunen und Aufmerksamkeit zu fesseln . Das kann sie nun einmal durchaus nicht begreifen - abgesehen von allem Uebrigen was sie ebenfalls nicht begreift ! - daß der Außergewöhnliche sich gehen läßt in der Sorglosigkeit seiner Natur , statt zu schwimmen in ihren bodenlosen Ansprüchen von Bemerkt- und Begafftwerden . Zwischen Sedlaczech und Mezzoni entwickelte sich Mathildens bis dahin etwas seelenloses Talent . Letzterer spielte wunderschön das Violoncello , Ersterer die Geige , Mathilde den Flügel ; damit wurden herrliche Sachen von Haydn , Mozart und Beethoven ausgeführt . Oder Mezzoni und Sedlaczech spielten auf zwei Flügeln - oder endlich dieser allein ! Ich liebe nicht das Piano ; Holz bleibt Holz ! hat das Holz eine Seele , so ist sie darin eingesargt , während sie um die Saiten vom Bogen berührt , mit Schmetterlingsflügeln schwirrt und wirbelt . Aber wenn er spielte so war es kein Holz , überhaupt kein Piano mehr , sondern ein niegehörtes Instrument , das er nach eigener Erfindung behandelte . Ich Ungeschickte mußte immer zuhören ! ich hatte es auf dem Piano nie bis zur Mittelmäßigkeit , und auf der Harfe nur so weit gebracht um meinen Gesang zu begleiten . Jezt wurde ich zuweilen meiner passiven Theilnahme überdrüssig und begann meine Stimme wieder zu üben , woran ich stets Vergnügen gefunden hatte . Dadurch kamen wir auf die Vocalmusik und nun in Sedlaczechs geliebtes Fach - den Kirchengesang . Er verstand es seine Liebe , seine Bewunderung , seine Andacht uns Andern einzuflößen , und ohne daß Einer von uns eine wahrhaft schöne oder glänzend ausgebildete Stimme gehabt hätte , wurde es uns doch möglich durch Fleiß , Ausdauer und Ernst von den altitalienischen Kirchenmusiken Manches vierstimmig auszuführen . Mit ihren Worten voll übermenschlicher Klage und Sehnsucht - voll göttlicher Verheißung und Barmherzigkeit - den Psalmen und Propheten entnommen - von Palestrinas , Leos und Durantes glaubensstarken Seelen in die mächtige Sprache ihres Genius übertragen , der sich von allen Qualen , Sünden und Leidenschaften der Welt in dem geweihten Born eines unantastbaren Glaubens frischbadete : machte diese Musik mir einen ganz unerhörten Eindruck . Ich kam mir wie geadelt vor indem sie über meine Lippen ging . Die dumpfen Aengste meiner Seele lösten sich auf in dieser Ruhe welche das Leben und den Tod überwunden hat und von den Wonnen des Paradieses nichts erwartet - als dessen unzerstörbaren Frieden . Immer war mir dabei zu Muth wie einem sterbensmüden Pilger , der erschöpft im Schlaf gefallen ist und der in seines Traumes seligen Visionen nicht merkt , daß sein Leib auf steinigem Boden liegt und seine Füße von Dornen bluten . Ich begann nie anders als mit Andacht ; ich schloß nie anders als in Extase . Dieses Ringen zwischen Körper und Seele - diese Uebermacht der letzteren mit der sie sich schauernd , bebend , die flammendste Kraft zusammenfassend , allendlich in den Aether einer Region schwingt , die ihr im gewöhnlichen Zustand versagt bleibt - diese Extase , welche uns in einzelnen , in den höchsten Momenten von Glück , von Liebe , von Opfer , über uns selbst emporrafft : nie empfand ich sie reiner und stärker , weder vorher noch nachher , als eben bei jener Musik . Daher lebte und webte ich in ihr . Nach meiner excentrischen Art ging Alles neben ihr unter . Der Tag hatte nur Werth für mich weil er den Abend und mit ihm meinen Hochgenuß brachte , der bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt wurde . Mezzoni und Sedlaczech dachten ebenso wenig als ich an das Aufhören . Fräulein Mathilde dachte wol zuweilen im Stillen daran , betrachtete aber die Sache zu sehr als eine trefliche musikalische Uebung , die ihr in Zukunft , als Lehrerin vielleicht , zu gut kommen könne , um sie nicht mit Eifer obgleich ohne Andacht zu treiben . Unser Auditorium störte oder befeuerte uns nicht , denn wir hatten keines . Ich hatte ein Musikzimmer neben dem Salon eingerichtet in welchem wir uns Abends Alle versammelten - auch die beiden Kinder und Benvenutas Gouvernante und Hofmeister . Aber die ersteren gingen früh schlafen , und die letzteren , zwei leidenschaftliche Schachspieler , blieben immer im Salon vor ihrem Schachbrett und kümmerten sich so wenig um Palestrina als wir uns um Philidor . Ich hatte freilich versucht meine Sonntagsgesellschaft durch unsre Musik zu entzücken ; aber das gelang nicht ! Der geistliche Theil hörte nicht ohne Erbauung wenn auch ohne Vergnügen zu ; der weltliche kämpfte mühsam mit Schläfrigkeit ; er war nicht daran gewöhnt zu diesem ernsten Gedankenkreis sich zu erheben . Fräulein Mathilde mußte spielen und singen , oder Mezzoni eine Scene aus einer Opera buffa oder die Barcarolen seiner Heimat vortragen , was er mit unbeschreiblich guter Laune und Gewandtheit that : das war ihnen angenehmer , erheiternder , gleichsam mehr ein Sonntagsvergnügen voll Contrast mit ihrem Alltagsleben . - - - Wieder vergingen die Tage ungezählt und unbemerkt ; Winter und Sommer ; und wieder ein Winter und noch ein Sommer . Ich war wol nicht glücklich , aber ich vergaß daß ich es nicht war - und damit war viel gewonnen nämlich etwas Beruhigung ! denn das suchen , sehnen und jagen nach Glück ließ nach , und daher war mir das Leben nicht länger ein heißer Kampf oder eine lähmende Last . Ich forschte nicht , ich fragte nicht . Ich glaube zum ersten Mal seit ich geboren , gewährte mir die Gegenwart wie sie eben war stillen Genuß . Ich hätte vielleicht Zuwachs , Vermehrung und Erhöhung desselben gewünscht , doch gewiß nicht um den Preis irgend einer Veränderung . Die alten Astrologen sagten : diejenigen sind unfehlbar unglückliche Menschen , deren Stern bei ihrer Geburt unter